Politik

Der Westen verliert im Nahen Osten zunehmend an Bedeutung

Die USA erleben derzeit einen schweren Rückschlag, nachdem Syrien in die Arabische Liga zurückgekehrt ist. Die arabischen Nachbarländer fahren schon längst einen neuen Kurs. Auslöser war ein spektakulärer Drohnenangriff, der die Machtverhältnisse in dieser Region neu geordnet hat.
19.05.2023 13:58
Aktualisiert: 19.05.2023 13:58
Lesezeit: 2 min

Nach dem jüngsten Deal zwischen Iran und Saudi-Arabien überschlagen sich neue diplomatische Initiativen, die nicht anders als ein weiterer Bedeutungsverlust des Westens im Nahen Osten zu interpretieren sind. Auf die Normalisierung der Beziehungen zwischen Syrien und Saudi-Arabien folgte nun die Rückkehr Syriens in die Arabische Liga.

Annäherung Irans an Saudi-Arabien als Meilenstein

Der Westen hat lange Zeit davon profitiert, den Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien zu befeuern, um neue Partner für seinen engen Verbündeten Israel in der Region zu gewinnen. Die Akteure am Persischen Golf fahren aber schon längst einen neuen Kurs, der ursprünglich auf den spektakulären Drohnenangriff auf die saudische Aramco-Ölanlage im Jahr 2019 zurückzuführen ist.

Bei den Angriffen waren seinerzeit eine Ölraffinerie des Konzerns Aramco in Abkaik und das Churais-Ölfeld im Osten Saudi-Arabiens von tief fliegenden Drohnen und Marschflugkörpern getroffen worden. Iran und dessen verbündete Huthi-Bewegung im Jemen sollen hinter diesem Angriff gesteckt haben.

In den USA zeigte damals der US-Präsident Donald Trump kein Interesse sich in militärische Konfrontationen gegen Iran zur Unterstützung seines saudischen Partners in der Region verwickeln zu lassen. Riad musste so eine bittere Lektion lernen und zwar, dass auf die „Schutzmacht“ USA kein Verlass ist. Washington konnte nämlich bei einer Politik des sogenannten maximalen Drucks auf Iran nur minimalen Schutz bieten.

Von diesem Zeitpunkt an haben die Saudis einen neuen Kurs zur Ausbalancierung ihrer Außenpolitik zwischen dem Osten und Westen gefahren und damit angefangen ihre Beziehungen zu Russland und China zu vertiefen. Dabei ist auch anzumerken, dass Washington seit dem Afghanistan-Debakel 2021 begonnen hat, Stück für Stück seine Streitkräfte aus der Golfregion, einschließlich Saudi-Arabien, abzuziehen, um sich mehr auf China im Pazifik zu fokussieren.

China tritt in die Rolle des Vermittlers

Der Nahe Osten ist nun nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen Iran und Saudi-Arabien unter Vermittlung Chinas von einem Umbruch erfasst: Syrien ist wieder zurück in der Arabischen Liga, wobei Saudi-Arabien eine Schlüsselrolle bei der Versöhnung der syrischen Regierung mit weiteren arabischen Staaten spielte. Die Arabische Liga hatte die Mitgliedschaft Syriens 2011 suspendiert, nachdem die arabischen Staaten ihre Beziehungen zu Damaskus angesichts des damaligen Aufstands gegen die syrische Staatsmacht gekappt hatten.

Nach der jahrelangen Finanzierung islamistischer Gruppen in Syrien durch Golfstaaten wie Katar und Saudi-Arabien haben nun die arabischen Nachbarn akzeptieren, dass an dem Präsidenten Baschar al-Assad kein Weg mehr vorbeiführt. Sie wollen wieder mit ihm arbeiten, um die Auswirkungen des syrischen Konflikts auf ihre eigenen Länder abzuwenden, obwohl die USA in letzter Zeit mehrfach die arabischen Staaten vor der Normalisierung ihrer Beziehungen zu Syrien gewarnt hatten.

Die jüngste Entscheidung der Arabischen Liga, Syrien wieder aufzunehmen, ist ein bedeutender symbolischer Sieg für Damaskus und dessen Verbündete wie Russland und Iran. Der Schritt ist Teil einer größeren regionalen Neuausrichtung – und ein Hinweis auf die schwindende Rolle der USA im Nahen Osten. Für das Weiße Haus ist die arabische Wiederaufnahme Assads eine Niederlage.

Die Regime-Change-Agenda des Westens in Syrien ist damit endgültig gescheitert. Aber nicht nur die USA, sondern auch die islamistischen Gruppierungen in Idlib befinden sich derzeit im Angst-Modus, da diese neuen Entwicklungen den Sturz des Mini-Terrorstaates in Idlib zur Folge haben könnten. Im Jahr 2015 eroberte die Nusra-Front im Verbund mit anderen islamistischen Kampfgruppen und der Unterstützung der Türkei die nördliche Provinz Idlib, die heute die letzte Bastion der Dschihadisten unter der Herrschaft der Extremistengruppe „Haiʾat Tahrir asch-Scham“ in Syrien ist.

Der Westen sollte nun wegen des eigenen Bedeutungsverlustes mit großer Sorge auf die Neuordnung der geopolitischen Verhältnisse in Nahost blicken. Russland und China füllen schon längst das Vakuum, dass die USA mit ihrem Rückzug aus der Region hinterlassen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Ob AfD-Beben oder Zerreißprobe – Bundeskanzler Merz steckt in der Bredouille
06.09.2026

Die Wahl in Sachsen-Anhalt könnte zum Wendepunkt für die CDU und ihren Vorsitzenden werden. Zwischen einem historischen AfD-Erfolg und...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD klar vor CDU bei Sachsen-Anhalt-Wahl
06.09.2026

Die AfD distanziert die CDU. Die SPD bleibt stabil, die Linke büßt Stimmen ein. Die Grünen schaffen es in den Landtag, das BSW kann...

DWN
Finanzen
Finanzen Kurzlaufende Staatsanleihen sind nach dem Zinsanstieg für Sparer attraktiver
06.09.2026

Kurzlaufende Staatsanleihen mit einer Rendite von nahe drei Prozent sind ein Grund, das Wissen aufzufrischen: Wie können Anleger...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Von Titan bis Neodym: So abhängig ist Europas Rüstungsindustrie von Russland und China
06.09.2026

Flugzeugstrukturen, Triebwerke und Raketenkörper brauchen hochreinen Titanschwamm, und die Hälfte davon stammt aus China und Russland....

DWN
Finanzen
Finanzen Die serbische Börse ist die rentabelste der Welt? Das muss ein Fehler sein
06.09.2026

Der serbische Aktienindex Belex15 soll laut Bloomberg seit Jahresbeginn mehr als 515.000 Prozent Gesamtrendite erzielt haben. Doch ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Warum Projekte scheitern – und wie Sie den Kollaps verhindern
06.09.2026

Stuttgart 21 als Warnung für den Mittelstand: Atreus-Experte Thomas Gläßer erklärt, warum Projekte scheitern, welche Ursachen...

DWN
Politik
Politik Dexit: Was von Europa ohne Deutschland bliebe
06.09.2026

Ein Dexit galt lange als politisches Randthema. Doch wenn die AfD weiter zulegt, wird der Austritt Deutschlands aus EU, Euro und Schengen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ratan Tata im Porträt: Das Auto war zu billig, um ein Erfolg zu werden
06.09.2026

Ratan Tata wollte indischen Familien ein sicheres und bezahlbares Auto geben. Der Tata Nano wurde als billigstes Auto der Welt gefeiert,...