Politik

Wie die USA schlafmützig den Munitionsnachschub für die Ukraine gefährden

Die Ukraine muss sich gerade an mehreren Abschnitten der Kriegsfront mit Russland zurückziehen, weil ihren Truppen die Munition für ihre Artilleriegeschosse ausgeht. Ein Drama, wenn man überlegt, wie lange in den USA und Europa bereits über ausreichend Nachschub und den Aufbau neuer Waffenproduktionen diskutiert wird. Jetzt kommt - ganz nebenbei - heraus, dass in den Vereinigten Staaten reichlich Munition unnütz herumliegt. Was ist da nur los?
22.02.2024 06:33
Aktualisiert: 22.02.2024 07:00
Lesezeit: 2 min
Wie die USA schlafmützig den Munitionsnachschub für die Ukraine gefährden
Artillerie-Shells werden dringend benötigt - nicht nur in der Ukraine, sondern auch Israel braucht sie wie hier an der Grenze zum Libanon (Foto: dpa) Foto: epa Ancho Gosh

Die Gespräche auf der Münchener Sicherheits-Konferenz vor wenigen Tagen förderten die Info eher beiläufig zutage. Bei Lichte betrachtet, gäbe es sehr wohl hinreichend Artilleriemunition für die Ukraine. Man muss sie nur einsammeln und an die Front im Oblast Donezk schaffen. Vor allem in den USA scheint Joe Biden mal wieder seinem Ruf als Schlafmütze „Sleepy Joe" alle Ehre zu machen. Er könnte helfen, tut es aber nicht.

Was ist da nur los in Washington, D.C.? Nach Informationen des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes" würden in Waffendepots der US-Streitkräfte gut und gerne 4,6 Millionen Schuss Artillerie ungenutzt herumliegen - manche meinen sogar völlig unnütz. Es handelt sich keineswegs um eine eiserne Reserve der USA, sondern um 155-Millimeter-Mehrzweck-Streumunition, die in den 1970er- bis 1990er-Jahren produziert wurde, aber vom Pentagon aussortiert worden ist. Die Munition sei eher unzuverlässig, heißt es in dem Bericht, gut 14 Prozent der Shells, also Artillerie-Hülsen, seien Blindgänger.

In Awdijiwka könnten die Blindgänger aus US-Beständen Zeit kaufen

Für die verwöhnte US-Armee sicherlich eine völlig inakzeptable Fehlerquote. In Awdijiwka oder jetzt ganz aktuell in Saporischschja könnte sie dringend benötigte Zeit erkaufen, bis endlich die von europäischen Ländern versprochene Hilfe in der Ukraine eintrifft.

Vor allem die deutsche Rüstungsfirma Rheinmetall lässt keinen Zweifel aufkommen, dass sie gerne liefern möchte und ihre Kapazitäten ausweiten möchte. Das dauert leider nur, beteuert Firmenchef Armin Papperger. Er war früher mal zuständig für die Munitionsabteilung im Konzern, deshalb fühlt er sich sich wohl an der Ehre gepackt. „Pappesatt" könnte man meinen ist Papperger, dass so viel taktiert und auf Lücke gespielt wird in Europa. Beim Besuch von Kanzler Olaf Scholz und Verteidigungsminister Boris Pistorius (beide SPD) im niedersächsischen Unterlüß beteuerte er, dass Rheinmetall „Tag für Tag in die Ukraine liefert" und die Produktion hochfährt.

Die Lücken wird Rheinmetall sicherlich nicht allein füllen können, aber Pappergers Beispiel könnte Schule machen. In Skandinavien etwa gibt es den norwegisch-finnischen Munitionsspezialisten Nammo, der nun auch den Turbo zündet, um möglichst bald in die Bresche zu springen. Von einer Verfünffachung des Ausstoßes ist dort die Rede, allerdings über die kommenden vier Jahre gestreckt. Was das für das entscheidende Jahr 2024 bedeutet, lässt keiner der Rüstungshersteller so präzise durchblicken. Schlechte Nachrichten brauchen sie nun nicht auch noch zu allem Überfluss an traurigen Frontberichten.

Bis 2025 müssen es die ukrainischen Truppen irgendwie schaffen, dann könnten die Nachschubprobleme allmählich nachlassen. Europa braucht die Zeit, ihr Committment für die Ukraine real zu untermauern. Zum Beispiel, indem erst einmal die Bestände gesichtet und gezählt werden. Anscheinend weiß niemand in den EU-Ländern so genau, was da in den Depots noch schlummert.

Wie Tschechiens Ministerpräsident 800.000 Schuss auftreiben will

So hat Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Fredriksen in München versprochen, dass das kleine Nachbarland im Norden all ihre verfügbare Munition der Ukraine bereitstellen werde. „Es gibt noch Munition in europäischen Beständen", sagte sie. Man müsse sie nur schnell auffinden.

In Tschechien womöglich. Dort oder woanders glaubt Ministerpräsident Petr Pavel noch 800.000 Schuss ausfindig gemacht zu haben - 300.000 vom Kaliber 122 sowie 500.000 des benötigten Kalibers 155 Millimeter. Deutlicher wurde er nicht. Gesprächiger war er nur bei der offenen Frage, wer die Geschosse finanzieren oder zumindest kofinanzieren könnte.

Ab 2025 könnten dann endlich die EU-Kapazitäten von zwei Millionen Schuss bereitstehen, heißt es im Hause von EU-Finanzkommissar Johannes Hahn. Durchhalten heißt die Parole.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen Reform Erbschaftsteuer: Firmenerben bevorzugt? Karlsruhe prüft Steuervorteile
16.10.2026

Die Erbschaftsteuer soll reformiert werden, zumindestens in dem Punkt ist sich die schwarz-rote Koalition einig. Das...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Dow schließt deutlich höher, während sich die Wall Street erholttitle
15.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Faktoren und Einzelwerte die jüngste Erholung an den US-Börsen angetrieben haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerbesteuer auf Rekordhoch: Warum Kommunen trotzdem Milliarden fehlen
15.10.2026

Deutschlands Gemeinden haben 2025 so viel Gewerbesteuer eingenommen wie nie zuvor. Allerdings stiegen die Einnahmen nur geringfügig, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Bank-Aktien: US-Banken überraschen mit Zahlen, Dimon warnt vor wachsenden Risiken
15.10.2026

Während Goldman Sachs und Citigroup mit ihren jüngsten Quartalszahlen die Gewinnerwartungen der Analysten übertroffen haben, blieb...

DWN
Technologie
Technologie Solar-Aufschlag ab 2029: Drohen Mehrkosten für Photovoltaik-Besitzer – was hinter dem Prosumer-Aufschlag steckt
15.10.2026

Solaranlagen auf dem Dach könnten ab 2029 einen höheren Grundpreis für die Stromnetznutzung auslösen. Elf Verbände fordern, den...

DWN
Politik
Politik Berlin-Sondierungen gehen weiter: Linke, SPD und Grüne einigen sich auf zentrale Grundsätze
15.10.2026

Nach tagelangem Streit setzen Linke, SPD und Grüne in Berlin ihre Gespräche über eine mögliche Regierungsbildung fort. Beim Umgang mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose: Einer der größten Käufer beginnt zu verkaufen
15.10.2026

Jahrelang kauften Zentralbanken Gold in außergewöhnlichem Umfang. Nun schlägt mit Kasachstan einer der größten Käufer einen anderen...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie überspringt die 1.000-Euro-Marke: Ist das die Trendwende?
15.10.2026

Nach deutlichen Kursgewinnen am Mittwoch setzt die Rheinmetall-Aktie ihre Erholung am Donnerstag fort. Eine frühe Xetra-Notierung liegt...