Politik

Risiken des Welthandels: Der lange Weg aus der Abhängigkeit von China

Risikominderung statt Entkopplung: Diese Losung hat die Bundesregierung vergangenen Sommer in ihrer China-Strategie für die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgegeben. Wie weit ist sie damit gekommen? Ein Überblick angesichts der Reise des Bundeskanzlers nach Peking.
11.04.2024 09:36
Aktualisiert: 11.04.2024 09:36
Lesezeit: 3 min
Risiken des Welthandels: Der lange Weg aus der Abhängigkeit von China
Dauerstreit-Thema Menschenrechte: Demonstranten tragen Masken von Bundeskanzler Scholz und Chinas Präsident Xi während eines Protests vor dem Kanzleramt. (Foto: dpa) Foto: Jörg Carstensen

Es ist ein schwieriger Balanceakt: Die Bundesregierung will die wirtschaftliche Abhängigkeit von China verringern, sich aber nicht von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt abkoppeln. Das ist der Kern der China-Strategie, den die Ampel-Koalition im vergangenen Sommer beschlossen hat. Was ist daraus geworden? Diese Frage wird sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) stellen lassen müssen, wenn er an diesem Samstag zur zweiten China-Reise seiner Amtszeit aufbricht. Versucht die deutsche Wirtschaft wirklich, sich aus der chinesischen Abhängigkeit zu lösen? Oder läuft alles so weiter wie bisher?

Ausgangspunkt: Lehren aus dem Ukraine-Krieg

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Deutschland schmerzhaft zu spüren bekommen, was eine zu große wirtschaftliche Abhängigkeit von nur einem Land bedeuten kann. Die Energieversorgung, die lange Zeit zum großen Teil auf billigem russischen Gas beruhte, musste innerhalb kurzer Zeit radikal umgestellt werden. Mit China soll sich so etwas nicht wiederholen, wenn es zum Beispiel zu einer Eskalation im Konflikt um Taiwan kommt. Es sei „dringend geboten", die Risiken einer engen wirtschaftlichen Verflechtung zu verringern, heißt es in der China-Strategie. Die deutsche Wirtschaft solle sich „im Rahmen der bestehenden Risikomanagement-Prozesse konkret mit relevanten chinabezogenen Entwicklungen, Zahlen und Risiken auseinandersetzen".

Absatzmarkt: Chinas Bedeutung rückläufig

China ist zwar immer noch der wichtigste deutsche Handelspartner. Im vergangenen Jahr nahmen aber die Importe aus China um 19,2 Prozent ab und die Exporte verringerten sich um 8,8 Prozent. Mit einem Außenhandelsvolumen von 253,1 Milliarden Euro lag das „Reich der Mitte" damit nur noch ganz knapp vor den USA (252,3 Milliarden Euro). Chinas Anteil an den gesamten deutschen Warenexporten ist seit 2020 von knapp acht Prozent auf nur noch gut sechs Prozent zurückgegangen.

„Die Exportchancen sind auch mittelfristig gedämpft, vor allem weil China sich unabhängiger vom Ausland machen will und weil deutsche Firmen den dortigen Markt zunehmend mit Produktion vor Ort statt mit Exporten aus Deutschland bedienen wollen", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. „Ohnehin hängen nur etwa drei Prozent der deutschen Arbeitsplätze direkt und indirekt von Export nach China ab." Dieser Anteil dürfte in Zukunft bestenfalls stagnieren.

Direktinvestitionen: Höchststand für China

Bei den deutschen Direktinvestitionen sieht es anders aus. Sie sind im vergangenen Jahr laut Deutscher Bundesbank auf 11,9 Milliarden Euro gestiegen - ein neuer Höchststand. Der Anteil Chinas an allen ausländischen Direktinvestitionen der deutschen Wirtschaft hat erstmals seit 2014 wieder die Zehn-Prozent-Marke übertroffen und liegt jetzt bei 10,3 Prozent. In den Jahren 2018 bis 2020 waren es noch weniger als drei Prozent.

Eine Bewegung in Richtung anderer asiatischer Länder ist laut dem IW noch nicht erkennbar. Der Anteil des übrigen Asiens an den gesamten Direktinvestitionen stagniere bei acht Prozent. Vor allem Großunternehmen machen wenig Anstalten, ihre China-Strategie zu ändern und verstärkt auf andere Absatzmärkte zu setzen - allen voran die Autobauer, für die China als Markt unersetzlich ist. VW und Mercedes verkaufen jeweils ein Drittel ihrer Autos dort.

Rohstoffe: Die gefährlichste Abhängigkeit

Am gefährlichsten ist die Abhängigkeit von China bei bestimmten Rohstoffen. „China hat hier strategisch geplant und sich beim Abbau und vor allem bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen kurzfristig unentbehrlich gemacht", sagt IW-Experte Matthes. Mit Subventionen und ohne viel Rücksicht auf die Umwelt habe es so billig angeboten, dass viele Konkurrenten auch in Europa aus dem Markt gedrängt wurden. „Wir haben das viel zu spät in seiner geopolitischen Brisanz erkannt."

Ein Beispiel: Nach einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte sind die deutschen Importe des für die Batterie-Produktion so wichtigen Lithiums aus China seit 2013 von einem auf 24 Prozent gestiegen. Der Anteil Chinas an den eingeführten Lithium-Akkus wuchs in diesem Zeitraum sogar von 27 auf 41 Prozent.

Bei Magnesium setzen deutsche Importeure sogar zu 90 Prozent auf chinesische Lieferanten, bei seltenen Erden zu 85 Prozent. Das Wirtschaftsministerium bemüht sich seit geraumer Zeit händeringend darum, andere Kooperationspartner zu finden und schickt dafür die Parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner (Grüne) um die Welt, die Scholz auch nach China begleiten wird.

Mit Ländern wie Australien, Chile und Kanada werden nun Rohstoffpartnerschaften aufgebaut. Um Abhängigkeiten zu verringern, werde die Kooperation mit solchen Ländern und Regionen erweitert, die für die Bundesregierung als „Wertepartner" gelten, so das Wirtschaftsministerium. „Hohe Umwelt- und Sozialstandards, verbunden mit dem Einsatz modernster Gewinnungs- und Aufarbeitungsverfahren, werden in vielen Partnerländern als Wettbewerbsvorteil angesehen." Die Erschließung neuer Versorgungsquellen werde aber lange dauern, sagt IW-Experte Matthes. „Und es wird eine Menge Geld kosten."

Schreckens-Szenario: Was droht bei einem Bruch?

Und was ist, wenn es so läuft wie mit Russland und es von heute auf morgen wegen einer chinesischen Invasion in Taiwan zu einem Bruch mit China kommt? Eine internationale Forschergruppe hat das Ende vergangenen Jahres unter Federführung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) untersucht. Die Experten gingen in ihrem Szenario von einem Zerfall der Weltwirtschaft in zwei voneinander abgekoppelte Handelsblöcke aus: die EU, USA, Kanada und Japan auf der einen Seite, China und Russland mit Verbündeten auf der anderen.

Ergebnis: Bei einem abrupten Bruch würde die deutsche Wirtschaftsleistung um fünf Prozent einbrechen und nach vier bis fünf Jahren würde sich der Wohlstandsverlust bei 1,5 Prozent pro Jahr einpendeln. Nach Ansicht der Forscher wäre aber selbst ein solches Szenario für die deutsche Wirtschaft verkraftbar. „Ein Bruch hätte hohe Kosten für Deutschland, dennoch besitzt unser Land gesamtwirtschaftlich genug Widerstandskraft, um selbst solch ein extremes Szenario zu überstehen", so das Fazit von IfW-Präsident Moritz Schularick.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...