Finanzen

Gruppeneffekt an der Börse: Wenn Freunde das Portfolio steuern

Unsere finanziellen Entscheidungen sind oft weniger durchdacht, als wir glauben. Menschen in unserem Umfeld können erheblichen Einfluss auf unsere Anlageentscheidungen haben.
17.08.2025 10:55
Lesezeit: 3 min
Gruppeneffekt an der Börse: Wenn Freunde das Portfolio steuern
Börsenhandel im Bann des Freundeskreises: Wenn soziale Impulse Portfolios in dieselbe Richtung treiben. (Foto: dpa) Foto: Georg Wendt

Wie soziale Dynamiken Kaufrausch, Risikoappetit und Herdentrieb an der Börse befeuern

Investieren gilt seit Langem als Zahlenspiel – geprägt von rationalen Fakten, Analysen und Markttrends. Die Forschung zur Verhaltensökonomie zeigt jedoch immer wieder, dass unsere finanziellen Entscheidungen oft weit weniger kalkuliert sind, als wir es annehmen. Eine aktuelle Studie belegt, dass Anleger einen Faktor häufig unterschätzen: soziale Interaktionen. Michael Gelman von der University of Delaware und seine Koautoren untersuchten, wie Umfeld und soziale Kreise unsere finanziellen Schritte beeinflussen. Anleger handeln selten isoliert – auffällige Entscheidungen anderer können das eigene Portfolio stark prägen.

Soziale Interaktion beeinflusst Anlageentscheidungen

Studien zeigen, dass sozialer Austausch oft zu mehr Aktienkäufen führt – nicht jedoch zwingend zu Verkäufen. Gespräche drehen sich eher um neue, spannende Aktien als um Verkäufe oder Enttäuschungen. Ideen und Begeisterung für bestimmte Werte oder Marktbewegungen verbreiten sich rasch. Da eher über Käufe gesprochen wird, entsteht ein Dominoeffekt: Andere werden zum Kauf animiert, es entsteht der Eindruck, „alle“ kauften Aktien, während „niemand“ verkaufe. So bildet sich ein Kreislauf aus Gruppenoptimismus, der die Kaufaktivität steigert, ohne notwendigerweise auch den Verkauf zu erhöhen. Dieses Verhalten deckt sich mit den Lehren der Verhaltensökonomie. Die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky bezeichneten es als „Loss Aversion“ – den Umstand, dass Verluste uns stärker treffen als Gewinne uns erfreuen. Daher verkaufen wir ungern Aktien – sei es wegen aktueller Verluste oder aus Hoffnung auf noch höhere Erträge in der Zukunft.

Risiko wirkt verführerisch

Die Untersuchung zeigt auch, dass soziale Einflüsse riskante Anlagen attraktiver erscheinen lassen. Gespräche drehen sich meist um riskante, aber potenziell ertragreiche Aktien – vergleichbar mit einem Lottoschein: Wir werden von der Chance auf einen großen Gewinn angezogen, auch wenn sie extrem gering ist. Wird in sozialem Umfeld über solche Titel gesprochen, weckt das Interesse bei anderen. Morgan Housel beschreibt dies in Die Psychologie des Geldes als „Verlockung des Optimismus“: Menschen fühlen sich von Erfolgsgeschichten und hohen Gewinnen angezogen. Spannende, riskante Chancen werden öfter thematisiert als stabile, langsam wachsende Investments. Solche Werte mögen manchen Anlegern gefallen, können jedoch das Risiko in den Portfolios ihrer Gesprächspartner erhöhen.

Echo-Effekt

Eine der interessantesten Erkenntnisse der Studie betrifft die Entstehung von Echokammern. Soziologische Untersuchungen belegen, dass Menschen Aussagen bevorzugen und ihnen eher vertrauen, wenn sie von Personen kommen, die ihnen ähneln. Gemeinsame Merkmale – Alter, Einkommen, Religion – verstärken kollektives Verhalten. Solche Anleger neigen stärker dazu, Aktien zu kaufen und zu halten, die auch ihre Bekannten besitzen. Das schafft einen Rückkopplungseffekt: Sie investieren nicht nur in dieselben Titel, sondern bestätigen sich auch gegenseitig in deren Wert- und Risiko­einschätzung. Dies kann Diversifikation verhindern und die Anpassungsfähigkeit von Portfolios verringern.

Mehr Interaktion, mehr Aktivität

Forschungen zeigen, dass intensivere soziale Interaktionen meist auch zu mehr Handelsaktivität führen. Anleger achten nicht nur auf die Handlungen anderer, sondern werden offener für häufigere Transaktionen. Das deckt sich mit den Grundsätzen der Verhaltensökonomie: Wenn wir um uns herum Aufregung und Aktivität spüren, wollen wir selbst handeln. Beobachten wir, wie andere in den Markt einsteigen, wächst der Drang, es ihnen gleichzutun – was den Herdentrieb verstärkt und das Handelsvolumen erhöht. Mehr Austausch kann so zu einem starken Mitläufereffekt führen: Wenn wir sehen, dass andere kaufen, halten oder eine Aktie schätzen, entsteht ein sozialer Impuls, dem wir uns schwer entziehen können – selbst bei geringen fundamentalen Werten. Ohne Bewusstsein dafür kann dies zu häufigeren Trades, riskanten Käufen, höheren Kosten und weniger stabilen Investments führen.

Was Anleger tun können

Die Studie bestätigt eine Kernwahrheit der Verhaltensökonomie: Investieren basiert nicht nur auf Märkten und Daten, sondern auch auf menschlicher Natur. Unsere Entscheidungen – auch finanzielle – werden von den Menschen um uns herum beeinflusst. Soziale Bindungen sind wertvoll, doch die Fähigkeit, auf eigener Analyse zu basieren, ist entscheidend für kluge und unabhängige Finanzentscheidungen.

Wichtige Lehren:

  • Sozialen Einfluss erkennen: Gespräche mit Freunden, Kollegen oder Online-Communities können Ihre Entscheidungen prägen. Fragen Sie sich, ob Ihre Wahl auf eigener Analyse oder fremden Impulsen beruht.
  • Risiken ausbalancieren: Höheres Risiko wirkt im Gespräch oft attraktiver. Ein diversifiziertes Portfolio ist jedoch meist der sicherere Weg zu langfristigen Zielen.
  • Echo-Effekt durchbrechen: Suchen Sie gezielt nach gegenteiligen Standpunkten, wenn Ihr Umfeld homogen ist. Das erweitert die Perspektive und reduziert Übergewichtung einzelner Werte.
  • Vorsicht beim Folgen anderer: Prüfen Sie genau, ob die Handlungen anderer zu Ihren Zielen passen.
  • Übermäßigen Handel vermeiden: Mehr soziale Interaktion kann Käufe fördern, aber auch Kosten steigern, ohne den Ertrag zu erhöhen. Manchmal ist es besser, dem Plan treu zu bleiben und sich nicht von der Euphorie der Masse leiten zu lassen.

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