Finanzen

Der DWN-Marktreport: Rohstoffmärkte setzen Aufwärtsbewegung fort – Unterstützung kommt vor allem vom „schwarzen Gold“

Nach gut einjähriger Abwärtsbewegung drehte der Rohstoffsektor Ende Juni auf Basis der breiten Indizes nach oben. Die dem initialen Anstieg folgende mehrwöchige Verschnaufpause wurde nun beendet, damit setzt sich der neue Aufwärtstrend weiter fort. Dafür maßgeblich verantwortlich ist die Entwicklung des Ölpreises.
12.09.2023 09:23
Aktualisiert: 15.09.2023 12:33
Lesezeit: 4 min
Der DWN-Marktreport: Rohstoffmärkte setzen Aufwärtsbewegung fort – Unterstützung kommt vor allem vom „schwarzen Gold“
Aufzeichungen im Betrieb von Öl- und Gas-Prozessen. (Foto: istockphoto.com/curraheeshutter) Foto: curraheeshutter

Betrachtet man die Aussichten der globalen Wirtschaftsentwicklung, so zeigen sich diese weiterhin bestenfalls durchwachsen - und mit einigen Unsicherheitsfaktoren belastet. So bleibt die Entwicklung der US-Ökonomie höchst unklar. Es gibt genügend Daten, mit denen so ziemlich jedes Szenario unterfüttert werden könnte, von einer sanften Landung über eine Rezession bis hin zu einer anhaltenden Überhitzung. Klar scheint jedoch zu sein, dass die USA derzeit immer noch mehr Schwung und Aktivität aufweisen als fast alle anderen Länder der Welt. Blickt man zum Beispiel auf die Einkaufsmanagerindizes aus Europa und den USA, so überraschen diese in den USA seit längerem positiv, in Europa hingegen ist es seit Monaten komplett andersherum. Die Kluft zwischen den beiden Messgrößen ist im Moment ungewöhnlich groß. Sie hat sich seit dem Frühsommer zwar etwas verringert, aber die Outperformance der USA ist immer noch höher als zu fast jedem anderen Zeitpunkt in den letzten fünf Jahren. In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, setzt sich die Reihe enttäuschender Daten fort, zuletzt meldete der dortige Dienstleistungssektor für August das bisher schwächste monatliche Wachstum in diesem Jahr. Peking läuft zunehmend Gefahr, sein Wachstumsziel von etwa 5 % für dieses Jahr zu verfehlen, und es ist unwahrscheinlich, dass es ein vergleichbar umfassendes Konjunkturpaket auflegen wird, wie es in der letzten globalen Finanzkrise der Fall war. Eine schwächere BIP-Entwicklung in China würde sich nach Angaben des IWF auf fast alle Länder auswirken.

Erdöl als wesentlicher Preistreiber

Blickt man auf einen breiten Rohstoffindex, wie beispielsweise den S&P Goldman Sachs Commodity Index (SPGSCI), zeigt der Sektor eine klar vollzogene Trendwende und wieder erhebliches Potenzial nach oben. Es fällt jedoch auch auf, dass dessen Preisverlauf eine sehr bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Entwicklung von Rohöl aufweist. Dieses Phänomen ergibt sich aus der Methodologie der Indexberechnung (und hier verfahren die großen Anbieter alle sehr ähnlich), denn je größer die Weltproduktion eines Rohstoffs ist, desto höher ist dessen Anteil im Index. Zudem spielt auch das Handelsvolumen eine Rolle für die jeweilige Gewichtung. Aktuell ist Erdöl (WTI plus Brent) mit knapp 42 % im SPGSCI vertreten, Ölprodukte kommen mit zusammen noch einmal gut 15 % hinzu. Der gesamte Energiesektor ist mit über 61 % extrem hoch gewichtet, man könnte durchaus von einem gewissen „Klumpenrisiko“ sprechen. Schaut man auf „den Rohstoffmarkt“ sollte man also im Hinterkopf behalten, dass ein Index den breiten Markt faktisch gar nicht so breit abbildet.

Momentan ist es vor allem die seit langem erwartete Angebotsverknappung, die sich auf den weltweiten Ölmärkten bemerkbar macht und die Preise in immer höherer Gefilde treibt. So sind die US-Lagerbestände auf ein Mehrjahrestief gesunken und die zum Aufbau von Preisdruck durch die Biden-Regierung nahezu gänzlich entleerten strategischen Vorräte der USA bislang nicht wieder aufgefüllt worden. Zudem erreicht auch die Ölnachfrage neue Rekorde und die Raffinerien konkurrieren um Ladungen. Es sieht ganz danach aus, als ob die von Prognostikern das ganze Jahr über vorhergesagte Marktverengung nun eingetreten ist. Buchstäblich Öl ins Feuer gossen zudem Saudi Arabien und Russland, die am vergangenen Dienstag erklärten, ihre freiwilligen Förderkürzungen bis Ende des Jahres zu verlängern, um "die Stabilität und das Gleichgewicht der Ölmärkte aufrechtzuerhalten". Sowohl Brent als auch die US-Sorte WTI handeln im Bereich ihrer Jahreshochs (88,15 USD bzw. 91,15 USD), und die Benzinpreise in den USA haben den höchsten saisonalen Stand seit mehr als zehn Jahren erreicht, obwohl mit dem Labor Day am 04. September die sogenannte Driving Season offiziell zu Ende ging. Zwar hat China derzeit mit massiven Problemen zu kämpfen, jedoch herrschte auf dem großen jährlichen asiatischen Ölhandelstreffen, welches vergangene Woche in Singapur stattfand, verhaltener Optimismus über den Zustand der chinesischen Nachfrage, insbesondere nach Benzin. Ohnehin hat der weltweite Verbrauch das ganze Jahr über positiv überrascht, und der zusätzliche Ölfluss aus dem Iran, Venezuela und Brasilien, der das Angebot gestützt hat, wird wahrscheinlich nicht mehr lange anhalten.

Dollar als wesentlicher Bremsschuh

Ein Index, wie der S&P GSCI Non Energy, welcher die Energierohstoffe exkludiert, liegt seit Monatsbeginn leicht im Minus. Zwar haben alle Segmente, von den Agrarsektoren bis zu den Basis- und Edelmetallen noch einmal ihre ganz eigenen Einflussfaktoren, ein ganz wesentlicher ist ihnen mit dem US-Dollar, in dem Rohstoffe (noch) denominiert werden, aber gemein. Und dieser hat in letzter Zeit wieder Fahrt aufgenommen. Zum einen auf Grund der schon eingangs beschriebenen Kluft, welche sich zwischen den USA und dem Rest der Welt in Sachen konjunktureller Entwicklung auftut, aber auch deshalb, weil höhere Öl- und Benzinpreise in Washington ganz sicher nicht gut ankommen werden. Nicht nur, dass dies Joe Bidens Wiederwahlpläne behindert, auch für die Notenbank kommt dies als erschwerender Faktor ihre kommende Zinsentscheidung betreffend hinzu. Äußerungen aus dem Hause der Fed lassen zwar auf eine Zinserhöhungspause am 20. September schließen, und auch der Marktkonsens sieht eine Pause. Die Gefahr eines weiteren Inflationsschubs aus Richtung Energie wird die Fed aber nicht ignorieren können. Und Saudi Arabien dürfte wenig Skrupel haben, die Zügel angezogen zu lassen und den Druck aufrechtzuerhalten. Aus ihrer Sicht sind 90 USD Öl heute nicht mehr dasselbe wie noch vor einigen Jahren. Der weltweite Inflationsschub hat die Kaufkraft der Petrodollars des Königreichs erheblich geschwächt, und die ehrgeizigen Pläne zur Umgestaltung der Wirtschaft müssen bezahlt werden.

Der Dollar-Index (DXY) beendete am vergangenen Freitag die achte Woche in Folge im Plus, das ist die längste Positiv-Serie seit 2005. China und Japan reagierten zum Wochenbeginn zumindest mit verbalen Interventionen auf die laufende Rally, was den Preisanstieg des Greenback zunächst bremsen konnte. Für den Edelmetallsektor ist die Dollarentwicklung der größte Belastungsfaktor, da dessen Stärke Gold und Silber für internationale Investoren verteuert. Die abermals leicht anziehenden Anleiherenditen drücken zusätzlich auf die Stimmung, da diese die Opportunitätskosten für nicht renditeträchtiger Anlagen wie Gold erhöhen. Im Moment geht der Markt davon aus, dass der US-Dollar für den Rest des Jahres der beste Freund der Anleger bleiben wird, was darauf hindeutet, dass der Aufwärtstrend bei Gold begrenzt ist.

Zentralbanken abermals im Mittelpunkt

An diesem Mittwoch werden die Inflationsdaten für August veröffentlicht. Dies sind die letzten wirklich wichtigen Wirtschaftsdaten vor der eine Woche später anstehenden Zinssatzentscheidung der US-Notenbank. Wie gesagt, es wird erwartet, dass die Fed die Zinsen auf dieser Sitzung nicht anheben wird, dennoch könnten die Daten die Entscheidungen der folgenden Sitzungen beeinflussen. Derzeit geht der Konsens davon aus, dass der monatliche Kernverbraucherpreisindex um 0,2 % ansteigen und dass sein Jahrespendant bei plus 4,3 % liegen wird, verglichen mit 4,7 % im Vormonat. Das wäre zwar eine deutliche Abschwächung, man sollte sich gelegentlich aber doch einmal verdeutlichen, dass das nicht heißt, dass die Inflation sinkt. Es bedeutet lediglich, dass das Geld etwas langsamer weniger Wert wird… Diesseits des Atlantiks werden die Vertreter der Europäischen Zentralbank am Donnerstag über eine Anhebung des Leitzinses diskutieren. Im Gespräch ist ein Viertelprozentpunkt, das Ergebnis ist jedoch erheblich offener als bei den amerikanischen Kollegen.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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