Wirtschaft

Scholz' China-Reise: Drahtseilakt zwischen Wirtschaft und Diplomatie

Bundeskanzler Olaf Scholz führt für drei Tage eine Delegation nach China. Sein Besuch im Reich der Mitte soll auf wirtschaftliche Kooperation abzielen und sich geopolitischen Herausforderungen stellen. Was ist konkret geplant und welche Rolle spielt dabei die deutsche Wirtschaft?
12.04.2024 08:41
Lesezeit: 3 min
Scholz' China-Reise: Drahtseilakt zwischen Wirtschaft und Diplomatie
Xi Jinping empfängt Olaf Scholz in China (Archivbild): Scholz reist nach China, um deutsch-chinesische Beziehungen, Wirtschaft und weitere Fragen zu diskutieren (Foto: dpa). Foto: Kay Nietfeld

Bundeskanzler Olaf Scholz reist ab Samstag nach China. Der dreitägige Besuch ist strategisch bedeutend und zielt darauf ab, die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und China zu intensivieren. Dabei liegt der Fokus auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit und der Bewältigung geopolitischer Spannungen. Regierungssprecher Steffen Hebestreit zufolge plant Scholz, deutsche Innovationen in Chongqing und Shanghai zu erkunden sowie in Peking Gespräche mit Spitzenpolitikern zu führen. Darüber hinaus sind Besuche von Produktionsstätten für nachhaltige Technologien und die Teilnahme am Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsausschuss vorgesehen. Scholz wird von einer Wirtschaftsdelegation und drei Bundesministern begleitet.

Derzeit fühlen sich zwei Drittel der in China ansässigen deutschen Unternehmen laut einer Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Peking einem unfairen Wettbewerb ausgesetzt. Deutsche Unternehmen in China sehen sich mit Wettbewerbsnachteilen und erschwerten Marktzugängen konfrontiert. Auch Rechtsunsicherheiten behindern die Geschäftstätigkeit und führen zu Verzögerungen sowie zusätzlichen Kosten.

„Die Erwartung ist natürlich, dass wir hoffen, dass Bundeskanzler Scholz die Herausforderungen, die wir hier haben, verständlich macht“, sagt Maximilian Butek von der Deutschen Handelskammer in Ostchina. Er betont die Notwendigkeit klärender Worte des Kanzlers im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten deutscher Firmen.

Scholz’ China-Reise: Wirtschaftsinteressen im Vordergrund

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China steht im Mittelpunkt von Scholz' Agenda bei seinem Besuch. Dabei geht es vor allem um die Erweiterung des Marktzugangs für deutsche Unternehmen, den Umweltschutz und die digitale Wirtschaft. Auch die Erkundung neuer Wachstumspotenziale in Zukunftsbereichen wie den erneuerbaren Energien gehört dazu.

Trotz politischer Spannungen zwischen demokratischen und autoritären Staaten sowie Schwierigkeiten in Schlüsselbranchen bleibt China ein wesentlicher Handelspartner für Deutschland. „China bleibt ein wichtiger Handelspartner für Deutschland“, betont das Bundeskanzleramt. Ziel sei es, Schwankungen im Handelsvolumen zu begegnen und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erkunden.

Chinas Bedeutung für deutsche Wirtschaft trotz Spannungen

Im Jahr 2023 war die Volksrepublik China zum achten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner. Waren im Wert von 253,1 Milliarden Euro wurden zwischen den beiden Ländern gehandelt, was einem Rückgang von 15,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die USA holten deutlich auf und lagen nur noch knapp hinter China als zweitwichtigster Handelspartner.

Derzeit kritisiert China die EU-Ermittlung gegen seine Windkraftunternehmen als protektionistisch und unfair. Die EU wirft chinesischen Herstellern vor, durch ausländische Subventionen in europäischen Windparks unlautere Vorteile zu erzielen. China warnt jedoch, dass solche Maßnahmen das Vertrauen seiner Unternehmen in europäische Investitionen und den globalen Kampf gegen den Klimawandel schädigen könnten.

Geopolitische Dimension der Beziehungen

Die Reise der deutschen Delegation findet vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen statt: Dazu gehören der Konflikt um Taiwan und Chinas Rolle im Ukraine-Krieg. Scholz steht vor der Herausforderung, eine diplomatische Balance zwischen der Förderung wirtschaftlicher Beziehungen und der Anerkennung politischer Realitäten zu finden.

Während seines Aufenthalts in China wird Scholz mit führenden Regierungsvertretern, einschließlich Präsident Xi Jinping und Premierminister Li Qiang, zusammenkommen. Diese Treffen unterstreichen die Bedeutung des Besuches für die bilateralen Beziehungen. „Wir erwarten, dass wieder mehr Vertrauen geschaffen wird zwischen den Regierungen“, sagt Maximilian Butek.

Die Neuausrichtung der deutschen Chinastrategie

Eine strategische Neuausrichtung der deutschen China-Politik wird zurzeit durch eine Risikominimierung angestrebt, ohne die wirtschaftlichen Bande zu kappen. Die neue Chinastrategie der Bundesregierung, verabschiedet im Juli 2023, betont, dass China für Deutschland sowohl ein Partner als auch ein wirtschaftlicher Wettbewerber und systemischer Rivale ist.

Die Bundesregierung bemüht sich vor diesem Hintergrund, die Abhängigkeit von China zu reduzieren, während gleichzeitig strategische Partnerschaften in kritischen Bereichen aufrechterhalten werden. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln gab bereits Ende 2023 bekannt, dass Firmen in Deutschland zu wenig unternehmen, um ihre einseitigen Abhängigkeiten von China zu reduzieren.

Die Reise von Bundeskanzler Scholz nach China findet in einem kritischen Moment in den deutsch-chinesischen Beziehungen statt. Während die wirtschaftliche Partnerschaft eine tragende Säule bleibt, demonstriert die Reise das Bestreben Deutschlands, auf globale Herausforderungen zu reagieren und eine ausgewogene Haltung zu geopolitischen Spannungen zu wahren.

Die zukünftige Gestaltung dieser Beziehung wird sich unter anderem aus den Ergebnissen der zweiten China-Reise von Scholz während seiner Amtszeit als Bundeskanzler ergeben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

avtor1
Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien erholen sich auf Allzeithochs nach positiven Iran-Äußerungen von Trump und Tech-Boom
01.06.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Wendungen in der globalen Diplomatie und neue Trends in der Technologiebranche die Anleger derzeit in...

DWN
Politik
Politik Statistisches Bundesamt: Auswanderung von Deutschen auf Allzeithoch
01.06.2026

Deutschlands Nettozuwanderung ist 2025 stark gesunken: Statt 430.000 kamen noch 235.000 Menschen hinzu. Es gibt eine rückläufige...

DWN
Politik
Politik Ausreisegenehmigungen für wehrfähige Männer rechtswidrig? Verteidigungsministerium räumt Fehler ein
01.06.2026

Erst wird sie übersehen, dann eilig wieder ausgesetzt: Eine Regel zu Ausreisegenehmigungen für Männer im wehrfähigen Alter. Minister...

DWN
Politik
Politik EU-Schulden werden zur Kostenfalle für Deutschland
01.06.2026

Europa will mehr Rüstung, sichere Energie, starke Industrie und stabile Renten. Doch der IWF warnt, dass diese Rechnung kaum aufgeht,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Automobilchef: Mehrere europäische Automarken werden aussterben
01.06.2026

Jahrzehntelang lernten chinesische Hersteller von deutschen Autobauern. Nun reisen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW nach China, um...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
01.06.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...