Finanzen

Wirecard-Prozess: Richter zweifelt an Aussagen des dritten Angeklagten

Im Wirecard-Prozess tritt ein Rätsel zutage: Der Konzern veröffentlichte Quartalsberichte, bevor die drei bedeutendsten Partnerfirmen ihre Geschäftszahlen vorlegten. Wie war das möglich?
23.07.2024 07:12
Lesezeit: 2 min
Wirecard-Prozess: Richter zweifelt an Aussagen des dritten Angeklagten
Der Mitangeklagte und Kronzeuge im Wirecard-Prozess, Oliver Bellenhaus, kommt in den Gerichtssaal. (Foto: dpa) Foto: Sven Hoppe

Im Wirecard-Prozess ist der frühere Chefbuchhalter des Konzerns in Erklärungsnot geraten. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch konfrontierte den Angeklagten E. am Montag mit massiven Ungereimtheiten bei der Aufstellung der Wirecard-Geschäftszahlen: Demnach veröffentlichte der Konzern in den Jahren vor der Milliardenpleite 2020 sehr häufig vorläufige Ergebnisse, bevor die drei wichtigsten Partnerfirmen ihre jeweiligen Geschäftszahlen überhaupt vollständig abgeliefert hatten. „Das ist der zentrale Punkt“, sagte Födisch am Montag zu dem 49-Jährigen, der ehedem für die Zusammenstellung der Bilanzzahlen maßgeblich verantwortlich war.

Födisch legte E. im Gerichtssaal eine umfangreiche Auswertung der Staatsanwaltschaft vor. Ein Beispiel: Wirecard veröffentlichte am 26. Oktober 2016 den vorläufigen Geschäftsbericht für das dritte Quartal jenes Jahres. Doch die drei Partnerfirmen Senjo, Al Alam und Payeasy übermittelten ihre jeweiligen Geschäftszahlen per Mail erst im November. Diese Verspätung war demnach kein Einzel-, sondern quasi Normalfall, wie der Tabelle der Ermittler zu entnehmen.

Richter nimmt Ungereimtheiten in den Blick

Die drei Unternehmen wickelten im Wirecard-Auftrag Kreditkartenzahlungen im Mittleren Osten und Südostasien ab. Laut Anklage existierte dieses sogenannte TPA-Geschäft gar nicht, die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Umsätze und Gewinne erfunden waren. „Ohne TPA-Zahlen war es nicht möglich, die vorläufigen Berichte zu machen“, sagte der Vorsitzende Richter zum Angeklagten. „Es passt nicht zu dem, was Sie uns sagen.“

Einige Daten nicht mehr nachprüfbar

Der frühere Chefbuchhalter hatte vergangene Woche sein über eineinhalbjähriges Schweigen in dem Prozess gebrochen und umfangreich zur Anklage Stellung genommen, nicht jedoch das von der Kammer angemahnte umfassende Geständnis abgeliefert. Sein Verteidiger betonte, dass die drei Partnerfirmen sehr wohl Zahlen geliefert hätten. Doch seien diese teilweise über Screenshots gekommen, die der Mitangeklagte und als Kronzeuge auftretende Manager Oliver Bellenhaus aus Dubai per Mobiltelefon über den Chatdienst Telegram geschickt habe - Daten, die heute verloren und damit nicht mehr nachprüfbar sind. „Für die endgültigen Zahlen lagen alle Abrechnungen immer vor“, betonte der Anwalt.

Bellenhaus hat die Anklagevorwürfe weitestgehend eingeräumt, der frühere Vorstandschef Markus Braun hingegen mehrfach vollständig zurückgewiesen. Der frühere Chefbuchhalter hat wie auch Braun seinerseits Bellenhaus der Falschaussage beschuldigt. Der im Dezember 2022 eröffnete Münchner Mammutprozess geht nun für knapp vier Wochen in die Sommerpause.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Bayer-Aktie größter DAX-Gewinner: Milliarden-Vergleich könnte Rechtsrisiken entschärfen
17.02.2026

Ein möglicher Milliarden-Vergleich könnte jahrelange Rechtsrisiken bei Bayer entschärfen und dem Bayer-Aktienkurs weiteren Auftrieb...

DWN
Politik
Politik Sabotage in der Ostsee: NATO setzt verstärkt auf Unterwasserdrohnen
17.02.2026

Beschädigte Seekabel in der Ostsee rücken autonome Unterwasserdrohnen verstärkt in den sicherheitspolitischen Fokus der NATO-Staaten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrie unter Druck: Warum der Stellenabbau trotz Krise erst am Anfang steht
17.02.2026

Der Stellenabbau in der deutschen Industrie nimmt dramatische Ausmaße an. Hunderttausende Jobs stehen auf dem Spiel, besonders in...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Kursrückgänge bei Tech-Aktien nutzen – rutscht der Bitcoin-Kurs unter 60.000 US-Dollar?
17.02.2026

Technologieaktien stehen unter Druck, mutige Investoren könnten diese Kursrückgänge ausnutzen – und jetzt Tech-Aktien kaufen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft ZEW-Konjunkturerwartungen fallen im Februar unerwartet: Trendwende rückt in weite Ferne
17.02.2026

Die aktuellen ZEW-Konjunkturerwartungen sorgen für Stirnrunzeln an den Märkten. Trotz zuletzt wachsender Hoffnungen auf eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrige Gasspeicher-Füllstände: Grüne kritisieren Ministerin Reiche – kommt die strategische Gasreserve?
17.02.2026

Deutschlands Gasspeicher-Füllstände sind ungewöhnlich niedrig, während der Winter andauert und politische Debatten an Schärfe...

DWN
Finanzen
Finanzen Südzucker-Aktie rutscht ab: Keine Südzucker-Dividende nach Abschreibungen – und weitere Probleme
17.02.2026

Wegen schwacher Märkte und einer überraschenden Entscheidung des Vorstands fällt die Südzucker-Dividende aus. Den Anlegern gefällt...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter 5.000 Dollar: Die Hintergründe – was der Rücksetzer für Anleger bedeutet
17.02.2026

Der Goldpreis rutscht erneut unter die Marke von 5.000 Dollar, auch der Silberpreis schwächelt. Doch hinter den Bewegungen am...