Wirtschaft

Krisenbedingte Weizenknappheit: Die Auswirkungen auf Ägypten und die Welt

Die Weizenernte in Europa, Russland und den USA ist in vollem Gange. Doch Überschwemmungen und Dürren sowie der anhaltende Ukraine-Krieg dürften die Preise für Weizen und Gerste weiter in die Höhe treiben. In Importländern wie Ägypten bekommen die Verbraucher die Folgen bereits zu spüren. Dort ist subventioniertes Brot um 300 Prozent teurer geworden.
16.07.2024 15:43
Lesezeit: 4 min
Krisenbedingte Weizenknappheit: Die Auswirkungen auf Ägypten und die Welt
Der anhaltende Krieg in der Ukraine und klimatische Extremereignisse üben auch erheblichen Druck auf die ohnehin schon schwankungsanfälligen Getreidemärkte aus (Foto: dpa). Foto: Sven Hoppe

In vielen Regionen der Welt läuft die Getreideernte auf Hochtouren. Doch extreme Witterungsbedingungen und anhaltende geopolitische Spannungen, insbesondere der Krieg in der Ukraine, setzen die führenden Produzenten weiterhin unter Druck. Die Folge: Erhebliche Schwankungen bei den Ernteprognosen und damit auch bei den Getreidepreisen.

Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) liegt der aktuelle Preis für Weizen an den Terminbörsen in Chicago bei rund 573,50 US-Dollar pro Tonne, was einem Anstieg von rund 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Ähnlich hoch ist die Teuerung in Europa, wo der Preis für eine Tonne Weizen an der Börse Euronext in Paris derzeit bei rund 575 Dollar pro Tonne liegt und damit 6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Nicht ganz so hoch sind die Preissteigerungen bei Gerste. Mit rund 305 Dollar pro Tonne liegt sie aktuell um 3 Prozent über dem Vorjahrespreis.

Wetterextreme lassen Ernteprognosen schrumpfen

In Russland haben seit dem Frühjahr anhaltende Trockenperioden und Temperaturen über 30 Grad dem Winterweizen stark zugesetzt, während in Sibirien übermäßige Regenfälle dem Sommerweizen geschadet haben. Diese ungünstigen Witterungsbedingungen führten zu einer Senkung der Ernteprognose um 14 Millionen Tonnen auf 80,7 Millionen Tonnen laut dem russischen Analystenhaus SovEcon.

Auch die Europäische Union (EU) ist von extremen Wetterbedingungen betroffen. So verzeichnet Deutschland aufgrund schwerer Regenfälle und Überschwemmungen im Süden sowie Trockenheit im Norden und Osten eine der niedrigsten Weizenernten seit dem Dürrejahr 2018. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) prognostiziert daher für das laufende Jahr eine Weizenernte von 20,14 Millionen Tonnen, was einem Rückgang von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Auch in Frankreich sieht es nicht besser aus. Dort rechnet das zuständige Landwirtschaftsministerium mit einer Weizenernte von 29,65 Millionen Tonnen – dem niedrigsten Wert seit 2020. Zum Vergleich: Damals erntete Frankreich noch 35,1 Millionen Tonnen.

Geopolitik und Wetter: Doppelter Druck auf die Getreidemärkte

Darüber hinaus übt der anhaltende Krieg in der Ukraine erheblichen Druck auf die Weltgetreidemärkte aus, was in den letzten Wochen zu starken Preisschwankungen bei Weizen und Gerste geführt hat. Angespannte Lieferketten und Export-Herausforderungen, wie die Unsicherheiten beim Export aus den ukrainischen Überseehäfen über das Schwarze Meer und die Importverbote für ukrainisches Getreide in Ländern wie Polen und Ungarn, verstärken diesen Druck zusätzlich.

Obwohl die EU die Handelsbeschränkungen für ukrainische Agrarprodukte nach der russischen Invasion aufgehoben hat, gibt es weiterhin Konflikte mit Mitgliedsländern wie Polen und Ungarn, die einseitige Importverbote verhängt haben. Brüssel kritisiert diese Maßnahmen als Verstoß gegen geltende EU-Handelsregeln. Vor diesem Hintergrund bemüht sich Brüssel derzeit darum, den Handel mit der Ukraine wieder in Gang zu bringen.

Russland wiederum hat - trotz eigener Ernteprobleme - seine Exportpreise gesenkt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Maßnahmen erhöhen den Druck auf die Weltmarktpreise für Getreide. Vor diesem Hintergrund erwarten die Analysten von SovEcon für das laufende Jahr trotz schwieriger Bedingungen eine Weizenernte von rund 80,7 Millionen Tonnen, was einem Rückgang von rund 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

US-Getreideüberschuss und globaler Wettbewerb

Die laufende Weizenernte in den USA und die zügige Aussaat von Mais und Sojabohnen haben nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums zu einem Überangebot geführt, das die Weltmarktpreise ebenfalls unter Druck setzen dürfte. Für das Jahr 2024 schätzen die USDA-Experten die Erträge aus der Weizenernte in den USA auf rund 51,02 Millionen Tonnen, was einem Anstieg von etwa 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Die verstärkte Aussaat von Mais und Sojabohnen in den USA zeigt, dass es voraussichtlich zu einem Überangebot kommen wird. Ausgelöst wurde dies durch eine deutliche Erhöhung der geplanten Maisanbauflächen für 2023 und eine gleichzeitige deutliche Reduzierung der Sojaanbauflächen durch die US-Landwirte. Diese Trends haben zu starken Preisschwankungen bei Getreide und Ölsaaten in den USA geführt, wobei die Maispreise um bis zu 7 Prozent gefallen und die Sojapreise um 5 Prozent gestiegen sind.

Weizen & Gerste: Erntezeiten und -mengen weltweit

Im Juni und Juli findet in den wichtigsten Anbaugebieten der Welt die Ernte von Weizen und Gerste statt. Auch im August wird in vielen Regionen weiter geerntet. Ein Überblick:

  • Frankreich: Unsere französischen Nachbarn bauen vor allem Weichweizen, Winter- und Sommergerste an. Die Weichweizenernte wird 2024 voraussichtlich 29,65 Millionen Tonnen betragen, was einem Rückgang von rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die gesamte Gerstenproduktion wird für 2024 auf 11,29 Millionen Tonnen geschätzt, was einem Rückgang von etwa 1 Prozent gegenüber 2023 entspricht.
  • Deutschland: Auch die deutsche Landwirtschaft konzentriert sich auf Weichweizen, Winter- und Sommergerste. Die Weichweizenernte wird auf 20,14 Millionen Tonnen geschätzt, das sind 6,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Wintergerstenernte wird auf 9,23 Millionen Tonnen geschätzt, ein Minus von 4 Prozent, während die Sommergerstenernte auf 1,77 Millionen Tonnen geschätzt wird, ein Minus von 11,6 Prozent gegenüber 2023.
  • Ukraine: Bis zum Einmarsch Russlands war die Ukraine ein wichtiger Akteur auf den Weltgetreidemärkten und lieferte rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Weizens und 16 Prozent der weltweit gehandelten Gerste. In diesem Jahr wird das Land etwa 10 Millionen Tonnen Weizen und 4 Millionen Tonnen Gerste exportieren. Im Vergleich zu den Vorkriegszeiten sind das etwa 50 Prozent weniger Weizen und 75 Prozent weniger Gerste.
  • USA: Die Getreideernte in den USA setzt sich hauptsächlich aus Winterweizen und Sommerweizen zusammen. Die gesamte Weizenernte wird für 2024 auf etwa 51,02 Millionen Tonnen geschätzt, was einem Anstieg von etwa 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Gerstenproduktion wird auf 4,03 Millionen Tonnen geschätzt, gegenüber 3,79 Millionen Tonnen im Jahr 2023.
  • Russland: Der Schwerpunkt des russischen Getreideanbaus liegt auf Winter- und Sommerweizen mit einer prognostizierten Erntemenge von rund 80,7 Millionen Tonnen im laufenden Jahr. Dies entspricht einem Rückgang von rund 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

(Quellen Stand Juli 2024: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), United States Department of Agriculture (USDA), Deutscher Raiffeisenverband (DRV), Copa-Cogeca, World Grain)

Kalter Krieg um Getreide: Der Westen gegen Russland

Russland und die Ukraine sind durch Krieg und Sanktionen weitgehend vom westlichen Markt ausgeschlossen. Russland hat seine Exportpreise gesenkt, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, während der Westen mit Produktionsüberschüssen in den USA und schwierigen Wetterbedingungen in der EU kämpft.

Im Vergleich zu Russland, das eine Weizenernte von rund 80,7 Millionen Tonnen erwartet, liegt die EU mit geschätzten 117,5 Millionen Tonnen deutlich vorn, auch wenn dies gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 4,7 Prozent bedeutet, wie der europäische Genossenschaftsverband Copa-Cogeca berichtet. Die USA tragen mit rund 51,02 Millionen Tonnen dazu bei und prägen den Weltgetreidemarkt trotz Überangebot und Preisdruck.

Brot 300 Prozent teurer: Drastische Folgen für Ägypten als größter Weizenimporteur

Für die Verbraucher in Europa, vor allem aber in Afrika und Asien dürfte diese Entwicklung weiter steigende Preise für Brot und andere Getreideprodukte bedeuten, da die höheren Rohstoffkosten auf die Endprodukte umgelegt werden.

Besonders betroffen ist Ägypten, einer der weltweit größten Weizenimporteure, der im Jahr 2023 rund 11 Millionen Tonnen Weizen eingeführt hat. So hat das ägyptische Versorgungsministerium im Mai 2024 den Preis für subventioniertes Brot um 300 Prozent erhöht, da die wirtschaftlichen Belastungen und die Kosten für die Subventionen erheblich gestiegen sind – rund 65 Millionen Menschen sind davon betroffen.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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