Politik

Großbritannien-Wahl: Labour siegt - neuer Premierminister Starmer vor Herausforderungen

Großbritannien erlebt einen bedeutenden Regierungswechsel. Die Oppositionspartei Labour unter der Führung von Keir Starmer hat die Parlamentswahl klar gewonnen. Der bisherige Premierminister Rishi Sunak räumt seine Niederlage ein, während Oppositionschef Starmer mit seiner Labour-Partei einen beeindruckenden Sieg feiert. Doch das Bild ist vielschichtiger.
05.07.2024 10:31
Aktualisiert: 05.07.2024 10:31
Lesezeit: 3 min

Großbritannien vor politischem Wandel

Der 61-Jährige Keir Starmer wird neuer Premierminister und soll heute von König Charles III. mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Landesweit eroberten seine Sozialdemokraten zahlreiche Wahlkreise von den Konservativen, die bisher unter Premierminister Rishi Sunak regierten.

Für die Tories bedeutet dies eine schwere Niederlage. Sie erreichten ein historisch schlechtes Ergebnis. Der 44-jährige Sunak zeigt sich sichtlich niedergeschlagen: "Die Labour-Partei hat diese Parlamentswahl gewonnen, und ich habe Sir Keir Starmer angerufen, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren." Sunak deutete seinen Rückzug von der Parteispitze an.

Labour erreicht nach Auszählung fast aller Wahlkreise mindestens 410 von 650 Sitzen im Unterhaus (House of Commons). Bei der Wahl 2019 hatte die Partei nur 202 Mandate erzielt. Die Konservativen fallen von bisher 365 auf etwa 120 Sitze zurück. Dabei wurden so viele Kabinettsmitglieder abgewählt wie nie zuvor, einschließlich der früheren Regierungschefin Liz Truss.

Zudem gewannen rechtspopulistische Kräfte an Stimmen. Nigel Farage, Vorsitzender der Partei Reform UK und treibende Kraft hinter dem Brexit, schaffte es im achten Anlauf erstmals ins Unterhaus. Seine Partei wird die Tories weiter unter Druck setzen.

Starmer verspricht Veränderungen

Nach 14 Jahren konservativer Herrschaft steht Großbritannien nun vor einem Wandel. Starmer wird der erste Labour-Premierminister seit Gordon Brown und Tony Blair. "Die Menschen haben gesprochen, sie sind bereit für Veränderungen. Sie haben abgestimmt und es ist an der Zeit, dass wir liefern", erklärte Starmer. Der neue Premierminister betont seine bodenständige Herkunft und war früher Chef der Anklagebehörde Crown Prosecution Service. Er hat zwei Kinder im Teenageralter.

Starmer gewann seinen Wahlkreis Holborn and St Pancras deutlich, verlor jedoch im Vergleich zu 2019 etwa 17 Prozentpunkte. Grund dafür war die hohe Zustimmung für einen unabhängigen Kandidaten, der sich gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen aussprach. Labour-Spitzenpolitiker Jonathan Ashworth verlor sogar überraschend seinen Wahlkreis an einen propalästinensischen Bewerber.

Großbritannien-Wahl: Meinungsforscher über den Wahlausgang

Meinungsforscher hatten den deutlichen Sieg der Sozialdemokraten vorausgesehen. John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow erklärt, dass der Wahlausgang weniger auf Begeisterung für Labour als auf den Verdruss über die bisherige Regierungspartei zurückzuführen sei.

Sunak war bereits der dritte Regierungschef seiner Partei in der letzten Legislaturperiode, die von wirtschaftlicher Stagnation und stark steigenden Lebenshaltungskosten geprägt war. Er übernahm im Oktober 2022 von Truss, die nach nur 49 Tagen im Amt zurückgetreten war. Der Wahlkampf der Tories war geprägt von Pannen und einem Skandal um illegale Wetten auf den Wahltermin.

Für die Konservativen ist das Wahlergebnis katastrophal. Die britische Presse spricht von "Erdrutsch" und "Massaker". Mehrere Kabinettsmitglieder verloren ihre Sitze, darunter Verteidigungsminister Grant Shapps, Bildungsministerin Gillian Keegan und Penny Mordaunt, die bisher als Favoritin auf Sunaks Nachfolge galt.

"Für mich ist klar, dass Labour die Wahl nicht gewonnen hat, sondern dass die Tories sie verloren haben", sagte Shapps. "Wir haben eine grundlegende Regel der Politik vergessen. Die Leute wählen keine gespaltenen Parteien."

Rechtspopulist Farage im Aufwind

Nicht nur Labour profitiert vom Niedergang der Konservativen. Auch die Liberaldemokraten gewinnen auf Kosten der Tories. Die schottische Unabhängigkeitspartei SNP hingegen erleidet eine verheerende Niederlage.

Die Rechtspopulisten um Farage fühlen sich trotz weniger Mandate als Sieger. Im britischen Mehrheitswahlrecht zählt nur die höchste Stimmenzahl im Wahlkreis, alle anderen Stimmen haben keine Wirkung. Farage verkündete auf der Plattform X: "Vergangene Nacht markiert das Ende der Konservativen Partei, wie wir sie kennen."

Starmer und die politische Mitte

Keir Starmer führte Labour zurück in die politische Mitte, nachdem die Partei unter Jeremy Corbyn weit nach links gerückt war. Zudem ging er entschieden gegen antisemitische Tendenzen in den eigenen Reihen vor.

Was politische Inhalte betrifft, blieb Starmer in vielen Bereichen vage. Manche Kommentatoren vergleichen seine behutsame Art mit dem Tragen einer Porzellanvase aus der chinesischen Ming-Dynastie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street im Höhenflug nach US-Iran-Abkommen
15.06.2026

Ein diplomatischer Durchbruch sorgt für unerwartete Dynamik an den Finanzmärkten – was Anleger zu den aktuellen Marktentwicklungen...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026: Milliarden fließen in wenige Taschen
15.06.2026

Die in Nordamerika beginnende Fußball-WM 2026 ist größer als je zuvor. Von den astronomischen Einnahmen dieses Sportfestes profitieren...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Leitzins angehoben: Wer sind die Verlierer und Gewinner?
15.06.2026

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins für die Eurozone am vergangenen Donnerstag angehoben. Für Sparer, Kreditnehmer, Staaten und...

DWN
Politik
Politik Europäische Schlüsselstaaten wollen Kaja Kallas’ Macht beschneiden
15.06.2026

Mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Union, allen voran Deutschland und Frankreich, suchen nach Möglichkeiten, die Macht der Hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Investoren verlieren Geduld: Merz-Beauftragter Blessing warnt vor Ernüchterung
15.06.2026

Deutschland gilt international weiterhin als verlässlicher und stabiler Standort. Dennoch wächst bei manchen Investoren die Skepsis...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft USA-Iran-Abkommen: Kommt jetzt die Entlastung bei den Spritpreisen?
15.06.2026

Die Einigung zwischen den USA und dem Iran sorgt weltweit für Aufmerksamkeit – auch an den Energiemärkten. Experten sehen Chancen auf...

DWN
Politik
Politik Ukraine entwickelt kostengünstige Alternative zu US-amerikanischen Patriot-Raketen
15.06.2026

Die Ukraine hat eine neue Luftabwehrrakete getestet, die eine kostengünstigere und für die Serienfertigung geeignete Alternative zum...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
15.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...