Politik

CDU in Hessen hat genug von den Grünen

Nach zehn Jahren mit den Grünen will die CDU in Hessen nun Koalitionsverhandlungen mit SPD aufnehmen. Die Schnittmengen seien dort einfach größer, so CDU-Chef Rhein.
10.11.2023 14:10
Aktualisiert: 10.11.2023 14:10
Lesezeit: 2 min
CDU in Hessen hat genug von den Grünen
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) will von den Grünen zur SPD schwenken. (Foto: dpa) Foto: Andreas Arnold

Nach zehn Jahren Koalition mit den Grünen will die CDU in Hessen künftig mit der SPD regieren. "Wir wollen als CDU den Versuch unternehmen, in Hessen eine Regierung mit den Sozialdemokraten zu bilden", sagte Hessens Ministerpräsident und CDU-Chef Boris Rhein am Freitag. Diese Entscheidung für das erste christlich-soziale Regierungsbündnis in Hessen seit 70 Jahren sei in den CDU-Gremien einstimmig gefallen. Die Koalitionsverhandlungen würden am Dienstag aufgenommen. "Die Schnittmengen sind derzeit mit der Sozialdemokratie einfach größer", sagte Rhein. In einer Zeit "multipler Krisen" wolle er eine Koalition aus der Mitte heraus bilden. Demnach spielte in den Sondierungsgesprächen mit SPD und Grünen die Migrationspolitik eine große Rolle. CDU-Parteichef Friedrich Merz, der die Grünen zum Hauptgegner erklärt hatte, habe auf die Entscheidung keinen Einfluss genommen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser, die auch hessische SPD-Landesvorsitzende ist, erklärte, dass sie auf jeden Fall im Bundeskabinett in Berlin bleiben und nicht nach Wiesbaden wechseln werde.

Für die Grünen in Hessen ist die Entscheidung der CDU ein herber Rückschlag. CDU und Grüne hatten in Hessen über die vergangenen fast zehn Jahre vergleichsweise geräuschlos miteinander regiert. Konflikte wurden zumeist hinter verschlossenen Türen und nicht auf offener Bühne ausgetragen. Bei den Grünen von Vizeministerpräsident Tarek Al-Wazir war daher darauf gesetzt worden, dass die CDU die Zusammenarbeit fortsetzen wolle. Bei der Landtagswahl am 8. Oktober war die CDU mit großem Vorsprung stärkste Kraft geworden. Eine rechnerische Mehrheit im Landtag in Wiesbaden hätte sowohl eine Fortsetzung von Schwarz-Grün als auch ein schwarz-rotes Bündnis.

RHEIN - VERNUNFT IM UMGANG MIT MIGRATION

Die CDU will laut Rhein mit der SPD ein christlich-soziales Programm schreiben, "das Vernunft und Fortschritt miteinander verbindet, ein Programm für Vernunft im Umgang mit der Migration, besonnen, nie mit Schaum vorm Mund, aber doch mit sehr klaren Entscheidungen und mit auch sehr klaren Weichenstellungen". Die Leitlinien seien sehr klar: "Wir arbeiten für einen starken Staat, wir arbeiten für eine stabile Wirtschaft und wir arbeiten für eine sanfte Erneuerung."

CDU-Fraktionschefin Ines Claus nannte als ersten Punkt die Migration. "In der neuen Regierung bekennen wir uns klar zu einer Begrenzung der Zuwanderung, zum Schutz der Binnengrenzen, zu einer echten Abschiebeoffensive, zu Integrationspflichten und wollen und werden keine weiteren Anreize für irreguläre Zuwanderung setzen", sagte Claus. Die neue Koalition werde sich zu einer aktiven Wirtschafts- und Industriepolitik bekennen, den Kommunen zur Seite stehen und ein Sicherheitspaket schnüren, das auch Videoüberwachung betreffe.

Als Signal für die Bundespolitik will Rhein die Entscheidung nicht verstanden wissen. "Aus meiner Sicht ist das auch kein Signal für Deutschland oder was auch immer", sagte Rhein. Es sei eine hessische Entscheidung. "Was der Bund macht und welche Entscheidungen im Bund getroffen werden, das muss Friedrich Merz mit dem Bundeskanzler und dem Parteivorsitzenden der Sozialdemokratie entscheiden", sagte Rhein. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun." Auf die Entscheidung in Hessen habe CDU-Chef Merz keinen Einfluss genommen.

Rhein dankte den Grünen für die Zusammenarbeit in den vergangenen fast zehn Jahren. "Da ist extrem viel an Vertrauen und Partnerschaft gewachsen", sagte Rhein. Er sprach von einer "emotional wirklich schwierigen Entscheidung".

Die Sondierungsgespräche hatte für die Sozialdemokraten hatte Bundesinnenministerin und SPD-Landeschefin Faeser geführt, die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der Landtagswahl war. Sie sagte in Berlin, dass sie den SPD-Gremien am Abend die Aufnahme von Koalitionsgesprächen empfehlen werde. Es hätten sich in der Sondierung etliche Übereinstimmungen mit der CDU gezeigt. Für die SPD seien die Themen Bildung, Bauen, Erhalt des Industriestandorts Hessen und wohnortnahe Gesundheitsversorgung wichtig gewesen. Auch Faeser wies den Eindruck zurück, dass die Bildung der schwarz-roten Regierung ein Signal für den Bund gewesen sei. "Natürlich macht es das an manchen Stellen einfacher", sagte sie zu ihrer Arbeit als Bundesinnenministerin und mit Blick auf den Bundesrat.

Bei der Landtagswahl am 8. Oktober hatte die CDU deutlich zugelegt und war mit 34,6 Prozent der Stimmen mit großem Abstand stärkste Partei geworden. SPD und Grüne wurden mit 15,1 und 14,8 Prozent nur Dritter und Vierter. Größte Oppositionskraft im neuen Landtag in Wiesbaden ist die AfD mit 18,4 Prozent. Die FDP schaffte mit 5,0 Prozent nur knapp den Einzug in den Landtag. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell über wichtiger Trendlinie - positive Signale stabilisieren die Börsen
21.04.2026

Der DAX-Kurs zeigt sich nach einem schwachem Wochenstart wieder stabiler. Hoffnung auf diplomatische Fortschritte im Nahost-Konflikt treibt...

DWN
Technologie
Technologie Umfrage: Atomausstieg wird kritisch bewertet - Mehrheit dennoch gegen Rückkehr zur Kernenergie
21.04.2026

Drei Jahre nach dem Ende der Kernenergie wächst die Kritik in der Bevölkerung. Viele Deutsche zweifeln am damaligen Beschluss, doch ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis aktuell uneinheitlich: Hoffnung auf Gespräche zwischen USA und Iran
21.04.2026

Die Ölpreise reagieren empfindlich auf neue Signale aus der Geopolitik. Gespräche zwischen Iran und USA könnten den Markt beruhigen –...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bruttoverdienst: Große Unterschiede zwischen Ost und West
21.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Einheit bleibt der Bruttoverdienst zwischen Ost und West deutlich unterschiedlich. Neue Zahlen zeigen...

DWN
Panorama
Panorama Buckelwal in der Ostsee: Timmy kämpft weiter ums Überleben - ist Nichtstun vielleicht die beste Option?
21.04.2026

Buckelwal Timmy kämpft in der Ostsee weiter ums Überleben: Nach mehreren Strandungen hoffen Helfer auf eine Wendung. Doch Fachleute...

DWN
Politik
Politik Rente: Merz kündigt tiefgreifende Änderungen an - Rentenreform zwingt Bürger zum Umdenken
21.04.2026

Die Rentenreform rückt immer stärker in den Mittelpunkt der politischen Agenda. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigt tiefgreifende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiewende in China: Peking überholt Europas Tempo bei sauberer Energie
21.04.2026

China dreht beim Umbau seines Energiesystems massiv auf. Mit einem radikalen Ausbau von erneuerbaren Energien und Kernkraft setzt Peking...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktüberblick: Aktien geben nach, da der Iran Einladung zu Gesprächen ablehnt
20.04.2026

Geopolitische Unsicherheiten sorgen für Bewegung an den Börsen – was Anleger jetzt über die aktuellen Entwicklungen wissen müssen.