Finanzen

Digitaler Euro: Bürger verlieren letzten Rest an Privatsphäre

EZB und EU treiben den digitalen Euro unbeirrt voran. Einen Nutzen für den Bürger können sie nicht nennen. Der Schaden für die Privatsphäre ist hingegen sicher.
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18.05.2023 11:03
Aktualisiert: 18.05.2023 11:03
Lesezeit: 6 min
Digitaler Euro: Bürger verlieren letzten Rest an Privatsphäre
Die Politik treibt den digitalen Euro trotz aller Kritik unbeirrt voran. (Foto: iStock.com/peterschreiber.media) Foto: peterschreiber.media

Die Europäische Zentralbank und die Europäische Union unternehmen in diesem Jahr beschleunigte Schritte zur Einführung des digitalen Euro. Dies ist auch deshalb beunruhigend, weil sie nicht nachvollziehbar angeben können, welchen Nutzen die digitale Zentralbankwährung (CBDC) für den Verbraucher haben soll. Unvermeidlich ist hingegen der Verlust des letzten Restes an finanzieller Privatsphäre.

Die EZB ist beim Thema digitale Zentralbankwährung weiter fortgeschritten als alle anderen westlichen Notenbanken. Der digitale Euro soll bereits in drei Jahren eingeführt werden. Im Sommer wird die EU-Kommission Gesetzesvorschläge vorlegen, in denen einige der wichtigsten Gestaltungsmerkmale der geplanten Währung festgelegt werden. Und im Oktober wird die EZB voraussichtlich ein umfassendes Pilotprojekt dazu ankündigen.

Der digitale Euro soll eine Alternative zu den bestehenden Formen des elektronischen Geldes bieten, die vom Privatsektor bereitgestellt werden, darunter etwa Bankkonten und Überweisungen, Kreditkarten, Debitkarten oder Bezahl-Apps. Denn diese bestehenden Formen elektronischen Geldes aus dem privaten Sektor haben das von der EZB kontrollierte Bargeld verdrängt und verdrängen es unaufhörlich weiter.

Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage der EZB ist die Bargeldnutzung in der Eurozone von 79 Prozent aller Kassentransaktionen im Jahr 2016 auf nur noch 59 Prozent im Jahr 2022 zurückgegangen. Der Anteil der Menschen in der Eurozone, die am liebsten mit Bargeld bezahlen, ist der Umfrage zufolge von 32 Prozent auf nur noch 22 Prozent gesunken.

Die Zentralbanken weltweit reagieren auf die Verdrängung des Bargelds, indem sie seit einigen Jahren "digitales Bargeld" entwickeln: die sogenannten digitalen Zentralbankwährungen. Einen klaren Vorteil für den Verbraucher bringt die neue Technologie zunächst nicht, denn für den Nutzer ist die digitale Zentralbankwährung nichts weiter als nur noch eine weitere elektronische Bezahl-Option, von denen es bereits mehr als genug gibt.

Banken sollen digitalen Euro zum Kunden bringen

Auch deshalb wird der digitale Euro in der Öffentlichkeit vor allem als möglicher Ersatz für das Bargeld gesehen. Die EZB weist entsprechende Befürchtungen vehement zurück und sagt, dass sie den digitalen Euro als Ergänzung zum Bargeld sieht und nicht als Ersatz. Sie plant, die Infrastruktur für den digitalen Euro aufzubauen und die Token für das neue System auszugeben, das Tagesgeschäft will sie aber den Geschäftsbanken überlassen.

Die Verbraucher werden wahrscheinlich die Möglichkeit erhalten, digitale Euro über ihre Geschäftsbank und nicht direkt bei der EZB zu erwerben. Es ist unwahrscheinlich, dass die neuen Token Zinsen abwerfen, und sie können in einer separaten App der Bank gehalten werden, aber ansonsten könnten sie sich kaum von regulären Bankeinlagen unterscheiden.

"Die Digitalisierung der Gesellschaft bedeutet, dass jeder digital bezahlen will", sagte EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta, der die Arbeit am digitalen Euro überwacht, der Financial Times. "Aber es gibt kein einziges digitales Zahlungsmittel, das man überall in der Eurozone verwenden kann. Visa oder Mastercard werden von außereuropäischen Unternehmen kontrolliert und sind weit verbreitet, aber viele Geschäfte akzeptieren sie nicht. Selbst Bargeld wird nicht überall akzeptiert."

Beamte sagen, dass Bargeld eine wichtige stabilisierende Kraft im Finanzsystem darstellt, da es von der Zentralbank gedeckt wird und somit risikolos wird. Der digitale Euro soll diese Rolle des Bargelds beibehalten. "Wir wollen eine App entwickeln, die sicherstellt, dass man in jedem Teil des Euroraums auf die gleiche Weise mit dem digitalen Euro bezahlen kann", sagt Panetta.

Banken bremsen, Politik in Erklärungsnot

Die Banken in der Eurozone betrachten den digitalen Euro nicht nur als neuen Konkurrenten, sondern geradezu als mögliche Gefahr. Die European Banking Federation (EBF) warnt vor "einem erheblichen Risiko für die Banken aufgrund der potenziellen Verlagerung erheblicher Mittel, die derzeit als Bankeinlagen gehalten werden, auf digitale Euro-Konten beziehungsweise digitale Euro-Geldbörsen".

Tatsächlich werden Bank-Runs wahrscheinlicher, wenn die Bankkunden ihre Bankguthaben jederzeit in digitale Euro transferieren können. Um dem Risiko entgegenzuwirken, erwägt die EZB, die Anzahl der digitalen Euro, die jeder Bürger halten kann, auf etwa 3.000 Euro zu begrenzen oder einen Strafzins für Guthaben über einer bestimmten Höhe einzuführen.

Zudem befürchten die Banken, dass sie die Kosten für den digitalen Euro tragen müssen, zumal die EZB erklärt hat, dass grundlegende Zahlungen mit dem digitalen Euro für den Bürger kostenlos sein sollen. Die EBF sagt, dass "staatliche Mittel zur Verfügung gestellt werden sollten, um die erforderlichen Investitionen zu unterstützen" und empfiehlt, dass Händler Gebühren für die Annahme von digitalen Euro-Zahlungen zahlen.

Bei der Eurogruppe, die sich aus den Finanzministern der Euro-Staaten zusammensetzt, ist man sich zunehmend bewusst, dass die Bürger wenig Interesse an einem digitalen Euro haben, der für sie keinen Mehrwert liefert. Die Verbraucher in der Eurozone können ja bereits mit dem Mobiltelefon oder der Geldkarte problemlos digitale Transaktionen durchführen.

Die niederländische Finanzministerin Sigrid Kaag sagte ihren Kollegen bei einem privaten Treffen im März, dass es schwierig sei, den Bürgern zu erklären, warum ein digitaler Euro notwendig sei, berichten Personen, die mit dem Treffen vertraut sind. Es sei notwendig, dass die Politiker nach außen gehen und die Vorteile der Währung erklären und greifbar machen, argumentierte sie, da das neue Projekt sonst keine Akzeptanz finden könnte.

"Ich gebe zu, dass wir den Verbrauchern den Nutzen vielleicht noch nicht deutlich genug gemacht haben", sagt auch Paschal Donohoe, Präsident der Eurogruppe, gegenüber der Financial Times. "Der Wert von Konzepten wie Finanzstabilität wird manchmal nur in ihrer Abwesenheit verstanden", so der Ire. Wenn die Entscheidung getroffen werde, in die Realisierungsphase einzutreten, müsse mehr getan werden, um es den Verbrauchern zu erklären.

Digitaler Euro - ein "Big Brother"?

Doch möglicherweise bedarf erst einer veritablen Krise, damit die Entscheidungsträger bei den Zentralbanken und in der Politik die Einführung digitaler Zentralbankwährungen glaubhaft rechtfertigen können - oder damit die Einführung der digitalen Zentralbankwährungen weniger der Kritik ausgesetzt ist, da im Krisenfall andere Probleme dringender erscheinen.

Die EU-Kommission bereitet derzeit einen Gesetzesentwurf vor, der den rechtlichen Rahmen für den digitalen Euro bilden soll. Zu den offenen Fragen, mit denen sich die Beamten auseinandersetzen, gehört die Frage, wie Obergrenzen für digitale Euro-Konten festgeschrieben werden können. Eine weitere Frage ist, wie die Bedenken bezüglich des Datenschutzes, die mit dem Konzept einhergehen, angegangen werden können.

Mairead McGuinness, EU-Kommissarin für Finanzdienstleistungen, hat betont, dass der digitale Euro kein "Big Brother"-Projekt sein soll. Offiziell heißt es, die Haushalte gäben durch die Nutzung ihrer Mobiltelefone und Apps bereits weitaus mehr Privatsphäre an private Tech-Giganten ab. Die Minister sind sich jedoch des Risikos bewusst, dass das Projekt durch den Eindruck getrübt werden könnte, dass die Regierung die Ausgaben der Haushalte ausspäht.

Die EZB will den Befürchtungen in Bezug auf den Schutz der Privatsphäre dadurch begegnen, dass die Identität der Nutzer von den Zahlungsdaten getrennt bleibt, sofern kein Verdacht auf kriminelle Aktivitäten besteht. "Wir werden das System so gestalten, dass wir nicht nachverfolgen können, ob Sie beim Bäcker waren oder was auch immer", sagte kürzlich Evelien Witlox, Leiterin des digitalen Euro-Projekts bei der EZB.

Digitale Zentralbankwährungen haben sich längst über die ganze Welt verbreitet. In einer Handvoll Staaten gibt es bereits voll funktionsfähige CBDCs für den Einzelhandel, darunter Nigeria, Jamaika und die Bahamas. Zudem gibt es nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in 34 Ländern Pilotprojekte für den Groß- oder für den Einzelhandel.

Das am meisten beobachtete Projekt in diesem Bereich ist der digitale Renminbi. Die chinesische Zentralbank hat die Zahl der laufenden Pilotprojekte zuletzt erhöht und beispielsweise Beamte in den sogenannten E-Yuan bezahlt. Doch die Akzeptanz ist nach wie vor gering, denn auch hier sind für den Verbraucher keine Vorteile der digitalen Währung ersichtlich.

Digitaler Euro bringt Schweden in die Defensive

Auch die schwedische Reichsbank war im Hinblick auf digitale Zentralbankwährungen ein Vorreiter. Bereits im Jahr 2017 startete sie ihr E-krona-Projekt. In Schweden hat man sich schneller vom Bargeld verabschiedet als anderswo in der Welt. Nach Angaben der Riksbank nutzt es nur noch ein Drittel der Bevölkerung regelmäßig, obwohl es 2016 noch fast 80 Prozent waren.

Dennoch kam ein von der schwedischen Regierung beauftrage Untersuchung im März dieses Jahres zu dem Schluss, dass er "derzeit kein ausreichendes gesellschaftliches Bedürfnis" für eine E-krona sieht. Einziges Argument für die Fortsetzung der Arbeiten an der digitalen Zentralbankwährung in Schweden seien die starken Verbindungen des Landes zur Eurozone.

Denn ein digitaler Euro "könnte längerfristig dazu führen könnte, dass der Euro in Schweden in größerem Umfang für Zahlungen verwendet wird", heißt es im Untersuchungsbericht. Dies "könnte die Geldpolitik weniger effektiv machen" und Risiken für die Finanzstabilität schaffen. Dementsprechend wurde die Riksbank angewiesen, die Angelegenheit weiter zu prüfen und im nächsten Jahr einen Vorschlag für die Einführung einer E-krona vorzulegen.

Das drohende Ende des Bargelds

Sicherlich kann digitales Zentralbankgeld nicht mit dem Bargeld konkurrieren, sondern nur mit dem Bankkonto und der Geldkarte, auch wenn er dem Verbrauchen keinen ersichtlichen Nutzen bieten kann. "Das Ziel ist nicht, einen großen Marktanteil zu gewinnen", sagt Panetta. "Wir wollen nicht marktbeherrschend werden oder die Banken herausfordern. Wenn der digitale Euro zu einer vertrauten Zahlungsoption für die Europäer wird, ist das für mich in Ordnung."

Doch auch wenn der digitale Euro nicht mit dem Bargeld konkurrieren kann, dessen klarer Vorteil seine finanzielle Privatsphäre ist, so kann er es doch ersetzen. Erst der digitale Euro ermöglicht eine relativ reibungslose Abschaffung des Bargelds und somit den Übergang zu einem rein elektronischen Geldsystem. Denn digitaler Euro und Bargeld sind beide Formen von Zentralbankgeld - anders als etwa das Geld auf dem Konto - und können gegeneinander ausgewechselt werden.

Mit der Umstellung vom Bargeld auf "digitales Bargeld" vollzieht das Zentralbanksystem lediglich den Schritt in das Zeitalter des elektronischen Bezahlens. Damit einher geht das Ende der Privatsphäre beim Bezahlen. Wie die wachsende freiwillige Nutzung elektronischer Zahlungsmittel zeigt, gibt es viele Fälle, wo den Menschen ihre Privatsphäre weniger wichtig ist. Doch was geschieht, wenn finanzielle Privatsphäre gänzlich unmöglich wird?

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