Finanzen

Auf in die Zukunft: Deutschlands Weg zur Aktienrente

In einem ersten, zaghaften Schritt hat die Politik begonnen, sich einem Problem anzunehmen, das seit mehr als 30 Jahren nicht nur bekannt, sondern in all den Jahren der Untätigkeit immer größer geworden ist: Die Rede ist von der demografischen Entwicklung in Deutschland und ihren dramatischen Folgen für die Rentenversicherung.
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19.01.2024 16:00
Lesezeit: 4 min
Auf in die Zukunft: Deutschlands Weg zur Aktienrente
Der Ruhestand, den wir uns für uns ausmalen, ist mit dem aktuellen Rentensystem nicht umzusetzen. (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

Um dieses Problem anzugehen, soll mithilfe eines Staatsfonds eine durch Kapital gedeckte finanzielle Stütze für die Rentenversicherung eingeführt werden: das sogenannte Generationenkapital.

Das demografische Problem, vor dem Deutschland heute steht, ist nicht vom Himmel gefallen. Schon der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte vor der Einführung einer rein durch Umlage finanzierten Rentenversicherung gewarnt. Die umlagefinanzierte Rente, wie wir sie heute kennen, beruht auf einem stillschweigenden Generationenvertrag – die Generation der Erwerbstätigen und Jüngeren zahlt ein für die Rente der Generation der Älteren nicht mehr im Erwerbsleben Stehenden. Als Adenauer sich gegen Erhard durchsetzte – „Kinder kriegen die Menschen immer“, so seine Begründung – war allerdings die demografische Lage eine grundsätzlich andere.

Am 21. Januar 1957, dem Tag als die gesetzliche Rentenversicherung in ihrer heutigen Form im Bundestag beschlossen wurde, bekam im Durchschnitt eine Frau in Deutschland 2,3 Kinder, heute sind es nur noch 1,5. Dazu kam, dass damals die Lebenserwartung deutlich geringer war. Im Durchschnitt wurde damals ein Mann in Deutschland 66 Jahre alt, eine Frau 72. Die Folge: Die durchschnittliche Bezugsdauer einer Rente betrug damals neun Jahre, heute ist sie doppelt so hoch.

Tatsächlich verschärfen sich die Bedingungen, unter denen eine umlagefinanzierte Rente in Deutschland funktionieren soll, immer weiter. Der für das Max-Planck-Institut in Rostock arbeitende Demografieforscher Dmitri Jdanov hat für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) ausgerechnet, dass in den nächsten 20 Jahren etwa 24 Millionen Deutsche 65 Jahre alt sein werden – oder älter. Das heißt dann, so Jdanov gegenüber den DWN, dass 28 Prozent der Gesamtbevölkerung in dieser Altersgruppe wären, sollten sich Determinanten wie beispielsweise Einwanderung nicht wesentlich ändern. Damit wäre dann Deutschland nicht nur eines der ältesten Länder in Europa, sondern der ganzen Welt.

Tatsächlich hat sich diese Entwicklung schon seit vielen Jahren abgezeichnet. Schon im Jahre 1989 kam die damalige Bundesregierung zu dem Ergebnis, dass die umlagefinanzierte Rente, bei der zur erwartenden Entwicklung der Bevölkerung, ökonomisch nicht mehr tragfähig sei.

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch seit langem die Bundestagsabgeordnete Anja Schulz. Die FDP-Politikerin und gelernte Bankkauffrau hatte früh damit begonnen, sich nach Modellen einer kapitalgedeckten Ergänzung der gesetzlichen Rente umzuschauen. Tatsächlich – so Schulz im Gespräch mit den DWN – wäre die Rentenversicherung in Deutschland ohne erhebliche Zuschüsse aus dem Bundeshauhalt nicht lebensfähig. Schon heute wird die Rentenversicherung mit einem Zuschuss in Höhe von über hundert Milliarden aus dem Bundeshaushalt am Leben gehalten. „Damit“, so Schulz, „nimmt die Rentenversicherung Jahr für Jahr ein Viertel des Bundeshaushalts in Beschlag. Geld, das dann für Investitionen in die Zukunft fehlt.“ Und die Tendenz ist weiter steigend. Sollte sich nichts ändern, also sowohl der Beitragssatz zur Rente und das Rentenniveau selbst stabil bleiben, würde der Rentenzuschuss aus dem Bundeshaushalt in den nächsten 30 Jahren bis zu 60 Prozent des Bundeshaushaltes verschlingen. Dann könne Deutschland nur noch „verwalten, aber nicht gestalten“, so Schulz.

Vorbild Schweden

Ein Land, das für Schulz Modellcharakter hat, ist Schweden. Dort wurde eine kapitalgedeckte Ergänzung zur gesetzlichen Rentenversicherung schon vor 24 Jahren ins Leben gerufen. Das schwedische Modell funktioniert vereinfacht gesprochen so: Ähnlich wie in Deutschland gibt es eine umlagefinanzierte Rente, für deren Beiträge zu gleichen Teilen Arbeitnehmer und -geber aufkommen. Darüber hinaus werden aber 2,5 Prozent der gesamten Rentenbeiträge in Anlagefonds investiert, wobei heute der staatliche Fonds AP 7 der mit Abstand wichtigste Fonds ist. Dieser Fonds, in den heute 90 Prozent der Neuzugänge investieren, hat über die Jahre hinweg eine durchschnittliche Rendite von elf Prozent erwirtschaftet. Nach Berechnungen des Fondsmanagement soll in Schweden bis zum Jahre 2030 die kapitalgedeckte Prämienrente, so der Begriff in Schweden, 20 Prozent am Anteil der gesetzlichen Rentenauszahlung ausmachen.

Obwohl dieses Modell nach Ansicht von Schulz klare Vorteile hätte, sei dies mit den Koalitionspartnern von SPD und Grüne nicht durchsetzbar gewesen. Vorerst zumindest. Gleichwohl reiften auch in diesen Parteien die Einsicht, dass sich ein „Weiter so!“ verbiete. Herausgekommen ist ein Kompromiss, der aber immerhin eine kleine Revolution im deutschen Rentensystem bedeutet: nämlich der Einstieg in eine Teilkapitaldeckung mit dem Generationenkapital.

Das Modell, auf das sich SPD, Grüne und FDP geeinigt haben, sieht vor, dass im nächsten Jahr die Bundesrepublik zwölf Milliarden Euro an Krediten aufnimmt und diese dann in eine neue Stiftung überführt, die dann als Anlagefonds das Kapital mehren soll. Schulz hält eine jährliche Rendite von sieben bis acht Prozent „für durchaus erreichbar“. Da die Bundesrepublik auf den internationalen Finanzmärkten immer noch eine erstklassige Bonität besitze, könnten Kredite zu günstigen Konditionen bei etwa zweieinhalb bis drei Prozent aufgenommen werden. Damit würde sich das Kapital dieser Stiftung aus sich selbst heraus finanzieren können. Zudem hat dieses Modell den Vorteil, dass die Kreditaufnahme nicht unter die Schuldenbremse falle, da den Krediten in gleicher Höhe ein Vermögen gegenübersteht.

Mit jedem darauffolgenden Jahr will dann die Bundesregierung weitere Summen in dieser Größenordnung der Stiftung zuführen. Das Ziel ist es, bis Mitte der 2030er Jahre die Stiftung mit rund 200 Milliarden Euro auszustatten. Damit könnte es zumindest gelingen, den Beitragssatz für die Versicherten stabil zu halten.

Verwaltet soll dieser Fonds vom Management vom Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo). Dieser Fonds – er wurde 2017 errichtet und ist der größte öffentlich-rechtliche – hat die Aufgabe, die Finanzierung der sicheren Entsorgung der radioaktiven Abfälle aus der Nutzung der Kernenergie sicherzustellen. Das Stiftungskapital des Kenfo beträgt 24,1 Milliarden Euro. Tatsächlich erwirtschaftet auch der Kenfo – einen Großteil des Vermögens investieren die Anlagemanager des Fonds in Aktie und Anleihen – sehr ordentliche Gewinne, so waren es im vergangenen Jahr mehr als zehn Prozent.

Für die liberale Rentenpolitikerin Schulz ist es einerseits ein kleiner Trost, dass nun endlich die Bundesrepublik Deutschland in ihrer Rentenpolitik eine erste, vorsichtige Kurskorrektur vornimmt, aber andererseits ist sie enttäuscht, dass man erst jetzt diesen Schritt geht: „Hätten wir schon vor 30 Jahren, als alle Prognosen auf dem Tisch lagen, mit dem Einstieg in die Aktienrente begonnen, müssten wir uns heute keine Gedanken über die Sicherheit unserer Renten machen.“ Sie freut sich nun allerdings sehr über den Paradigmenwechsel, der mit dem Generationenkapital in der gesetzlichen Rentenversicherung eingeleitet wird.

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