Unternehmen

Wirtschaftsleistung stagniert: Deutschland verliert sichtbar an Wettbewerbsfähigkeit

Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft zeichnen ein düsteres Szenario für das Jahr 2024. Aus Enttäuschung über die maßgeblich von der Politik hausgemachten Probleme verlagert der Mittelstand seine Investitionen ins Ausland.
27.12.2023 12:22
Lesezeit: 3 min
Wirtschaftsleistung stagniert: Deutschland verliert sichtbar an Wettbewerbsfähigkeit
Vor allem die Pharmabranche leidet unter steigenden Energiekosten. Statt Produktionsabläufe ins Land zurückzuholen, droht weitere Abwanderung. (Foto: dpa) Foto: Silas Stein

Die Spitzenverbände der Wirtschaft sehen keinen baldigen Konjunkturaufschwung in Deutschland in Sicht und gehen mit großen Sorgen ins kommende Jahr. Von einer nur gedämpften Stimmung wie am Anfang des Ukraine-Krieges kann keine Rede mehr sein, wenn zum Beispiel Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger klipp und klar eine „eine ernstzunehmenden Wirtschaftskrise" konstatiert. Auch DIHK-Präsident Peter Adrian ist ernüchtert: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in schwerem Fahrwasser." Der Ausblick verspreche kaum Besserung. Adrian fordert von der Politik endlich „einen Befreiungsschlag".

Die deutsche Wirtschaft steckt tief in einer Konjunkturflaute. Institute und die Bundesregierung rechnen inzwischen gleichermaßen für das ablaufende Jahr 2023 mit dem Rückgang der Wirtschaftsleistung. Doch auch für das kommende Jahr gehen die führenden Forschungsinstitute bei ihren Prognosen von anhaltend trüben Aussichten aus. Erwartet wird bestenfalls ein Mini-Wachstum statt einer spürbaren Erholung.

Verbände vermissen Verlässlichkeit

Nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) halten sich Unternehmen auch wegen mangelnder Planungssicherheit mit Investitionen in ihre Betriebe zurück. „Wir sind kein verlässlicher Standort mehr bei den Bedingungen", analysiert Michael Hüther, der Chef des Wirtschaftsinstituts. „Es entsteht keine Perspektive auf verlässliche Rahmenbedingungen für die wichtigen Transformationsaufgaben Klima und demografischer Wandel bis Ende des Jahrzehnts."

Viele große Branchen blicken laut einer IW-Umfrage pessimistisch ins kommende Jahr. Die Schwäche der Weltkonjunktur, Zinserhöhungen und Unklarheiten beim Bundeshaushalt drücken die Aussichten für 2024. Demnach erwarten 23 von 47 befragten Wirtschaftsverbänden einen Produktions- oder Geschäftsrückgang bei ihren Mitgliedsfirmen. Von gleichbleibender Wirtschaftsaktivität gehen 15 Branchen aus, lediglich neun erwarten ein höheres Produktionsniveau.

Die Rahmenbedingungen blieben auch 2024 schwierig, sagte Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer. „Wir brauchen schnellstmöglich eine mittelfristige Planungssicherheit. Derzeit herrscht mit ausbleibenden Anlage-Investitionen, hohen Kosten, pessimistischen Aussichten und weiterhin starker Unsicherheit ein ganz ungesundes Klima für die Wirtschaft. Eine Fortsetzung der Rezession halten wir daher leider für wahrscheinlicher als einen Aufschwung." Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, sagte: „Die Industrie in Deutschland befindet sich in einer kritischen Situation." Wenn die Weltwirtschaft im nächsten Jahr um drei Prozent wachse und in Deutschland die Wirtschaftsleistung sinke, verliere die Wirtschaft Weltmarktanteile. „Die Firma Deutschland schrumpft. Und das ist für keine Firma richtig gut." Trotz des demografischen Wandels und des grundsätzlichen Mangels an Arbeitskräften komme es in einzelnen Branchen und Regionen inzwischen zu Beschäftigungsproblemen. „Manche Unternehmen werden Personal reduzieren müssen, weil sie schlichtweg nicht mehr ausreichend Arbeit haben."

Kurswechsel gefordert

Deutschland befinde sich nicht in einer konjunkturellen Delle, sagte Dulger: „Unser Land steht inzwischen inmitten einer größtenteils hausgemachten, strukturellen Krise. Die Bundesregierung muss im Jahr 2024 liefern, sonst ist die Ampel vor allem nur noch eine Ankündigungsregierung. Wir erwarten in der zweiten Halbzeit eine Koalition der Umsetzung. Es geht ums Handeln und Machen." Deutschland brauche wieder einen „Agenda-2010-Moment". Mit der Agenda 2010 hatte der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) vor mehr als 20 Jahren tiefgreifende Reformen im Sozialsystem und auf dem Arbeitsmarkt angestoßen - auch die so genannten Hartz-Reformen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands müsse wieder in den Vordergrund rücken, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. „Im europäischen Vergleich haben wir mit die höchsten Energiekosten, die höchsten Steuern und Abgaben, die höchsten Löhne, eine marode Infrastruktur. Wir haben vieles, was uns jetzt als Wirtschaftsstandort nicht nur schlecht dastehen lässt, sondern mittlerweile auch auf die Füße fällt. Die anderen europäischen Volkswirtschaften wachsen - wir nicht. Das ist nicht akzeptabel."

An Stellschrauben drehen

Der Kampf gegen den Fachkräftemangel müsse endlich konsequent geführt werden, sagt Dulger. „Wir müssen die Bildungsmisere in diesem Land umkehren. Wir brauchen mehr Digitalisierung und weniger Bürokratie und Regulierung." Die Wirtschaftsprobleme seien zum Teil hausgemacht. „Es müssen alle gemeinsam darauf hinwirken, dass Deutschland wieder ökonomisch entfesselt wird." Adrian sagte, Grundvoraussetzung für Wachstum sei ein Wandel in der Wirtschafts- und Standortpolitik. „Da gilt es jetzt, beherzt zu handeln. Wir müssen mit dem Blick für die Praxis an vielen Stellschrauben drehen." Die Regierungs-Beschlüsse zur Beschleunigung bei Planung und Genehmigung und zu Infrastrukturausbau seien richtig und wichtig. „Auch der neue Haushalt ohne Umgehung der Schuldenbremse lässt grundsätzlich hoffen." Es müssten nun die richtigen Prioritäten gesetzt werden. „Nur wenn es zu spürbaren Erleichterungen kommt, entsteht wieder Vertrauen und damit eine Perspektive."

Investitionen gehen ins Ausland

Arbeitgeberpräsident Dulger befürchtet: „Aus Enttäuschung und vor allem wegen wirtschaftlicher Nachteile am Wirtschaftsstandort Deutschland fallen jetzt immer mehr Investitionsentscheidungen zugunsten des Auslands." Ein wesentlicher Teil der deutschen mittelständischen Wirtschaft habe verlängerte Werkbänke in den europäischen Nachbarländern und in Übersee. Weil der Standort immer unattraktiver werde und die in Deutschland hergestellten Produkte immer weniger wettbewerbsfähig seien, werde in den größeren Unternehmen auf schon bestehende Auslandsstandorte ausgewichen. „Das passiert im Moment. Es ist ein stiller, schleichender Prozess, den wir miterleben und den die Politik vollkommen unterschätzt."

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