Finanzen

Japan verordnet Bürgern hohe Inflation, um Staatsschulden zu stemmen

In Japan macht die Notenbank keinen Hehl daraus, dass sie die hohen Staatsschulden mithilfe der Inflation abtragen will. Die Bürger sollen für alles mehr bezahlen - eine Problemlösung, auf die man sich auch anderswo einstellen muss.
Autor
20.05.2023 11:51
Aktualisiert: 20.05.2023 11:51
Lesezeit: 3 min
Japan verordnet Bürgern hohe Inflation, um Staatsschulden zu stemmen
Die Lebensmittelpreise in Japan steigen so schnell wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Doch die Inflation ist gewollt. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Ein von der japanischen Notenbank viel beachteter Inflationsindex, der die Preise für verderbliche Lebensmittel und Treibstoff ausklammert, ist im April auf 4,1 Prozent angestiegen. Aus deutscher und europäischer Sicht mag dies nicht dramatisch viel erscheinen. Doch in Japan ist es der höchste Wert seit 42 Jahren, und vor allem will die Notenbank dort die Inflation ganz bewusst weiter steigen lassen. Sie hält an negativen Zinsen fest und setzt weiter auf lockere Geldpolitik. Denn nur so kann der japanische Staat seine Schuldenlast noch tragen.

Wie überall auf der Welt sinken die Energiepreise auch in Japan seit Monaten, im April lagen sie um 4,4 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Die Lebensmittelpreise stiegen jedoch im Vergleich zum Vorjahr um massive 8,4 Prozent. Dies ist der höchste Anstieg bei den Lebensmittelpreisen in Japan seit dem Jahr 1980. Der Verbraucherpreisindex insgesamt stieg im April trotz des Rückgangs der Energiepreise auf 3,5 Prozent, da die Inflation nun tief in die japanische Wirtschaft eingedrungen ist. Die Inflation liegt bereits seit April letzten Jahres über der Zielmarke der Notenbank von 2 Prozent.

Japans neuer Notenbankchef Kazuo Ueda sprach sich am Freitag in einer Rede in Tokio dafür aus, die Inflation weiter ansteigen zu lassen. Rufen nach einer raschen Abkehr von der jahrelangen ultralockeren Geldpolitik erteilte er eine Absage. Im Rahmen ihrer derzeitigen Politik hält die Notenbank die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen unterhalb von 0,5 Prozent, indem sie damit droht, unbegrenzt viele dieser Anleihen zu kaufen. Die Bürger sollen für alles höhere Preise zahlen, damit die enormen japanischen Staatsschulden abgetragen werden können.

"Derzeit ist es notwendig, mit der geldpolitischen Lockerung fortzufahren", sagte der japanische Notenbankchef weiter. Die Kosten dafür, die Geldpolitik verfrüht zu ändern und die Inflation in Richtung 2 Prozent zu drücken, wären seiner Ansicht nach wahrscheinlich extrem hoch. "Es ist angebracht, sich Zeit zu nehmen, um zu beurteilen, wann die ultralockere Geldpolitik in Richtung eines künftigen Ausstiegs angepasst werden sollte." Ueda hatte im April das Ruder bei der Bank von Japan (BOJ) übernommen.

Der jüngste Anstieg der Inflation über das Zwei-Prozent-Ziel der Währungshüter hinaus sei vor allem von externen Faktoren angetrieben worden und nicht durch eine starke heimische Nachfrage, sagte Ueda. Auf derartige Preisanstiege mit einer strafferen Geldpolitik zu reagieren würde der Wirtschaft schaden, warnte er. Das sich abschwächende Wachstum der Weltwirtschaft berge Risiken für Japans Konjunktur. Dazu komme die Unsicherheit, ob das Lohnwachstum im Land auch anhalten werde.

"Die Bank wird die Reifung dieser sich abzeichnenden Entwicklungen sorgfältig begleiten und darauf hinarbeiten, das Preisstabilitätsziel von 2 Prozent auf nachhaltige und stabile Weise zu erreichen, begleitet von Lohnerhöhungen", sagte Ueda. Mit dieser Formulierung meint er offenbar, dass die Inflation in Japan auch deutlich über 2 Prozent ansteigen, dabei jedoch nicht völlig außer Kontrolle geraten darf. Nach Jahrzehnten übermäßiger Staatsausgaben ist diese De-facto-Enteignung der Verbraucher die wohl praktikabelste Lösung des japanischen Schuldenproblems - und ein Vorbild für den Rest der Welt.

Im Dezember 2022 betrug die japanische Staatsverschuldung schätzungsweise 1,29 Quadrillionen Yen (8,64 Billionen Euro) beziehungsweise 263 Prozent des BIP. Damit hat Japan die höchste Staatsschuldenquote unter allen Industrienationen. Von allen japanischen Staatsanleihen werden 43,3 von der Bank of Japan gehalten, die seit Jahrzehnten die Renditen mit massiven Anleihekäufen nach unten drückt. Würden die Zinsen steigen, könnte der japanische Staat seine Schuldenlast bald nicht mehr tragen.

Ein Land, in dem eine ganze Generation von Verbrauchern, Unternehmen, Bankern und Politikern nur stagnierende oder sinkende Preise kannte, hat nun eine anhaltende Inflation, die für die Notenbank jedoch kein Problem ist, sondern die Lösung. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hatte sich zu Jahresbeginn aus der Rezession gelöst und war stärker gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legt im ersten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 1,6 Prozent zu. Die nächste Zinssitzung der japanischen Notenbank ist für den 15. und 16. Juni geplant.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU Single Rulebook: Warum der 10. Juli 2027 für Banken zum wichtigen Stichtag wird

Die europäische Geldwäschebekämpfung wird mit einem grundlegenden Wandel konfrontiert. Mit der Anti-Money Laundering Regulation (AMLR)...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Kinder zerbrechen, gerät auch die Arbeitswelt ins Wanken
12.09.2026

Zuerst brach ihr Sohn am ersten Schultag zusammen, dann brach sie selbst bei der Arbeit zusammen. Kinder in schwerer Belastung beeinflussen...

DWN
Panorama
Panorama Rolex Daytona: Vier Einzelstücke könnten Millionenrekord brechen
12.09.2026

Vier Rolex Daytona, vier Jahreszeiten und kein einziges zweites Exemplar auf der Welt: Rolex bricht mit einer Tradition, die den Mythos der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen AeroSHARK-Installation: Airbus-Flugzeuge bekommen "Haifischhaut"
12.09.2026

Flugzeuge könnten künftig mit einer Oberfläche starten, deren Prinzip aus dem Meer stammt. Die sogenannte AeroSHARK-Folie soll...

DWN
Panorama
Panorama Angst vor dem Älterwerden: Wie aus Sorge neue Freiheit wird und was Experten raten
12.09.2026

Der Blick in den Spiegel, ein runder Geburtstag oder erste körperliche Beschwerden können plötzlich Angst vor dem Älterwerden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Berufswahl und KI: Warum junge Menschen mehr auf Praxiserfahrungen achten sollten
12.09.2026

Die traditionellen Ratschläge zur Berufsorientierung greifen nicht mehr. Lange Zeit galt das Absolvieren eines rein akademischen Studiums...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Handel schließt trotz heißgelaufener Inflationsdaten im grünen Bereich
11.09.2026

Überraschende Wende an der Wall Street: Warum eine vermeintliche Hiobsbotschaft die Märkte beflügelt.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mehr Existenzgründungen in Deutschland: Positiver Trend trotz lahmender Konjunktur
11.09.2026

Trotz der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung verzeichnen Experten ein Plus bei den Gewerbegründungen. In einzelnen Bundesländern fiel...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
11.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...