Weltwirtschaft

Erstaunliche Entwicklung trotz Korruption: China als Spiegel globaler Realitäten - TEIL 1

Lesezeit: 3 min
27.05.2024 10:49
Obwohl die chinesische Wirtschaft nun langsamer wächst, hat sie doch einen beeindruckenden Weg zurückgelegt: Seit der Einführung des Kapitalismus in den 1980ern hat sich China von einem der ärmsten Länder zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickelt. Noch bemerkenswerter ist, dass dies gelang, obwohl es immer wieder Korruptionsskandale gab. Wegen dieser Verbindung rasanten Wachstums mit massiver Korruption nennt der Ökonom Paolo Mauro das Land – einen „gigantischen Sonderfall“.
Erstaunliche Entwicklung trotz Korruption: China als Spiegel globaler Realitäten - TEIL 1
Trotz Korruptionsskandalen verzeichnet China eine enorme Entwicklung, dessen Wachstum sich erst seit kurzer Zeit verlangsamt (Foto: dpa).
Foto: Yu Fangping

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Traditionell ist es Konsens, dass die westlichen Industriestaaten genau deshalb zu Wohlstand gelangt sind, weil sie die Korruption ausgerottet und vorbildliche Verwaltungssysteme aufgebaut haben. Diese Ansicht wird auch durch länderübergreifende statistische Studien unterstützt, die anhand globaler Kennzahlen zur Korruptionswahrnehmung stets zu dem Ergebnis kommen, dass Korruption wachstumshemmend wirkt. Aber wie konnte die chinesische Wirtschaft dann trotz ihrer Korruption so schnell wachsen? Und warum verlangsamt sich dieser stetige Aufschwung erst heute – nach vier Jahrzehnten?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir die Debatte aus einem anderen Blickwinkel sehen – und insbesondere die populären historischen Narrative des Westens und die Aussagekraft der globalen Korruptionsindizes hinterfragen.

Tatsächlich zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte, dass China gar nicht so einzigartig ist: Als die Vereinigten Staaten Ende des 19. Jahrhunderts ein Schwellenland waren, gab es auch dort massive Korruption. Aber viele Elemente der amerikanischen Blütezeit sind schon lange in Vergessenheit geraten.

Durch die globalen Kennzahlen zur Korruptionsmessung wird zwar die „Korruption der Armen“ erfasst, nicht aber die „Korruption der Reichen“. Diese nur teilweise relevanten Indikatoren verschleiern ein wichtiges historisches Muster: Kapitalistische Großmächte wie die USA haben die Korruption nicht unbedingt ausgerottet: Ihre Korruption hat sich vielmehr zu einem legalisierten Austausch zwischen Eliten entwickelt, der oft zu Finanzblasen geführt hat.

Ungewöhnlich erscheint China daher nur dann, wenn man den idealisierten Westen zum Maßstab nimmt. Aber sobald die Mythologie wegfällt, wird klar, dass Chinas kapitalistische Entwicklung der westlichen Erfahrung ähnlicher ist, als die meisten Menschen glauben.

America First

Zwischen berüchtigten Selbstbedienungsländern wie Nigeria auf der einen und Amerika oder China während ihrer jeweiligen Blütezeit auf der anderen Seite gibt es einen erheblichen Unterschied: Entscheidend ist die Qualität der Korruption. In den USA und China hat sie sich im Laufe der Zeit verändert – von Übervorteilung und Diebstahl hin zu einem subtileren Austausch von Macht und Profit. Während die räuberischen Formen der Korruption – wie Unterschlagung oder Erpressung – immer mehr gezügelt werden konnten, ist das „Eintrittsgeld“, mit dem sich Politiker und politisch vernetzte Kapitalisten gegenseitig Gefälligkeiten erweisen und bereichern, geradezu explodiert. Auf diese Weise werden riskante Geschäfte gefördert und die Ungleichheit verstärkt.

Im Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts wurden die Probleme einer solchen Vetternwirtschaft mehrmals deutlich: So wurde die Panik von 1837 teilweise durch riskante, intransparente und korrupte Arten der öffentlichen Infrastrukturfinanzierung ausgelöst, die den heutigen chinesischen Problemen erschreckend ähneln.

Oder, anders ausgedrückt, als „Sonderfall“ kann man China nur bezeichnen, wenn man es mit einer mythischen Version der westlichen Geschichte vergleicht, die heute allgemein für richtig gehalten wird. Betrachtet man die tatsächliche historische Entwicklung, wird auch der Westen zum Sonderfall.

Während der Blütezeit der USA haben Kapitalisten mit Politikern gemeinsame Sache gemacht, um durch die Gründung neuer Industriezweige enormen Reichtum anzuhäufen. Tatsächlich waren einige Politiker selbst Kapitalisten – wie etwa der „Räuberbaron“ Leland Stanford (nach dem die Stanford-Universität benannt ist). Indem Stanford seine Vorrechte als Gouverneur von Kalifornien ausnutzte, hat er die Gesetzgebung seines Bundesstaates beeinflusst, um die Eisenbahnprojekte seines Konzerns zu subventionieren. So konnte er die Gewinne für sich behalten und die Risiken auf die Allgemeinheit abwälzen. Stanfords Mitarbeiter waren dafür bekannt, kofferweise Aktienpakete der Firma bei sich zu tragen, um damit Politiker zu bestechen. Und um Kosten für den Eisenbahnbau zu sparen, hat sein Konzern Fremdarbeiter aus China eingestellt, die er bei Protesten hungern ließ, um sie gefügig zu machen.

Ein großer Teil dieser zweifelhaften Vergangenheit wird von der Entwicklungsökonomie ignoriert. Die üblichen Darstellungen neigen dazu, Teile der westlichen Geschichte besonders zu betonen und die Wachstumseffekte einiger gefeierter Episoden – darunter besonders die „Glorreiche Revolution“ in England von 1688 – zu übertreiben, während sie die unbequeme Wahrheit von Betrug und Ausbeutung gern unter den Tisch fallen lassen.

Durch die „Glorreiche Revolution“ wurde damals zwar das Parlament (das lediglich die Land besitzende Elite vertreten hat) gegenüber der Monarchie gestärkt, aber die übliche Behauptung, dies habe direkt zur Industriellen Revolution geführt, ist zweifelhaft. Historiker haben gezeigt, dass die englische Regierung nach der Revolution sogar noch gieriger wurde, aber solche Erkenntnisse wurden lang ignoriert, weil sie nicht das waren, was das Establishment hören wollte.

Verstärkt wurde diese mythologisierte westliche Geschichte noch durch globale Kennzahlen, die, wie es Sally Engle Merry einst ausdrückte, „eine Aura objektiver Wahrheit vermitteln … trotz der enormen Interpretationsarbeit, die in ihre Entwicklung einfließt“. Sowohl die Indikatoren zur weltweiten Governance der Weltbank als auch der Index der Korruptionswahrnehmung (CPI, Corruption Perceptions Index) von Transparency International vermitteln den Eindruck, Korruption beschränke sich auf arme, rückständige Länder, während der Globale Norden weitgehend tugendhaft sei.

Die Politikwissenschaftlerin Alina Mungiu-Pippidi meint sogar, Großbritannien, „der klassische Performer“ und die „Splitter des britischen Empires [mit] Bevölkerungen europäischer Abstammung“ hätten ein Endstadium des „ethischen Universalismus“ erreicht. In diesen Oasen des Glücks findet eine „gleiche Behandlung aller“ statt (eine Behauptung, die angesichts extremer Ungleichheit und massiver populistischer Rückschläge in vielen heutigen Industriestaaten verblüfft).

Wie ich kürzlich kommentiert habe, ist es vielmehr so, dass die globalen Kennzahlen „systematisch dasjenige zu wenig messen, was ich (im Gegensatz zur ‚Korruption der Armen’) die ‚Korruption der Reichen’ nenne – die zu Legalisierung oder Institutionalisierung neigt und auf versteckte Weise unethisch ist“. Systembedingt lassen die üblichen Methoden zur Korruptionsmessung reiche Länder gut aussehen, da sie all die subtilen Schattengelder und finanziellen Schikanen ignorieren, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil der Analyse.

Copyright: Project Syndicate, 2024.

www.project-syndicate.org

Zum Autor:

Yuen Yuen Ang ist Professorin für politische Ökonomie an der Johns Hopkins University, ist Verfasserin von How China Escaped the Poverty Trap (Cornell University Press 2016) und China’s Gilded Age (Cambridge University Press 2020).


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