Wirtschaft

EU-Mercosur-Abkommen: Kontrast zwischen Handels- und Umweltpolitik

Ein spannendes Ringen um Handel und Umweltschutz: Während Emmanuel Macron ein neues EU-Mercosur-Abkommen fordert, suchen Deutschland und Brasilien nach Kompromissen. Wie geht es jetzt weiter?
29.03.2024 17:00
Aktualisiert: 29.03.2024 19:00
Lesezeit: 2 min
EU-Mercosur-Abkommen: Kontrast zwischen Handels- und Umweltpolitik
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) und Lula da Silva, Brasiliens Präsident, nach der Unterzeichnung von Vereinbarungen im Präsidentenpalast Planalto in Brasília (Foto: picture alliance/dpa/AP). Foto: Eraldo Peres

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat während seines dreitägigen Besuchs in der ökonomischen Hauptstadt Brasiliens, São Paulo, deutlich gemacht: Paris ist gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur, auch bekannt als „Gemeinsamer Markt des Südens“. Es besteht aus den Vollmitgliedstaaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Venezuela, ebenfalls ein Vollmitglied, ist seit Dezember 2016 suspendiert. Zudem gibt es assoziierte Staaten, die ohne Vollmitgliedschaft zum Teil am Mercosur-Handel beteiligt sind. Macron kritisiert das Abkommen mit dem Wirtschaftsbündnis in seiner aktuellen Form als „sehr schlecht“.

Er argumentiert, dass der vor 20 Jahren ausgehandelte Vertrag nicht den heutigen Anforderungen an Umweltschutz und Nachhaltigkeit entspricht. „Lasst uns ein neues, verantwortungsvolleres Abkommen aushandeln“, forderte Macron. Es soll eine Revision geben, die den heutigen ökologischen und sozialen Standards gerecht werden.

Deutschlands Erwartungen

Im Gegensatz zu Frankreichs strikter Haltung zeigen sich Deutschland und Brasilien kompromissbereit und unterstützen das Abkommen. Bundeskanzler Olaf Scholz und der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben im Dezember 2023 beim deutsch-brasilianischen Wirtschaftsforum in Berlin ihre Verpflichtung bekräftigt, das Abkommen zum Abschluss zu bringen. Sie heben insbesondere die Bedeutung eines Nebenabkommens hervor, das den durch den Handel verursachten Schaden für den Amazonas-Regenwald minimieren soll.

„Jetzt geht es darum, das Abkommen über die Ziellinie zu bringen, und deshalb werbe ich für Pragmatismus auch aufseiten der EU“, sagte Scholz. Das EU-Mercosur-Abkommen, das eine der weltweit größten Freihandelszonen mit über 700 Millionen Einwohnern schaffen würde, befindet sich seit 2019 in der Schwebe. Der Vertrag ist sowohl in Südamerika als auch in Europa umstritten, weil er von manchen Staaten als Bedrohung betrachtet wird.

In Deutschland könnten Branchen wie Maschinenbau, Automobilhersteller, Chemie- und Lebensmittelproduzenten vom erleichterten Marktzugang im Mercosur profitieren. Dies gilt auch für Dienstleister in Bereichen wie IT, Logistik und Tourismus. Innovationsgetriebene Unternehmen könnten auch durch Kooperationen Vorteile erzielen, während flexible kleine und mittlere Unternehmen (KMU) die sich bietenden Chancen nutzen könnten.

Mittlerweile drängt auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) auf den Abschluss des EU-Freihandelsabkommens mit den Mercosur-Staaten, um die schwächelnde Exportwirtschaft in Deutschland zu stärken. Derzeit sind EU-Exporte in den Mercosur mit hohen Zöllen belastet. Diese Situation kostet europäische Unternehmen laut DIHK jährlich vier Milliarden Euro.

Frankreichs Bedenken

Die Haltung Frankreichs zum EU-Mercosur-Abkommen gleicht einer Reaktion auf das EU-Handelsabkommen CETA, das Comprehensive Economic and Trade Agreement zwischen der EU und Kanada. Paris äußert in beiden Fällen Bedenken bezüglich der Auswirkungen auf lokale Märkte und Umweltstandards. Dies geschieht trotz der Ziele von CETA, das den Handel durch den Wegfall fast aller Zölle und die Etablierung gemeinsamer Regeln erleichtern und europäischen Firmen jährliche Einsparungen von etwa 590 Millionen Euro ermöglichen könnte.

Die Debatte zeigt große Meinungsunterschiede innerhalb der EU, wobei das richtige Gleichgewicht zwischen Handel und Umweltschutz im Fokus steht. Während Deutschland und Brasilien die wirtschaftlichen Vorteile betonen und nach einer pragmatischen Lösung suchen, bleibt Frankreich fest aufseiten der Umweltschützer.

Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Meinungsunterschiede innerhalb der EU überwunden werden können, um eine gemeinsame Position zum Mercosur-Abkommen zu erreichen. (Mit Material der Nachrichtenagentur dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen BYDFi im ausführlichen Test 2026

In deutschsprachigen Krypto-Foren hält sich eine Überzeugung besonders hartnäckig: Börsen ohne KYC-Pflicht sind unseriös, unsicher und...

avtor1
Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

DWN
Technologie
Technologie KI-Modelle im Visier von Nachahmern: OpenAI, Google und Anthropic bauen Kooperation aus
19.04.2026

Große KI-Unternehmen verstärken ihre Zusammenarbeit, um ihre Technologien vor unbefugter Nutzung und wachsender internationaler...

DWN
Panorama
Panorama Klimaschutz 2030: Deutschland drohen hohe Strafen
19.04.2026

Deutschland hat sein Klimaziel für das Jahr 2025 knapp erreicht, verliert jedoch deutlich an Geschwindigkeit. Die Treibhausgasemissionen...

DWN
Technologie
Technologie Künstliche Intelligenz außer Kontrolle? Forscherin warnt vor gefährlicher Entwicklung
18.04.2026

Künstliche Intelligenz wiederholt bereits bestehende Fehlinformationen und verstärkt vorhandene Ungleichheiten. Am gefährlichsten ist...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitsmarkt unter Druck: Kosten der Arbeitslosigkeit steigen dramatisch an
18.04.2026

Der deutsche Arbeitsmarkt steht unter erheblichem finanziellem Druck. Nach aktuellen Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Externe Manager in Familienunternehmen: Warum sie an Bedeutung gewinnen – und wie Eigentümer Verantwortung abgeben
18.04.2026

Immer mehr Familienunternehmen übertragen die operative Führung an externe Manager. Der Wandel verspricht Professionalität und neue...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nachhaltige Lieferketten bei Lidl: Warum Lieferanten von strengeren Vorgaben profitieren
18.04.2026

Lidl verschärft die Nachhaltigkeitsanforderungen in der Lieferkette deutlich. Wie profitieren Hersteller dennoch von der Zusammenarbeit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Günstige Drohnen im Krieg: Teure Systeme geraten unter Druck
18.04.2026

Günstige Drohnen und neue Produktionsmodelle stellen die bisherige Logik von Krieg und Verteidigung zunehmend infrage. Entscheidet...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das Office-Comeback, das niemand wollte, ergibt keinen Sinn
18.04.2026

Unternehmen drängen zurück ins Büro und investieren Milliarden in neue Arbeitswelten. Doch die Realität der Beschäftigten zeigt eine...