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Neue Wege für Integration und Fachkräftegewinnung in Deutschland

Auf der einen Seite werden Fachkräfte händeringend gesucht, auf der anderen Seite gibt es tausende von Migranten im Land, die gerne arbeiten würden und qualifiziert dafür wären, aber an der Bürokratie oder anderen Hürden daran gehindert werden. Initiativen wie ‚easy newstime‘ können Brücken schlagen zwischen Unternehmen und qualifizierten Zuwanderern.
03.12.2023 08:50
Aktualisiert: 03.12.2023 08:50
Lesezeit: 4 min
Neue Wege für Integration und Fachkräftegewinnung in Deutschland
Ein aus dem Iran Geflohener bei der Ausbildung als Industriemechaniker. (Foto: dpa) Foto: Andreas Arnold

Das Video zeigt Abdoulie, einen jungen Mann, ursprünglich aus Gambia, in einem deutschen Krankenhaus. Er trägt einen grünen Anästhesisten-Kittel und erklärt vor laufender Kamera, welche Tipps er anderen Migranten und Neuankömmlingen in Deutschland geben kann, um sich besser zurechtzufinden. Er selbst ist ein Hinzugezogener aus Großbritannien, der sich Deutsch selbst beigebracht hat und nun als Anästhesieassistenz in der Uni-Klinik in Heidelberg arbeitet. Zwischen seinen Erläuterungen taucht eine Moderatorin auf, die mit Gestik, Körpersprache und in einfachen Sätzen das Thema „Deutschland ist anders, als du denkst: 10 Tipps von Abdulie für ein besseres Leben in Deutschland“ erklärt.

Die Moderatorin im Video ist Franzi Heiler, Gründerin von „easy newstime“ ein neues Webformat, welches sich gezielt an Migranten und Migrantinnen richtet, um ihnen in einfacher Weise die deutsche Kultur, Arbeits- und Denkweisen näherzubringen. „Ich habe easy newstime gegründet, weil ich durch den Krieg in der Ukraine, der auf einmal so nah war, gemerkt habe, dass das Leben zu kurz ist, um über C-Promis und ihre Instagram-Updates zu berichten. Die wahren Helden werden oft übersehen und es gibt viele von ihnen. Diesen möchte ich eine Stimme geben. Gerade in der aktuellen politischen Lage ist es wichtig, mehrere Perspektiven zu beleuchten, um Vorurteile und Hass im Keim zu ersticken. Oft kommentieren AfD-Wähler meine Videos. Natürlich kann ich sie nicht gleich umstimmen, aber vielleicht ändert der eine oder andere seine Meinung, wenn er oder sie Erfolgsgeschichten wie die von Ryyan Alshebls hören“, beschreibt sie ihre Gründungsidee. Der junge Mann, den sie erwähnt, kam als Geflüchteter von Syrien mit dem Schlauchboot, wie so viele, über das Meer. Er lernte in Deutschland die Sprache, machte eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt und ist nun, acht Jahre später, Bürgermeister von Ostelsheim.

Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Hinzugezogenen

Heilers Angebot ist auch Schnittstelle zwischen den Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen und Menschen, die zwar arbeits- und einsatzfähig wären, aber nicht den Zugang zur deutschen Arbeitswelt finden, aus welchen Gründen auch immer. Denn noch immer scheitern viele Hinzugezogene an der Kultur, Sprache aber vor allem auch an der deutschen Bürokratie. Eine Untersuchung von Expat Insider 2022 ergab, wie unattraktiv Deutschland für ausländische Fachkräfte ist. Bei den Kategorien Umgang mit der Verwaltung, digitales Leben, Wohnen und Sprache, landet Deutschland auf dem letzten Platz.

Heiler sieht noch viel Bedarf und Verbesserungspotential. Zum Beispiel stehe bald eine Kooperation mit einer großen Krankenkasse an, um die komplizierten Inhalte zum Thema „Krankenversicherungen in Deutschland“ in einfacher Sprache und mit kurzen Experteninterviews zu erklären. Der Andrang an wiederkehrenden Fragen ist hoch, doch viele Ausländer scheitern bereits an der formalen Sprache der Infos. Während der Pandemie war dies auch der Grund, warum bestimmte ausländische Bevölkerungsgruppen in der Anfangsphase des Ausbruchs mit den Impfungen zurückblieben: Sie wurden sprachlich und informativ nicht richtig abgeholt. Auch scheitert es oft an der Anerkennung von vorhandenen Qualifikationen aus dem Herkunftsland. Der Prozess ist komplex. Es müssen Anträge bei der Behörde eingereicht werden, die im jeweiligen Bundesland für die Ausbildung oder Prüfung des Berufs zuständig sind. Mittels einer Gleichwertigkeitsprüfung wird identifiziert, ob die ausländische Ausbildung mit dem deutschen Pendant verglichen werden kann. Der Anerkennungsprozess kostet Geld und dauert bis zu vier Monaten, die Prozesse sind je nach Bundesland und Beruf uneinheitlich. Auch hier fehle noch immer weitestgehend die Mehrsprachigkeit der Informationen. Zudem erschwert die Verwaltungssprache und die schlechte Erreichbarkeit der Behörden das Vorwärtskommen der Willigen.

Deutschland steht am Scheideweg. Auf der einen Seite beklagt die Migrationspolitik, insbesondere in der jüngsten Vergangenheit, eine hohe Zuwanderungsquote von nicht qualifizierten Menschen. Es wird über die Einführung von Pull-Faktoren, wie beispielsweise die Kürzung der Sozialleistungen nachgedacht, um die Migration zu schwächen. Wobei Sozialwissenschaftler wie Tim Müller bei der Auswertung der Migrations-Daten für 160 Länder sagen, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe, dass Sozialleistungen Geflüchtete anziehen würden.

Auf der anderen Seite braucht das Land neue Arbeitskräfte, aber nicht nur hoch qualifizierte Personen. Laut einem Fachkräftemonitoring für das Bundesarbeitsministerium werden bis zum Jahr 2026 schätzungsweise 240.000 Stellen mehr neu zu besetzen sein, als Arbeitskräfte verfügbar sein werden. Hierbei ist die Zuwanderung schon eingerechnet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält langfristig eine Nettozuwanderung von mindestens 400.000 Personen im Jahr für notwendig, um Abhilfe zu schaffen. Bis 2026 müssen insgesamt 4,13 Millionen Stellen neu besetzt werden, weil deren bisherige Stelleninhaber in Rente gehen.

Blaue EU-Karte

Die Politik reagiert bereits und bemüht sich durch das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz Fachkräfte mit Berufsausbildung und Personen mit berufspraktischen Kenntnissen leichter nach Deutschland kommen zu lassen. Dr. Martin Manzel, Fachanwalt für Migrationsrecht, hält die neuen Regelungen für einen Schritt in die richtige Richtung. „Allerdings müssten die an den migrationsrechtlichen Verfahren beteiligten Behörden aufgestockt und stärker digitalisiert werden, da die Verfahren einfach noch viel zu lange dauern. Viele Leute verlassen das Land, weil sie keinen Termin bei der Ausländerbehörde erhalten und daher den neuen Job nicht antreten können – oder kommen erst gar nicht her weil man Monate auf einen Termin bei der Auslandsvertretung warten muss. Die schreckt Fachkräfte ab und ist nicht im Sinne des Erfinders. Solange man hier nichts ändert, werden auch Erleichterungen im Bereich der Zuwanderung von Fachkräften ihren Zweck verfehlen“, resümiert er.

Bei der Ausweitung der Engpassberufe erkennt man, woran es der Deutschen Wirtschaft gerade am meisten mangelt: Führungskräfte in der Produktion bei der Herstellung von Waren, Führungskräfte in der Erbringung von Dienstleistungen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, Führungskräfte in der Erbringung von speziellen Dienstleistungen, wie zum Beispiel in der Kinderbetreuung oder im Gesundheitswesen, Tierärztinnen und Tierärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Apothekerinnen und Apotheker, Akademische und vergleichbare Krankenpflege- und Geburtshilfefachkräfte, Lehr- und Erziehungskräfte im schulischen und außerschulischen Bereich. Doch das ist bei weitem noch nicht alles. Denn es mangelt auch an Verkäufer, LKW-Fahrer Servicekräften und Behördenpersonal. Es mangelt an vielen Ecken. Dass beides zusammen gehen soll, Abschreckung und Lockerung gleichzeitig, mag ja noch nachvollziehbar sein, dennoch löst es nicht die Probleme, die aktuell vorherrschen. Denn die Arbeitskräfte werden in allen Sektoren gebraucht. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) verzeichnete Ende 2022 Engpässe in 200 Berufsgruppen, ein neuer Höchstwert. „In Bezug auf die aktuellen Erleichterungen, kann nun eine formale Fachkraft jede „qualifizierte Tätigkeit“ übernehmen. Unter einer qualifizierten Tätigkeit versteht man eine Tätigkeit, die in der Regel eine mindestens zweijährige Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss voraussetzt. Aus meiner Sicht wäre hier auch die Einbeziehung von „qualifizierten Weiterbildungsberufen“ gut gewesen, da die Wirtschaft halt nicht nur „hoch qualifizierte Personen“ für „hoch qualifizierte Tätigkeiten“ benötigt; gerade Tätigkeiten im Bereich einer mittlerer Qualifikation, wie die Weiterbildungsberufe (z.B. Bautechniker), sollten künftig berücksichtigt werden“ empfiehlt der Experte.

Immerhin hatten laut dem „Mediendienst Integration“ 2023 mehr als die Hälfte der Personen (54 Prozent), die vor sechs Jahren nach Deutschland kamen, mittlerweile einen Arbeitsplatz, davon zwei Drittel in Vollzeit. Zwar üben davon 70 Prozent eine qualifizierte Tätigkeit aus, dennoch sind viele unterhalb ihres ursprünglichen Ausbildungsniveaus beschäftigt. Potential, dass dem deutschen Arbeitsmarkt bisher entgeht.

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Sofia Delgado

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Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

 

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