Ungarns Kurswechsel gefährdet Ukraine-Darlehen
Orbán und Selenskyj stehen seit Langem im politischen Gegensatz, doch der aktuelle Streit hat eine neue Qualität erreicht. Im Zentrum steht ein milliardenschweres EU-Darlehen, das nun durch politische Spannungen ins Wanken gerät.
Es gilt als außergewöhnlich, dass ein europäischer Regierungschef eine gemeinsam in Brüssel getroffene Vereinbarung nur wenige Wochen später wieder infrage stellt. Genau diesen Schritt hat Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán vollzogen und damit in der EU für erhebliche Irritation gesorgt.
Im Dezember stimmte er noch zu, dass die EU ein Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Ukraine aufnimmt, um ein akutes Loch im Staatshaushalt in Kiew zu schließen. Bereits im Januar stellte sich Orbán jedoch erneut gegen das milliardenschwere Paket und blockierte die Umsetzung.
Dass Ungarn regelmäßig EU-Entscheidungen zur Unterstützung der Ukraine verzögert oder blockiert, ist bekannt. Neu ist jedoch, dass Orbán eine bereits beschlossene Maßnahme wieder infrage stellt und damit die Verlässlichkeit gemeinsamer Beschlüsse offen infrage stellt.
Blockade aus Budapest verschärft die Lage
Sein überraschendes Veto hat zugleich den Konflikt mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj deutlich verschärft. In Brüssel wächst die Sorge, dass der Streit die Handlungsfähigkeit der EU in einer ohnehin angespannten Lage schwächt.
Geplant ist, das ungarische Veto spätestens bei einem EU-Gipfel am Donnerstag aufzuheben und den Konflikt zu entschärfen. Gelingt dies nicht, droht der Ukraine ab April ein akuter Finanzengpass, da die staatlichen Mittel erschöpft sind.
Hinter Orbáns Kurswechsel steht ein Streit über die Druschba-Pipeline, durch die russisches Öl über ukrainisches Gebiet nach Osteuropa transportiert wird. Der Name der Leitung bedeutet übersetzt „Freundschaft“, was den aktuellen Konflikt zusätzlich unterstreicht.
Nach Angaben aus Kiew wurde die Pipeline im Januar durch einen russischen Angriff beschädigt, wodurch Lieferungen unter anderem nach Ungarn und in die Slowakei unterbrochen wurden. In Budapest hingegen heißt es, die Leitung funktioniere weiterhin und die Ukraine habe die Lieferungen bewusst gestoppt.
Pipeline-Streit belastet Kredit und Sanktionen
Ungarn und die Slowakei, beide als russlandfreundlich geltend, blockieren deshalb nicht nur das Darlehen, sondern auch das 20. Sanktionspaket der EU gegen Russland. Die Blockade soll erst aufgehoben werden, wenn wieder Öl durch die Pipeline fließt und die Versorgung gesichert ist.
In Brüssel sorgt Orbáns Vorgehen für erheblichen Unmut, da die EU Ungarn, der Slowakei und Tschechien bereits zugesichert hatte, nicht für die Schulden des Darlehens haften zu müssen. Das Verhalten wird als Bruch politischer Verlässlichkeit bewertet.
Ein hochrangiger EU-Diplomat warnt, dass ein solcher Kurs die Funktionsweise der Union grundlegend gefährden könne. Gemeinsame Beschlüsse verlieren an Gewicht, wenn einzelne Staaten ihre Zustimmung kurzfristig zurückziehen.
Zugleich befindet sich Orbán im Wahlkampf und steht laut Umfragen unter Druck durch einen EU-freundlichen Oppositionskandidaten. Mehrere Diplomaten sehen darin einen wesentlichen Grund für seine verschärfte Haltung gegenüber Kiew.
Selenskyj verschärft den Ton im Konflikt
Auch der ukrainische Präsident trägt aus Sicht vieler EU-Vertreter zur Eskalation bei. Selenskyj erklärte unter anderem, er habe kein Interesse daran, die Pipeline zu reparieren und Orbán damit im Wahlkampf zu unterstützen.
Zudem äußerte er laut Reuters, man könne dem blockierenden EU-Politiker die Kontaktdaten der ukrainischen Streitkräfte übermitteln, damit diese in ihrer eigenen Sprache mit ihm sprechen. In Ungarn wurde dies als indirekte Drohung aufgefasst.
Orbán reagierte öffentlich und betonte, Ungarn lasse sich weder unter Druck setzen noch erpressen. Die zugesagten Öllieferungen hätten längst erfolgen müssen, und die Verantwortung liege nicht in Budapest.
Die EU-Kommission sowie Frankreich gehen davon aus, dass russische Angriffe tatsächlich Schäden an der Pipeline verursacht haben. Dennoch wächst in der EU die Frustration über Selenskyjs scharfe Rhetorik und seine Zurückhaltung bei der Reparatur.
EU drängt auf Deeskalation
Hinzu kommt, dass die Ukraine bislang keine Zustimmung für eine EU-Untersuchungsmission zur Pipeline gegeben hat. Die Kommission wartet nach eigenen Angaben weiterhin auf eine Antwort aus Kiew und drängt auf eine technische Klärung.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versuchte zuletzt, die Lage zu beruhigen. Bei einem Treffen mit Selenskyj in Paris betonte er die Einhaltung der EU-Zusagen für das Darlehen und forderte zugleich Fortschritte bei der Instandsetzung der Leitung.
Trotz der Spannungen bleibt die EU bei ihrem ursprünglichen Plan. Das Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro soll weiterhin die Finanzierungslücke der Ukraine schließen und die Zahlungsfähigkeit sichern.
Alternative Modelle werden derzeit nicht verfolgt. Zwar wurde in der Vergangenheit diskutiert, eingefrorene russische Vermögenswerte zu nutzen, doch diese Option steht aktuell nicht im Zentrum der politischen Überlegungen.
Keine Alternative zum Darlehen erkennbar
Ein Berater des französischen Präsidenten betonte, man konzentriere sich bewusst auf den bestehenden Plan. Auch ein hochrangiger EU-Diplomat unterstrich, dass es nur diese eine Lösung gebe, der Orbán ursprünglich zugestimmt habe.
Berichte, wonach nordische und baltische Staaten im Notfall eigene Mittel mobilisieren könnten, bestätigen sich nicht. Nach vorliegenden Informationen existieren keine entsprechenden Pläne auf europäischer Ebene.
Zwar drängen diese Länder grundsätzlich auf eine stärkere bilaterale Unterstützung für die Ukraine und gehen dabei teilweise voran. Eine Kompensation des EU-Darlehens lehnen sie jedoch ab, um den politischen Druck aufrechtzuerhalten.
Dies würde aus ihrer Sicht den Druck auf Ungarn und die Slowakei genau zum falschen Zeitpunkt mindern und die Verhandlungsposition der EU schwächen. Deshalb bleibt es bei der gemeinsamen Linie innerhalb der Union.
Deutschland unter wachsendem Handlungsdruck
Für Deutschland hat der Konflikt erhebliche Bedeutung, da die Stabilität der EU eng mit der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft ist. Als größte Volkswirtschaft trägt die Bundesrepublik besondere Verantwortung für das Funktionieren gemeinsamer Entscheidungen.
Ein Scheitern des Ukraine-Darlehens würde nicht nur die geopolitische Position Europas schwächen, sondern auch wirtschaftliche Unsicherheiten verstärken. Gleichzeitig wächst der Druck auf Deutschland, im Zweifel zusätzliche Beiträge zu leisten oder politisch stärker zu vermitteln.
Der Streit zeigt, wie stark nationale Interessen die gemeinsame EU-Politik beeinflussen können. Für Deutschland wird entscheidend sein, die Balance zwischen Unterstützung für die Ukraine und der Wahrung europäischer Geschlossenheit zu sichern.


