Politik

Israel und Hisbollah: Ein größerer Krieg und seine möglichen Konsequenzen

Der letzte große Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah liegt mittlerweile 18 Jahre zurück. Doch die aktuellen Grenzscharmützel, die seit Beginn des Gaza-Kriegs immer intensiver werden, werfen die Frage auf: Was würde ein neuer groß angelegter Krieg bedeuten?
23.06.2024 08:29
Aktualisiert: 23.06.2024 10:05
Lesezeit: 2 min

Seit mehr als acht Monaten herrschen kontinuierliche Kämpfe zwischen Israel und der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah. Die Intensität der Auseinandersetzungen nimmt zu, und die Sorge vor einem eskalierenden Konflikt wächst. Ein offener Krieg zwischen Israel und der Hisbollah könnte sich zu einem regionalen Konflikt ausweiten, in den auch die USA als wichtiger Verbündeter Israels involviert werden könnten.

Auswirkungen eines offenen Krieges

Experten sind der Meinung, dass die Hisbollah heute wesentlich stärker ist als während des letzten großen Kriegs mit Israel im Jahr 2006. Die Miliz hat durch den Syrien-Krieg viel Kampferfahrung gesammelt und erhält Unterstützung aus dem Iran. Mit einem ausgeklügelten Tunnelsystem, ähnlich dem der Hamas im Gazastreifen, und einem Arsenal von rund 150.000 Raketen könnte die Hisbollah im Kriegsfall erheblichen Schaden in Israel anrichten. Ein massiver Raketenhagel könnte die israelische Raketenabwehr überfordern und wichtige Infrastrukturen zerstören.

"In einem erbittert geführten Krieg wird es mehr Zerstörung an der Heimatfront und tiefer in Israel geben," sagte der israelische Brigadegeneral Schlomo Bron der "New York Times". Die Hisbollah könnte nahezu jedes Ziel in Israel treffen, darunter auch zivile Einrichtungen. "So wie wir den Süden Beiruts angreifen würden," fügte er hinzu, in Bezug auf die als Hisbollah-Hochburg bekannten Viertel im Süden der libanesischen Hauptstadt.

Für den Libanon, der bereits wirtschaftlich und politisch angeschlagen ist, hätte ein solcher Krieg verheerende Folgen. Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant warnte im vergangenen Jahr, man werde das Nachbarland im Kriegsfall "in die Steinzeit zurückversetzen."

Riad Kahwaji, Direktor des Institute for Near East and Gulf Military Analysis (INEGMA), bewertet das Kräfteverhältnis zugunsten Israels. "Egal, wie viel Schaden die Hisbollah in Israel anrichtet, die Israelis werden zehn- bis hundertmal so viel anrichten," sagt er. Seiner Meinung nach drängt die Hisbollah nicht auf einen Krieg, sondern will Israel vor allem abschrecken. Bislang hat sie ihre Angriffe begrenzt gehalten.

Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, betont in seinen Reden immer wieder den Erfolg seiner Miliz und die "Erschöpfung des Feindes". "Wenn sie (die Israelis) dem Libanon einen Krieg aufzwingen, wird der Widerstand ohne Einschränkungen, Regeln und Grenzen zurückschlagen," warnte er in einer Ansprache.

Nasrallah lobt die "Libanon-Front" für ihren Erfolg, obwohl der Libanon selbst in einer schweren Wirtschaftskrise steckt. Der Mittelmeerstaat hat keinen Präsidenten und keine handlungsfähige Regierung. Ein größerer Krieg würde die Destabilisierung weiter vorantreiben.

Israels Ziele im Libanon

Israel strebt an, dass sich die Hisbollah-Milizionäre wieder nördlich des Litani-Flusses, 30 Kilometer von der Grenze entfernt, zurückziehen. Eine UN-Resolution nach dem Krieg 2006 schrieb dies vor, doch die Hisbollah-Kämpfer kehrten allmählich in das Grenzgebiet zurück.

US-Gesandter Amos Hochstein bemühte sich in Gesprächen in Israel und dem Libanon um eine diplomatische Lösung des Konflikts - bisher ohne Erfolg. Nasrallah sagte, die Hisbollah werde ihre Angriffe auf Israel ohne eine Waffenruhe im Gaza-Krieg nicht einstellen. Israel plant, binnen weniger Wochen den Einsatz in Rafah im Gazastreifen zu beenden.

Hochstein warnte, ein Krieg mit der Hisbollah könne eine großangelegte iranische Attacke auf Israel nach sich ziehen. Der ehemalige nationale Sicherheitsberater Israels, Ejal Hulata, sieht zudem die Gefahr einer nuklearen Aufrüstung des Irans im Windschatten des Gaza-Kriegs.

Irans Rolle im Konflikt

Die Hisbollah im Libanon ist der bedeutendste Verbündete Irans. Ein regionaler Krieg könnte Teheran zwingen, seine Unterstützung zu intensivieren. Der Einfluss Irans in Ländern wie dem Libanon oder Syrien sei "strategisch existenziell", so die Denkfabrik "European Council on Foreign Relations" (ECFR). Dennoch gilt ein direktes militärisches Eingreifen Irans als unwahrscheinlich.

Amos Jadlin, ehemaliger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, sagte, der Iran verfolge die langfristige Strategie, "die Existenz Israels als zionistischer Staat zu beenden". Er sieht den Gaza-Krieg als Teil einer größeren Konfrontation Israels mit der vom Iran angeführten "Widerstandsachse", zu der auch Milizen im Libanon, Syrien, Irak und Jemen gehören.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Sparpläne Krankenkassen: Warnungen vor zusätzlichen Belastungen der Beitragszahler
15.04.2026

Die Koalition will die steigenden Ausgaben der Krankenkassen unter Kontrolle bringen, um neue Beitragserhöhungen zu vermeiden - mit einer...

DWN
Politik
Politik Migration in Deutschland: Jeder Vierte hat eine Einwanderungsgeschichte
15.04.2026

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund um zwei Drittel in Deutschland gewachsen....

DWN
Politik
Politik Touristenattraktion: Berlin-Besucher werden künftig fürs Müllsammeln belohnt
15.04.2026

Mit "BerlinPay" will die Hauptstadt Touristen für nachhaltiges Verhalten belohnen. Noch werden Partner für die Aktion gesucht.

DWN
Politik
Politik Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
15.04.2026

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street im Aufwind durch nachlassende Iran-Spannungen und schwächere Inflationsdaten
14.04.2026

Überraschende Entwicklungen abseits des Handelsparketts sorgen für neuen Schwung an den Finanzmärkten. Erfahren Sie, welche Faktoren die...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer-Erhöhung finanziert Entlastungsprämie 2026: Doch nicht nur Raucher gehen bei der Ausgleichprämie leer aus
14.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Bau-Reform mit einem erweitertem Vorkaufsrecht der Kommunen für Grundstücke geplant
14.04.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Baurechts, das den Kommunen deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten als bisher auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Anthropic-Manager Guillaume Princen über den Wettbewerb mit OpenAI und den Konflikt mit Trump
14.04.2026

Der Wettbewerb im KI-Markt spitzt sich zu: Anthropic, das Unternehmen hinter dem populären KI-Assistenten Claude, fordert den...