Wirtschaft

US-Börsen: Wall Street nach Trumps Angriff auf die Fed im Zangengriff

Trump attackiert die Fed, der Dollar wankt und Investoren wetten auf die große Börsenrallye – doch was passiert, wenn sich die Bullen täuschen und der Crash kommt?
21.07.2025 15:37
Lesezeit: 5 min

Zinsschock, Dollarcrash, Zollangst – US-Börsen im Ausnahmezustand

Vergangene Woche erreichte der S&P 500 ein neues Rekordhoch, unterstützt durch robuste Konjunkturdaten und optimistische Einschätzungen führender Aktienstrategen. Doch in den kommenden Monaten müssen Investoren bereit sein, erhöhte Risiken und kurzfristige Rücksetzer auszuhalten.

Ex-Pimco-Stratege Bill Gross: Dollar könnte an Wert verlieren

Zur Wochenmitte kam es an den Finanzmärkten zu einer kurzen, aber heftigen Erschütterung, nachdem Medienberichte kursierten, Donald Trump, US-Präsident, wolle Fed-Chef Jerome Powell absetzen – aus Ärger über die nicht gesenkten Zinsen. Erst als Trump diese Berichte dementierte, erholten sich die Märkte. Der Vorfall zeigte, wie empfindlich das Thema Fed-Unabhängigkeit an der Wall Street ist. Der als „Obligationen-König“ bekannte Bill Gross, früherer Chefanlagestratege bei PIMCO, mahnt Investoren, in der Personalfrage der Fed aufzuwachen. Weniger entscheidend sei der Zeitpunkt der Neubesetzung als vielmehr, wie stark der neue Vorsitzende das Gremium beeinflussen könne.

„Sollte es ihm auf längere Sicht gelingen, die Haltung der Mitglieder zu beeinflussen, dürfte die Zinskurve auf dem Anleihemarkt steiler verlaufen, der Dollar an Wert verlieren und die Inflation sich voraussichtlich der Marke von 3 Prozent annähern“, schrieb Gross diese Woche auf X. Ein Wechsel an der Fed-Spitze könnte sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben. Doch die Unsicherheit über Geldpolitik, Zölle und KI werde entscheidend sein, so Gross. „Deshalb agiere ich defensiv – ich halte mehr Bargeld und kaufe Value-Aktien mit einer Dividendenrendite von 4 bis 5 Prozent“, so Gross weiter. Jerome Powells Amtszeit als Fed-Chef endet im Mai 2026, seine Mitgliedschaft im Gremium im Januar 2028.

Chefstratege für US-Aktien bei Morgan Stanley rechnet mit weiterer Bullenrally

Mike Wilson, Chefstratege für US-Aktien bei Morgan Stanley und einer der meistbeachteten Köpfe der Wall Street, sieht eine anhaltende Bullenrally – vorausgesetzt, der S&P 500 konsolidiert zunächst leicht. Im laufenden Quartal könne der S&P 500 laut Wilson um 5 bis 10 Prozent fallen, da Investoren auf die Auswirkungen von Trumps Zollpolitik auf Unternehmensgewinne reagierten. Doch der Rückgang dürfte nur von kurzer Dauer sein – und eine Kaufgelegenheit eröffnen. „So sieht der Beginn eines neuen Bullenmarktes aus. Das Ausmaß des Wandels nimmt schneller Fahrt auf, als die meisten erwarten“, sagte Wilson im Interview mit Bloomberg TV. Er sei überzeugt, dass Rücksetzer „kurz und flach“ ausfallen würden – und er würde in solchen Phasen „definitiv“ kaufen. Dank robuster Konjunkturdaten und trotz politischer Unsicherheiten markierte der S&P 500 diese Woche ein Allzeithoch. „Man kann nicht leugnen, dass es den Unternehmen gut gelingt, die Auswirkungen der Zölle abzufedern“, so Wilson. Das dritte Quartal werde laut dem Strategen risikobehaftet bleiben, da die Märkte die Zollfolgen bewerteten. Danach werde sich der Fokus auf das für 2026 erwartete Wachstum verschieben. Seine Kollegen bei Morgan Stanley lieferten ebenfalls markante Währungsperspektiven: Der Euro, der 2025 gegenüber dem Dollar bereits über 12 Prozent zugelegt hat, könne weiter aufwerten – von derzeit 1,16 auf 1,30 US-Dollar je Euro.

Diese Aufwertung sei „eine unterschätzte Risikoquelle“, warnen die Devisenstrategen der Bank. Das Szenario beruht auf der Annahme, dass Zweifel an der Rolle des US-Dollars als sicherer Hafen europäische Anleger – etwa Pensionskassen und Versicherungen – dazu bewegen, ihre US-Assets gegen Währungsschwankungen abzusichern. Dies würde den Euro zusätzlich stärken. Laut Morgan Stanley halten europäische Investoren etwa 8 Billionen US-Dollar an dollarnotierten Anlagen, davon rund 3,6 Billionen US-Dollar ohne Währungsschutz. Bereits ein moderater Anstieg der Absicherung könne den Markt deutlich bewegen: Ein Hedging-Volumen von 400 Milliarden US-Dollar binnen zwölf Monaten würde den Euro um 7 % aufwerten, so die Bank. Zusätzliche Anreize zur Absicherung liefere eine erwartete Zinssenkung der Fed im Herbst, da diese die Absicherungskosten senke. Die Bank prognostiziert eine Senkung um 25 Basispunkte im Oktober.

Basisszenario-Zielwert für den S&P 500 zum Jahresende laut KKR bei 6.550 Punkten

Investoren unterschätzen womöglich das Aufwärtspotenzial von Aktien und anderen risikobehafteten Anlageklassen, warnt der Investmentriese KKR. Lockerere Finanzierungsbedingungen, eine weltweit mildere Geldpolitik, steigende Produktivität und ein begrenztes Neuzulauf-Angebot stützen risikoreiche Anlagen, heißt es in KKRs Halbjahresausblick. Zugleich rät KKR zur Absicherung gegen einen schwächeren Dollar, höhere Anleiherenditen und größere Marktvolatilität – Risiken, die geopolitisch und geldpolitisch zunehmen dürften. „Mit Blick in die Zukunft bleiben wir optimistisch. Zwar rechnen wir mit mehr Marktrückgängen als bisher, doch es gibt eine Reihe von Faktoren, die dafür sprechen, dass der Zyklus weitergeht – und länger andauert, als viele glauben“, so KKR.

Der Basisszenario-Zielwert für den S&P 500 zum Jahresende liegt laut KKR bei 6.550 Punkten – das entspricht einem Potenzial von rund 4 Prozent. Im optimistischen Fall wären 14 Prozent Plus möglich, im pessimistischen 14 Prozent Verlust. KKR empfiehlt, den Anteil globaler Aktien im Portfolio zu erhöhen, da sich die Bewertungsvorteile für US-Aktien abschwächen könnten – angesichts fiskalischer Stimuli in anderen Ländern. Der US-Dollar sei weiterhin um 15 bis 20 Prozent überbewertet. Für zehnjährige US-Staatsanleihen erwartet KKR eine Renditespanne von 4,25 bis 4,5 Prozent.

Stimme der US-Börsen: Wie geht es an der Wall Street weiter?

Fondsmanager erhöhen ihre Allokation in risikoreiche Vermögenswerte so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr – in der Erwartung eines Wachstums bei Wirtschaft und Unternehmensgewinnen. Das zeigt die aktuelle monatliche Umfrage der Bank of America unter den größten Fondsverwaltern. Der Anteil jener Investoren, die ihr Risiko über den Normalwert hinaus erhöhten, ist in den letzten drei Monaten so stark gestiegen wie seit 2001 nicht mehr. Besonders stark fließt Kapital in US-, Europa- und Technologiewerte. Die Befragung zeigt zudem: Die Mehrheit der Fondsmanager erwartet, dass das durchschnittliche US-Zollniveau gegenüber Handelspartnern bei etwa 14 Prozent stabil bleibt.

Größtes Risiko: ein eskalierender Handelskrieg mit globaler Rezession. Zweitgrößtes Risiko: Inflation, die Zinssenkungen der Fed verhindert. Drittgrößtes Risiko: ein Rückgang des US-Dollars. Auch zu den „heißesten Wetten“ im Markt wurden Einschätzungen erhoben. Platz eins: auf einen fallenden Dollar (34 Prozent), Platz zwei: auf Kursgewinne der „Magnificent Seven“-Aktien (26 Prozent), Platz drei: auf steigenden Goldpreis (25 Prozent).

Goldman Sachs: Trügerische Sicherheit trotz kurzfristigen Risiken

Der jüngste Kursanstieg europäischer Aktien spiegele nicht die tatsächlichen Risiken durch US-Zölle wider, warnen Strategen von Goldman Sachs. „Die Märkte wiegen sich in trügerischer Sicherheit hinsichtlich der kurzfristigen Risiken, die mit all dem verbunden sind“, sagte Sharon Bell, leitende Europa-Strategin, gegenüber Bloomberg TV. Trump droht mit 30 Prozent EU-Zöllen ab dem 1. August. Eine Einigung im transatlantischen Handelsstreit ist nicht in Sicht. Würden Anleger diese Zölle wirklich erwarten, hätten die Märkte bereits korrigiert. Ein weiteres Risiko für europäische Aktien: der erstarkende Euro. Dieser belaste exportstarke Unternehmen, so Goldman Sachs – sie erwartet für 2025 kaum Gewinnwachstum europäischer Firmen.

HSBC sieht eine Art Anti-Blase

Die Spekulation auf einen schwachen US-Dollar entwickle sich zu einer Blase – mit entsprechendem Platzen. Das meint die HSBC in ihrer aktuellen Einschätzung. Devisenhändler seien zu überzeugt vom weiteren Fall des Dollars – ein typisches Muster für Blasenbildung, so die Strategen. „Noch vor Kurzem war eine offensichtliche Blase des starken Dollars zu beobachten – doch inzwischen geschieht das Gegenteil: eine Art Anti-Blase. Es zeigen sich typische Merkmale klassischer Blasen, was als Warnsignal gilt, dass der Boden des US-Dollars nicht mehr fern sein könnte“, heißt es bei HSBC. Trumps Zollpolitik, Sorgen um die US-Staatsfinanzen und schwindendes Vertrauen in den Dollar führten dazu, dass der US-Dollar-Index 2025 bereits um über 9 Prozent gegenüber anderen Leitwährungen gefallen ist.

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