Unternehmen

Fleischersatz auf dem Vormarsch: Deutschland erlebt Produktionsboom

Vegetarische und vegane Fleischersatzprodukte gewinnen in Deutschland an Beliebtheit: Produktion verdoppelt sich seit 2019. Fleischkonsum sinkt.
03.05.2024 03:00
Aktualisiert: 04.05.2024 11:00
Lesezeit: 2 min
Fleischersatz auf dem Vormarsch: Deutschland erlebt Produktionsboom
Immer mehr Fleischersatzprodukte kommen auf den deutschen Markt. Die Ersatzprodukte bestehen unter anderem aus Getreide, Soja, Pilzen, Bohnen, Erbsen oder auch der Jackfrucht (Foto: dpa). Foto: Andreas Arnold

Nachfrage nach Fleischersatz kurbelt Produktion an Tofuwurst statt Fleischwurst, Sojabratling statt Steak, Veggieburger statt Frikadelle: In vielen Haushalten in Deutschland gehören vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte inzwischen ganz selbstverständlich auf den Teller - auch wenn diese oft teurer sind als das Original. Steigende Nachfrage kurbelt die Produktion an. Zugleich erreichte der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch im Jahr 2023 einen historischen Tiefstand.

Rund 121 600 Tonnen vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte stellten Unternehmen hierzulande nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr her. Das waren 16,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie die Wiesbadener Behörde am Donnerstag mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2019 hat sich die Produktion demnach mehr als verdoppelt (113,8 Prozent).

Auch die Zahl der Unternehmen, die Fleischersatzprodukte in Deutschland herstellen, nimmt nach Angaben des Bundesamtes seit Jahren kontinuierlich zu: zuletzt von 51 im Jahr 2022 auf 67 im Jahr 2023.

Fleischkonsum sinkt seit Jahren

„Mit der steigenden Nachfrage nach Fleischersatz geht ein Rückgang beim Fleischkonsum einher, der sich auch 2023 fortgesetzt hat“, ordnete das Bundesamt ein. Bereits veröffentlichten vorläufigen Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) zufolge verzehrten die Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr pro Kopf 51,6 Kilogramm Fleisch. Damit setzte sich der seit Jahren zu beobachtende Trend fort: 2022 wurden pro Kopf noch 52 Kilogramm Fleisch konsumiert, 2018 waren es 60,9 Kilogramm.

Ein beträchtlicher Anteil der Verbraucherinnen und Verbraucher passe zudem ihre Ernährung an, um das Klima zu schonen, stellte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC anhand einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage fest. Gut ein Drittel (35 Prozent) der mehr als 1000 Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland gab demnach an, sie hätten in den vergangenen sechs Monaten weniger rotes Fleisch gegessen. Gut ein Fünftel (22 Prozent) haben in diesem Zeitraum nach eigenen Angaben weniger Milchprodukte verzehrt.

Möglicher Grund: mehr Klimabewusstsein von Verbrauchern

Im Gegenzug sei pflanzliche Ernährung im Aufwind: Jeder Vierte greift der PwC-Erhebung zufolge demnach deutlich häufiger zu frischem Obst und Gemüse, 28 Prozent konsumieren mehr Bohnen und Hülsenfrüchte, die als deutlich klimafreundlicher gelten als Fleisch. Für diese Analyse werden nach PwC-Angaben zweimal jährlich etwa 20 000 Menschen in 31 Ländern befragt, darunter mehr als 1000 aus Deutschland.

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung sieht in dem zurückgehenden Fleischverzehr ebenfalls Anzeichen für mehr Klimabewusstsein: Neben einer Veränderung der Ernährungsweisen dürften „auch ein generell gewachsenes Bewusstsein, welche Auswirkungen ein hoher Fleischkonsum auf die eigene Gesundheit, Klima und Umwelt haben, (...) eine Rolle spielen“, schrieb die Behörde Anfang April.

Die Umweltschutzorganisation WWF wertet die zunehmende Abkehr von Fleisch als positive Entwicklung: „Betrachten wir den Flächenbedarf, der für den Konsum an Lebensmitteln nötig ist, gehen allein 75 Prozent auf das Konto von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch oder Eier.“ 69 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen werde bei der Erzeugung tierischer Produkte verursacht. Der WWF Deutschland wies jedoch zugleich darauf hin, dass Fleischersatzprodukte zumeist hoch verarbeitete Lebensmittel sind, die erst durch Verwendung zahlreicher Zusatzstoffe und aufwendige Prozesse dem Charakter von Fleisch ähnlich gemacht werden. Vorteilhafter und mitunter günstiger seien pflanzliche Lebensmittel, die wenig oder gar nicht weiterverarbeitet seien.

Trotz der Zuwächse für Fleischersatz ist der Markt für diese Produkte noch eine Nische. Die Fleischproduktion war nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit einem Warenwert von 44,8 Milliarden Euro im Jahr 2023 fast 80 Mal umfangreicher als der Warenwert der Fleischersatzprodukte (583,2 Mio Euro).

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gestiegene Betriebskosten: Wachsender Druck auf Produktionsbetriebe

Die deutsche Wirtschaft steht im Jahr 2026 vor enormen Herausforderungen, welche die Gewinnspannen der Betriebe spürbar verringern. Laut...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: US-Indizes schließen uneinheitlich, da Trump ein Iran-Abkommen nach den Zwischenwahlen für möglich hält
22.09.2026

Politische Signale und starke Einzelwerte bewegen die Märkte im späten Handel.

DWN
Politik
Politik Mehrheit fordert Rücktritt von Kanzler Merz
22.09.2026

Mehr als die Hälfte der Befragten spricht sich für einen Rücktritt des Kanzlers aus. Unter den Anhängern einer Partei ist der Anteil...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Planet Labs: Berlin bekommt eine neue Satellitenfabrik
22.09.2026

In der Hauptstadt soll ein neuer Produktionsstandort für Satelliten entstehen. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in den USA, will aber...

DWN
Politik
Politik Ehemaliger Topberater des Weißen Hauses: Trump gibt Tech-Milliardären beängstigend viel Macht
22.09.2026

Künstliche Intelligenz könnte die Welt ähnlich tiefgreifend verändern wie einst das Manhattan-Projekt. Doch diesmal liegt die...

DWN
Finanzen
Finanzen Heizkosten steigen 2026: So teuer wird das Heizen
22.09.2026

Für viele Haushalte wird das Heizen 2026 teurer – besonders bei Öl und Holzpellets. Eine neue Prognose zeigt, welche Heizarten stärker...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs springt über 85.000 Dollar. Was hat die Erholung ausgelöst?
22.09.2026

Der Bitcoin-Kurs ist wieder deutlich gestiegen und kletterte über 85.000 Dollar. Bemerkenswert ist der Rebound, da kurz zuvor zwei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenz: So schützen Unternehmer ihr Privatvermögen
22.09.2026

Gerät die Firma ins Wanken, kann es schnell um mehr gehen als das Unternehmen. Plötzlich stehen auch Haus, Depot und Ersparnisse auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck
22.09.2026

Mercedes hält seine deutschen Werke für zu teuer und fordert mehr Arbeit für das gleiche Geld. Um den Druck zu erhöhen, legt der...