Wirtschaft

Nachhaltigkeitswende im Mittelstand

Es wird teuer für den deutschen Mittelstand. Die Dringlichkeit, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, ist nicht mehr nur eine Option, sondern eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit. Die Nachhaltigkeitswende erfordert Engagement und Innovation, aber auch erhebliche finanzielle Investitionen von den Unternehmen.
01.09.2024 08:58
Lesezeit: 4 min
Nachhaltigkeitswende im Mittelstand
Die Transformation zur Klimaneutralität erfordert erhebliche Investitionen im deutschen Mittelstand (Foto: dpa). Foto: Hauke-Christian Dittrich

Nachhaltigkeitswende im deutschen Mittelstand: Immenser Investitionsbedarf für eine grüne Zukunft

Von der Umstellung auf erneuerbare Energien bis hin zur Implementierung ressourceneffizienter Produktionsprozesse, der Mittelstand kommt nicht mehr drumherum in Nachhaltigkeit zu investieren. Immer vor Augen das übergeordnete Ziel, Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Es bedarf dafür mehr Anstrengung als die, die bisher unternommen wird, sind sich die Experten einig. Studien, wie die von McKinsey & Company (Net-Zero Deutschland) gehen von einem zusätzlichen Investitionsbedarf von insgesamt 5 bis 6 Billionen Euro aus. Aktuell ist Deutschland laut dem KfW-Klimabarometer-Report 2023 jährlich mit circa 72 Milliarden Euro für Investitionen in den Klimaschutz dabei. 2022 wurde so rund jeder siebte investierte Euro für Klimaschutzinvestitionen aufgewendet. Zu wenig meinen die Forscher. Um das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland zu erreichen, müssten mehr als das doppelte, nämlich 190 Milliarden Euro jährlich bis 2045 investiert werden, das sind rund 5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein Grund für die hohen Anforderungen ist dem Treibhausgasminderungsziel für 2030, das nur bei einer Verdreifachung der bisherigen Einsparungen erreicht werden kann, geschuldet.

Dafür wurden die im Bundes-Klimaschutzgesetz fixierten nationalen Zielvorgaben neu angepasst. Demnach sollen die deutschen Treibhausgas (THG)-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Das ist fünf Jahre früher als es die Europäische Union anstrebt. Schon jetzt steht fest, dass die weltweite Dekarbonisierung viel zu langsam verläuft, um die Pariser Klimaschutzziele aus dem Jahr 2015 erreichen zu können. Die Weltwetterorganisation (WMO) rechnet mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit damit, dass die Marke von 1,5°C Temperaturanstieg bis 2027 zumindest einmal überschritten wird.

Mehr Anstrengung zur Erreichung der Klimaziele sind notwendig

Es ist keine Zeit zu verlieren. Deutschland belegt im Klimaschutz-Ranking aktuell den 14. Platz. Diese Positionierung ist das Ergebnis eines mittleren Rankings in allen vier Kategorien des Climate Change Performance Index (CCPI): Erneuerbare Energien, Treibhausgasemissionen, Klimapolitik und Energieverbrauch. Der Klimaschutzbericht hebt hervor, dass insbesondere die Sektoren Gebäude und Verkehr nicht genügend Fortschritte machen. Trotz neuer politischer Maßnahmen der Regierung bleibt das Land auf einem Kurs, der die globalen Erderwärmungsziele von 1,5°C nicht erreichen wird. Daher sind die Bemühungen da, ​die Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahren drastisch zu reduzieren und nicht vermeidbare Emissionen durch natürliche Senken (z.B. Aufforstung) oder Negativemissionstechnologien (z.B. CO2-Abscheidung und unterirdische Speicherung) zu kompensieren. Ziel ist es bis 2045 die gesamte Wirtschaft weitgehend ohne fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas auskommen zu lassen. Dafür wurde der Ausstieg aus der Kohlestromversorgung vorgezogen (auf 2030 statt 2038). Gleichzeitig baut Deutschland die Terminals für Flüssiggas (LNG) weiter aus. Sie stehen in der Kritik bei Umweltschützern, da es vor allem aus Methan besteht, welches ein vielfaches klimaschädlicher ist als CO2. Auf der einen Seite die Bemühungen der Unternehmen und die strengeren Anforderungen an diese, auf der anderen Seite die Regierung, die selbst nicht ganz konform sich an die Vorgaben des Klimaschutzabkommens hält.

Doch um den ambitionierten Klimazielen näher zu kommen, sind alle im Land gefragt. Die Transformation lässt hierbei kein Sektor und keine Branche aus. Auch die strategische Verankerung des Themas in den Unternehmen geht langsamer voran, als Zeit da wäre. Am ehesten reagieren Unternehmen, die eine energieintensive Produktion betreiben, wie etwa das Papiergewerbe oder die Metallverarbeitung. Denn ihre Energiekosten sind ein hoher Faktor und die Abkehr von den fossilen Energieträgern hin zu erneuerbarer Energie ist nicht nur ihr Weg zum Klimaschutz, sondern konkret, um Kosten einzusparen. Bedenken gibt es dennoch. Viele Unternehmen, vor allem kleinere sehen eine Bedrohung für ihr Geschäft, da es oftmals nur mit einer grundlegenden Umstellung der Produktionsprozesse und erheblichen Investitionen bewerkstelligt werden kann. So investierten Unternehmen aktuell am häufigsten noch in klimafreundliche Mobilität, gefolgt von Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien und energieeffiziente Bestandsgebäude.

Während Großunternehmen die Finanzierung zu 91 Prozent aus Eigenmitteln finanzieren, schaffen das nur 42 Prozent der Kleinstunternehmen. Mittelständische Unternehmen binden häufiger Bankkredite und Fördermittel zur Finanzierung ihrer Projekte ein. 2023 hat die Kreditfinanzierung im Mittelstand gegenüber dem Vorjahresvergleich an Bedeutung gewonnen. Allerdings ist die Investitionsbeteiligung kleinerer Unternehmen insgesamt ein wenig gesunken, wenn man die Zahlen der vorletzten beiden Jahre vergleicht (23 Prozent im Jahr 2021 auf 13 Prozent im Jahr 2022).

Zu schaffen macht den Unternehmen vor allem das hohe Zinsniveau, welches den Zugang zur Kreditfinanzierung erschwert. Deshalb spielen Fördermittel eine bedeutende Rolle innerhalb der Finanzierungsformen, vor allem bei den mittelständischen Unternehmen. Hiervon gibt es einige auf nationaler und EU-Ebene. Die Programme bieten nicht rückzahlbare Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen an.

Günstige Fördermöglichkeiten für die grüne Transformation

So gibt es zum Beispiel die „Bundesförderung für Energieberatung für Nichtwohngebäude, Anlagen und Systeme“, welche die bisherigen Richtlinien „Energieberatung im Mittelstand“ ersetzt. Gefördert werden unter anderem Energieberatungen zur Erstellung von energetischen Neubau- und Sanierungskonzepten oder Energieaudits auch von freiberuflich Tätigen und gemeinnützigen Organisationen. Der Förderwegweiser des Bundesinstituts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) informiert hierzu auf seiner Internetseite über die Fördermöglichkeiten der Bundesregierung.

Das Modul "Natürliche Klimaschutzmaßnahmen" des KfW-Umweltprogramms unterstützt speziell Projekte zur Renaturierung und Begrünung von Betriebsgeländen, zur Entsiegelung von Flächen sowie zur Schaffung von ökologisch wertvollen Grünflächen und Kleingewässern. Die Förderung erfolgt durch zinsgünstige Kredite, die mit einem Tilgungszuschuss von 40 bis 60 Prozent kombiniert werden können. Die KfW bieten noch weitere interessante Module für Unternehmen an. Das ERP-Umwelt- und Energieeffizienzprogramm fördert Investitionen von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in den Umweltschutz und die Energieeffizienz. Es bietet zinsgünstige Darlehen für Maßnahmen, die den Energieverbrauch senken, die Nutzung erneuerbarer Energien steigern oder den Schadstoffausstoß reduzieren. Das KfW-Programm Erneuerbare Energien "Standard" richtet sich an Unternehmen, die in erneuerbare Energien investieren möchten, wie beispielsweise Photovoltaikanlagen, Biomasseanlagen, Windkraftanlagen oder Geothermie. Die Kredite sind zinsgünstig und bieten oft lange Laufzeiten, um die Finanzierung der Projekte zu erleichtern.

Weniger Kapital binden durch Leasing und Contracting

Leasing und Contracting bieten Unternehmen die Möglichkeit, nachhaltige Technologien zu nutzen, ohne hohe Anfangsinvestitionen tätigen zu müssen. Durch diese Finanzierungsmodelle können Firmen beispielsweise in energieeffiziente Maschinen oder Photovoltaikanlagen investieren. Dies ermöglicht es, die Nutzung moderner Technologien sofort zu realisieren und die Kosten über die Vertragslaufzeit zu verteilen.

Siemens Financial Services zum Beispiel bietet hierfür flexible Leasing- und Contracting-Lösungen für nachhaltige Technologien an. Ein Unternehmen könnte beispielsweise ein Blockheizkraftwerk (BHKW) über ein Contracting-Modell finanzieren, wodurch die Investitionskosten auf monatliche Zahlungen verteilt werden. Ein weiteres Beispiel ist die Deutsche Leasing AG, die maßgeschneiderte Finanzierungslösungen für erneuerbare Energien und Energieeffizienzprojekte bereitstellt. Das Einsparungspotenzial solcher Modelle ist erheblich. Durch die Umstellung auf energieeffiziente Technologien können Unternehmen ihre Energiekosten langfristig senken und gleichzeitig von staatlichen Förderungen und steuerlichen Vorteilen profitieren.

Seit November 2023 verlangt das Gesetz, dass alle Unternehmen ab einem durchschnittlichen Jahresgesamtenergieverbrauch in den letzten drei abgeschlossenen Kalenderjahren von mehr als 7,5 GWh pro Jahr innerhalb von 20 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes ein Energie- oder Umweltmanagementsystem einführen und betreiben müssen. Unternehmen mit einem Jahresgesamtenergieverbrauch von mehr als 2,5 GW pro Jahr sind dazu verpflichtet, Umsetzungspläne von wirtschaftlichen Endenergieeinsparmaßnahmen zu erstellen, durch unabhängige Experten prüfen zu lassen und zu veröffentlichen. Die BAFA ist beauftragt die Einhaltung der Gesetze durch stichprobenhafte Kontrollen vorzunehmen.

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Sofia Delgado

                                                                            ***

Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

 

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