Politik

Kurze Sätze, einfache Wörter: Leichte Sprache hilft Millionen Menschen

Amtsdeutsch, kaum Verständliches aus Medizin oder Politik, Schachtelsätze: Es geht einfacher, sagen viele - und fordern mehr Leichte Sprache. Was genau ist das, wie geht sie und wer profitiert? Auch die Wirtschaft braucht mehr Sprachkompetenz von Mitarbeitern.
27.05.2024 09:15
Lesezeit: 3 min

Einfach ist sie nicht, die „Leichte Sprache“. Im Gegenteil: Komplizierte Texte in Leichter Sprache (LS) zu formulieren, kann sehr anspruchsvoll sein. Experten zufolge ist LS wichtig, sinnvoll und hilfreich für Millionen Menschen in Deutschland, die sonst oft an sprachlichen Barrieren scheitern. Zum Internationalen Tag der Leichten Sprache am 28. Mai fordern viele Akteure mehr Angebote in gut verständlicher Sprache - und weisen auf zahlreiche Baustellen hin.

Für wen Leichte Sprache sinnvoll ist

Leichte Sprache gilt als Schlüssel für eine inklusive Kommunikation, ermöglicht Personen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, Teilhabe und Selbstbestimmung, wie die Lebenshilfe NRW schildert. Zur Zielgruppe gehören Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenz, mit Lernschwierigkeiten oder geringen Deutschkenntnissen - und alle, die Probleme mit komplizierten Texten wie Behördenschreiben haben. LS sei noch zu wenig verbreitet. „Wir appellieren daher an Behörden und private Unternehmen, auf eine leicht verständliche Kommunikation für alle zu setzen.“

Dolmetscherin Anne Leichtfuß, eine der deutschlandweit wenigen Personen, die simultan in LS übersetzten kann, erläutert: «Leichte Sprache ist Sprache, die jeder versteht. Auch schwierige Dinge können in Leichter Sprache erklärt werden.» Sie ist überzeugt: Eine Kommunikation in LS könne an vielen Stellen für alle Menschen nützlich sein. Es sei komplex, eine Steuererklärung zu machen oder einen Antrag auf Wohngeld zu stellen. „Wenn das vereinfacht werden könnte, würde es vielen Menschen Lebenszeit und Energie einsparen.“

Für Leichte Sprache gibt es keine klare Definition

Leichte Sprache ist kein geschützter Begriff. Das Netzwerk Leichte Sprache - ein Verein in Berlin - hat Empfehlungen vorgelegt. Auf Fremd- und Fachwörter oder lange Sätze solle verzichtet werden. Beispiel: Statt «beruflicher Rehabilitation nach einem Unfall» könne man auch schreiben: «nach einem Unfall einen neuen Beruf erlernen». Wichtig sei, dass man Menschen, die auf LS angewiesen seien, an der Prüfung von Texten auf ihre Verständlichkeit beteilige. Das Bundessozialministerium hat zusammen mit dem Netzwerk einen Ratgeber erstellt. Immer mehr Institute, Behörden oder Ministerien bieten auch Infos in LS an.

Es ist noch viel zu tun

«Bisher fehlt in Deutschland eine klare und verpflichtende Gesetzgebung zum Thema Leichte Sprache», kritisiert Anne Leichtfuß. Laut Studien sei von etwa 14 Millionen Menschen in Deutschland auszugehen, die eine leichte oder einfache Sprache benötigten. Das Angebot sei noch zu gering und thematisch eingeschränkt. «Menschen aus der Zielgruppe haben in Deutschland nach wie vor keinen Rechtsanspruch auf Leichte Sprache im Alltag - also beim Arztbesuch, auf dem Amt oder bei Nachrichten in den Medien.»

Anfragen an Leichtfuß kommen etwa für Museumsführungen, Mitgliederversammlungen, Konferenzen oder auch für Webvideos oder Audioguides, es werde vielfältiger. Im Bereich des zeitgleichen, mündlichen Übersetzens sei der Mangel an Simultan-Dolmetschern für LS enorm. „Wir sind etwa zehn Personen bundesweit. Damit können wir natürlich nicht den gesamten bestehenden Bedarf bundesweit abdecken.“

Wie funktioniert Leichte Sprache?

Die Sätze sind kurz. In jedem Satz steckt nur eine Information, erklärt Anne Leichtfuß. Komplizierte Wörter und Abkürzungen werden erklärt. Als Faustregel beschreibt die Kölner Sprachwissenschaftlerin Bettina Bock: „So einfach wie nötig und so verständlich wie möglich.“ Die Texte sollten von der Zielgruppe sofort erkannt werden, aber die Vereinfachung zugleich „so unauffällig wie möglich verfasst sein, damit sie kein Stigmatisierungspotenzial bieten“, unterstreicht die Forscherin vom Institut für deutsche Sprache an der Uni Köln. Also nicht zu viele Wiederholungen, nicht übertrieben vereinfacht. Auch aus der Zielgruppe selbst komme mitunter der kritische Hinweis auf „Kindersprache“. Es brauche Fingerspitzengefühl bei der Formulierung - wer LS nutze, wolle und dürfe nicht als «dumm» markiert werden.

Reichtum der Sprache geht nicht verloren

Die Befürchtung, der Reichtum der Sprache könne auf der Strecke bleiben, sei unbegründet, meint Leichtfuß. Vom Inhalt gehe nichts verloren. Im Gegenteil. Es könne einiges hinzukommen: „Wenn man so fragt, dass alle Menschen die Frage verstehen können, dann bekommt man diversere, vielschichtigere Antworten.“ Zudem sei Leichte Sprache in der Regel als zusätzliches Angebot gedacht. Leichtfuß hält Schulungen ab, in ihrem LS-Prüfteam sind Menschen aus der Zielgruppe. Und sie unterstützt die Redaktion des Magazins „Ohrenkuss“ - alle Autoren und Autorinnen haben das Down-Syndrom. LS in schriftlicher Form könne man bei verschiedenen Anbietern lernen, das mündliche Dolmetschen aber nicht, bedauert die Bonnerin.

Wissenschaftlerin Bock sieht einen legitimen Anspruch auf LS. Es gebe schon ein größeres Angebot von Texten und Materialien in LS, aber: „Es müsste noch mehr sein und vor allem müsste die Qualität oft besser sein“, mahnt die Expertin, die mehrere Bücher zum Thema verfasst hat. „Es gibt leider viele schlecht gemachte Texte.“ Sie stellt klar: „Leichte Sprache ist sehr anspruchsvoll, die Zielgruppe sehr heterogen. Je genauer man die Adressaten des Textes kennt, desto zielgerichteter und besser kann man in Leichter Sprache formulieren." Wenn ein Text in LS gut gemacht sei, könne sich eine Variante in Regelsprache erübrigen.

Sprach- und Kulturverfall im Goethe-Land?

Es gebe in den letzten Jahren viele Forschungsprojekte zum Thema, LS sei stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt, beobachtet Bettina Bock. Und: „Leichte Sprache ist auch zum Aufreger-Thema geworden: Vor allem in Social Media ist von Sprachverfall und Kulturverfall die Rede, wird auch polemisch gefragt, was aus dem Land der Dichter und Denker wird.“

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Gelbes Edelmetall erstmals über 4.700 US-Dollar – Silberpreis ebenfalls mit Allzeithoch
20.01.2026

Ein neues Goldpreis-Rekordhoch: Das gelbe Edelmetall durchbricht eine historische Marke nach der anderen, der Silberpreis zieht mit....

DWN
Technologie
Technologie Energie in unsicheren Zeiten: Was tun, wenn der Blackout in Deutschland kommt?
20.01.2026

Ein Blackout trifft moderne Gesellschaften schneller, als viele glauben. Der Ausfall in Spanien und Portugal Anfang 2025 zeigt, wie rasch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen im Januar besser als erwartet
20.01.2026

Die ZEW-Konjunkturerwartungen steigen im Januar deutlich stärker als erwartet – ein Signal, das viele als Hoffnungsschimmer für die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exporte in die USA fallen: Autoindustrie besonders betroffen – wo es Hoffnung gibt
20.01.2026

Deutschlands USA-Exporte geraten unter Druck: Zölle, politische Drohkulissen und neue Unsicherheit im transatlantischen Geschäft treffen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Umfrage: Materialmangel in deutscher Industrie geht zurück – doch Entwarnung bleibt riskant
20.01.2026

Die Materiallage in der deutschen Industrie wirkt deutlich stabiler als noch vor wenigen Monaten. Vor allem die Autoindustrie meldet...

DWN
Panorama
Panorama Verdi-Warnstreik bremst Pendler aus: Wirtschaft warnt vor Folgen
20.01.2026

Der Verdi-Streik trifft Autofahrer genau zum Start in den Tag: Warnstreiks im öffentlichen Dienst sorgen für Sperrungen, Umleitungen und...

DWN
Politik
Politik Putins Bündnisse zerfallen: Iran wird zum Schlüsselrisiko
20.01.2026

Russlands Außenpolitik steckt in der Krise: Verbündete im Nahen Osten und darüber hinaus zweifeln zunehmend am Wert der Partnerschaft...

DWN
Politik
Politik G7-Gipfelidee aus Paris: Macron regt G7-Treffen mit Russland und Dänemark an
20.01.2026

Emmanuel Macron sucht den direkten Draht zu Donald Trump – und setzt dabei auf private Nachrichten. Ein vorgeschlagenes G7-Treffen in...