Unternehmen

Warnung vor „Herbst der Bürokratie“: Bonner Wirtschafts-Akademie schlägt Alarm

Neue Vorschriften für Cybersicherheit, Nachhaltigkeit und Künstliche Intelligenz belasten die deutsche Wirtschaft. Die Bonner Wirtschafts-Akademie warnt vor einer neuen Welle bürokratischer Herausforderungen. Wie ist die Lage?
09.07.2024 15:55
Aktualisiert: 09.07.2024 16:30
Lesezeit: 2 min

Die Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA) warnt vor einer neuen Welle bürokratischer Herausforderungen. Eine neue Studie zeigt: Über 90 Prozent der Firmen werden mit den ESG-Pflichten überfordert sein. Diese beziehen sich auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG).

Neue Vorschriften für Cybersicherheit, Nachhaltigkeit und Künstliche Intelligenz belasten die deutsche Wirtschaft. Die Bonner Wirtschafts-Akademie warnt vor einer dreifachen Bürokratie-Welle, die viele Unternehmen überfordert.

Bürokratie-Hydra bedroht deutsche Wirtschaft

Die Bonner Wirtschafts-Akademie warnt, dass im Herbst eine dreifache Welle neuer bürokratischer Herausforderungen auf die Wirtschaft zukommt. Die BWA nennt die Themen Cyberresilienz, ESG und Künstliche Intelligenz als die drei Köpfe der „Monsterbürokratie“. „Über 90 Prozent der Firmen werden allein mit den ESG-Pflichten überfordert sein. Von Cybersicherheit und KI gar nicht zu reden“, sagte Harald Müller, Geschäftsführer der BWA.

Neue Cybersecurity-Richtlinie

Die NIS2-Richtlinie (Network and Information Security) für Cybersicherheit, die im Oktober 2024 in Kraft tritt, betrifft laut BWA faktisch einen Großteil der mittelständischen Wirtschaft. Müller erklärt: „NIS2 gilt nicht nur für Krankenhäuser, sondern auch für zahlreiche Zulieferer.“ Unternehmen, die die Basiskriterien von mindestens 50 Mitarbeitern und zehn Millionen Euro Jahresumsatz erfüllen, müssen sich auf NIS2 einstellen. „Angesichts von mehr als 2.000 Angriffen täglich aus dem Internet ist die Erhöhung der Cybersicherheit zweifellos ein wichtiges Thema“, räumt Müller ein. „Aber der Anforderungskatalog des Gesetzgebers ist derart umfangreich, dass er für viele Mittelständler kaum erfüllbar ist.“

Nachhaltigkeitsberichtspflicht ab 2025

Im ESG-Bereich drängt die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) zur schnellen Umsetzung. Ab 2025 gilt sie für alle großen Unternehmen und ab 2026 auch für kleine und mittlere Unternehmen. „Wer ab 2026 berichtspflichtig ist, muss rückwirkend für das Jahr 2025 berichten. Das dazu notwendige Berichtswesen muss also noch in diesem Jahr eingerichtet werden“, warnt Müller.

Im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) sieht die BWA zwei große Gefahren: den AI Act (Gesetz zur Künstlichen Intelligenz) der EU und die sogenannte Schatten-KI, also den Einsatz von KI-Programmen ohne Zustimmung des Unternehmens. „Das gilt nicht nur für die Hersteller von KI-Systemen, sondern für jede Firma, die KI im eigenen Betrieb verwendet“, erklärt Müller.

Bürokratiemonster schwer zu bezwingen

Harald Müller, Geschäftsführer der BWA, hält die Erfüllung aller neuen Vorschriften für unmöglich. „Vorstand und Geschäftsführung sind gut beraten, auf allen Gebieten die Initiative zu ergreifen und zumindest den Anschein zu erwecken, sich ernsthaft um die Themen zu kümmern. Das senkt auf jeden Fall das persönliche Haftungsrisiko, wenn etwas schiefgeht“, rät Müller.

Die BWA Akademie ist seit über 25 Jahren ein Spezialist für Personalentwicklung, Outplacement, Personalberatung und Training. Sie hat nach eigenen Angaben mehr als zehntausend Arbeitnehmern zu einer neuen beruflichen Zukunft verholfen.

 

avtor1
Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

DWN
Politik
Politik Grönland als Machtfaktor: Was Washington wirklich plant
07.01.2026

Donald Trump spricht offen über Grönland und meint nationale Sicherheit. Hinter den markigen Worten verbirgt sich eine geopolitische...

DWN
Politik
Politik Trump Eskalation: Warum Europas Vertrauen in die USA zerbricht
07.01.2026

Donald Trump handelt, als wäre Weltpolitik ein persönliches Machtspiel. Seine Entscheidungen erschüttern Allianzen, zerstören Vertrauen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitslosigkeit: Mehr Arbeitslose im Dezember - Talsohle erreicht?
07.01.2026

Mehr als 2,9 Millionen Menschen ohne Job – so viele waren es schon seit langem nicht mehr in einem Dezember. Gibt es Hoffnung auf einen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Venezuelas Öl: Wie die USA den nächsten Zugriff vorbereiten
07.01.2026

Ein Wochenende reicht, um die Fantasie der Märkte zu befeuern. Während US-Ölkonzerne an der Börse steigen, rücken Venezuelas...

DWN
Politik
Politik Reduzierung Körperschaftsteuer: Union will Senkung vorziehen
07.01.2026

Wie kann die Krise der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr beendet werden? Das ist ein Hauptthema der Partei- und Fraktionsklausuren zum...

DWN
Finanzen
Finanzen Sicher Gold kaufen: So schützen Sie Ihr Vermögen vor Inflation und geopolitischen Krisen
07.01.2026

Weltweit diskutiert die Finanzwelt wieder intensiv über Gold und unterschiedliche Wege, davon zu profitieren, von Direktkäufen bis zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft OECD-Mindeststeuer: Europas Unternehmen zahlen, US-Giganten nicht
07.01.2026

Ein jahrelanges Reformprojekt sollte Steuertricks globaler Konzerne beenden. Nun sorgt ein politischer Deal dafür, dass ausgerechnet die...

DWN
Politik
Politik Blackout in Berlin: Wenn die Infrastruktur versagt
07.01.2026

Der dramatische Stromausfall in Berlin hält bereits den fünften Tag an und ist eine Warnung für das ganze Land. Auch in einer hoch...