Finanzen

Fristen im Erbrecht: Worauf Erben unbedingt achten müssen

Wer eine Erbschaft antritt, sollte die relevanten Fristen im Blick behalten, um Ansprüche zu sichern und Haftungsrisiken zu vermeiden. Vom Pflichtteil über die Testamentsanfechtung bis zur Nachlassverwaltung – schnelles Handeln ist oft entscheidend. Verpassen Sie keine Frist, um Ihre Rechte zu wahren und finanzielle Verluste zu vermeiden.
31.08.2024 17:25
Lesezeit: 3 min
Fristen im Erbrecht: Worauf Erben unbedingt achten müssen
Ein Testament wird geschrieben- doch was müssen die Adressaten beachten? (Foto: dpa). Foto: Hans Wiedl

Erbschaft annehmen oder ausschlagen? Eine Erbschaft klingt oft verlockend, doch sie kann schnell zur finanziellen Belastung werden, insbesondere wenn neben dem Vermögen auch erhebliche Schulden vererbt werden. Rechtsanwalt Prof. Dr. Wolfgang Böh dazu: „Die Ausschlagung hat die Wirkung, dass man seine Erbenstellung nachträglich verliert, denn in Deutschland wird man in der Sekunde des Todes automatisch Erbe.“

Wichtiger Tipp: Erben haben nur sechs Wochen Zeit, um zu entscheiden, ob sie die Erbschaft annehmen oder ausschlagen möchten. Wird diese Frist verpasst, gilt das Erbe automatisch als angenommen – inklusive aller Schulden. Das kann zu erheblichen finanziellen Verpflichtungen führen, die schnell den Wert des geerbten Vermögens übersteigen. In bestimmten Fällen, etwa wenn der Erblasser oder der Erbe im Ausland lebt, verlängert sich die Frist auf sechs Monate (§ 1944 BGB).

Die Haftung des Erben für Nachlassverbindlichkeiten

Ein Beispiel verdeutlicht die Bedeutung dieser Frist: Herr Müller erfährt am 1. September vom Tod seines Onkels und davon, dass er als Erbe eingesetzt wurde. Es stellt sich jedoch heraus, dass der Nachlass nicht nur Vermögen, sondern auch erhebliche Schulden umfasst. Herr Müller hat bis zum 13. Oktober Zeit, um die Erbschaft abzulehnen. Verpasst er diese Frist, haftet er persönlich für die Schulden.

Falls er das Erbe annimmt, kann er Maßnahmen ergreifen, um sich vor finanziellen Überraschungen zu schützen. Dazu kann er entweder eine spezielle Verwaltung des Nachlasses oder ein Insolvenzverfahren für den Nachlass beantragen (§ 1975 BGB). Diese Schritte sorgen dafür, dass er nur mit dem geerbten Vermögen haftet und nicht mit seinem eigenen Geld. Damit bleibt das persönliche Vermögen unberührt, auch wenn der Nachlass überschuldet ist.

Pflichtteilsrecht garantiert festen Anteil am Erbe: Sichern Sie Ihr finanzielles Minimum!

Was passiert, wenn Angehörige im Testament übergangen wurden? Das Pflichtteilsrecht (§ 2303 BGB) garantiert bestimmten Angehörigen – wie Kindern, Ehepartnern oder Eltern – einen festen Anteil am Erbe, selbst wenn sie nicht im Testament bedacht wurden. Dieser Pflichtteil beträgt in der Regel die Hälfte des gesetzlichen Erbteils, also den Anteil, den sie erhalten hätten, wenn kein Testament existieren würde.

Wichtiger Tipp: Pflichtteilsberechtigte haben drei Jahre Zeit, ihren Anteil einzufordern. Diese Frist beginnt zum Teil mit dem Erbfall oder am Ende des Jahres, in dem der Berechtigte vom Tod des Erblassers und seiner Enterbung erfährt (§§ 195, 199 Absatz 1 Nummer 1 BGB). Die Geltendmachung des Pflichtteils ist oft mit erheblichen finanziellen Forderungen verbunden, die den Nachlass stark belasten können.

Ein konkretes Beispiel: Frau Schmidt wurde im Testament ihres Vaters zugunsten ihres Bruders enterbt. Als leibliches Kind steht ihr dennoch ein Pflichtteil zu. Am 15. Mai 2024 erfährt sie vom Testament. Ihre Frist zur Geltendmachung des Pflichtteils läuft ab dem 31. Dezember 2024 und endet am 31. Dezember 2027.

Nachlassverzeichnis: Transparenz schützt Vermögen

Pflichtteilsberechtigte haben das Recht, ein Nachlassverzeichnis zu verlangen (§ 2314 BGB). Dieses Verzeichnis gibt ihnen Einblick in die Vermögenswerte und Schulden des Verstorbenen. Der Pflichtteilsberechtigte kann meist entscheiden, ob das Verzeichnis vom Erben selbst oder von einem Notar erstellt werden soll.

Was gehört ins Nachlassverzeichnis?

  • Immobilien: Alle Häuser, Wohnungen oder Grundstücke des Verstorbenen.
  • Bankkonten: Guthaben, Sparbücher, Wertpapiere und andere Finanzanlagen.
  • Fahrzeuge: Autos, Motorräder, Boote etc.
  • Persönliches Eigentum: Schmuck, Kunstwerke, Möbel und andere wertvolle Gegenstände.
  • Schulden: Hypotheken, Darlehen, offene Rechnungen, Steuerschulden etc.

Wichtiger Tipp: Ein detailliertes Nachlassverzeichnis ist nicht nur ein wichtiges Mittel, um Transparenz zu schaffen, sondern auch, um das eigene finanzielle Risiko zu minimieren. Erben sollten das Verzeichnis so schnell wie möglich erstellen lassen, um rechtliche Auseinandersetzungen und mögliche finanzielle Verluste zu vermeiden. Ein unvollständiges oder verspätetes Verzeichnis kann dazu führen, dass der Pflichtteilsberechtigte vor Gericht zieht und sogar Ansprüche gegen den Erben selbst geltend macht.

Testamentsanfechtung: Eine Frist entscheidet über Ihr Vermögen

Wenn Zweifel an der Testierfähigkeit des Verstorbenen bestehen, kann das Testament angefochten werden. Die Anfechtung ist jedoch an eine Frist von nur einem Jahr gebunden (§ 2081 BGB). Die Anfechtung des Testaments ist oft der letzte Schritt, den ein Erbe unternimmt, wenn er das Testament für ungültig hält.

Wichtiger Tipp: Eine erfolgreiche Testamentsanfechtung kann die gesamte Erbfolge verändern und erhebliche finanzielle Auswirkungen haben. Daher ist es essenziell, rechtzeitig zu handeln, um eigene Ansprüche nicht zu verlieren. Der wirtschaftliche Schaden, der durch ein ungültiges Testament entstehen kann, ist oft enorm – sowohl für die Erben als auch für andere Anspruchsberechtigte.

Weitere Fristen und anwaltlicher Rat

Neben den bereits genannten Fristen gibt es im Erbrecht viele weitere wichtige Termine, wie zum Beispiel die Frist zur Anmeldung von Forderungen gegen den Nachlass. Da das Erbrecht sehr komplex ist und zahlreiche Regelungen beachtet werden müssen, ist es ratsam, frühzeitig anwaltlichen Rat einzuholen. Ein erfahrener Anwalt kann Ihnen dabei helfen, Ihre Rechte zu sichern, alle Fristen zuverlässig einzuhalten und mögliche rechtliche Fallstricke zu umgehen, sodass der gesamte Erbprozess reibungslos verläuft.

Auch die Beantragung eines Erbscheins (§ 2353 BGB) sollte nicht auf die lange Bank geschoben werden. Der Erbschein ist oft notwendig, um bei Banken oder Behörden auf das geerbte Vermögen zugreifen zu können. Eine verzögerte Beantragung kann den gesamten Erbprozess ins Stocken bringen und finanzielle Nachteile zur Folge haben, da der Zugriff auf Konten oder andere Vermögenswerte ohne den Erbschein häufig nicht möglich ist.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Technologie
Technologie Silicon Valley im Umbruch: 3 besorgniserregende Dinge, über die jetzt alle sprechen
21.04.2026

Im Silicon Valley verdichten sich die Signale für einen tiefgreifenden Wandel, der die Arbeitswelt unter dem Druck der KI neu ordnen...

DWN
Politik
Politik Wirtschaft Russlands in der Krise: Haushaltsdefizit wächst - auch der Druck auf Putin?
21.04.2026

Hohe Energiepreise und gelockerte Sanktionen verschaffen der russischen Wirtschaft kurzfristig Luft. Doch gleichzeitig mehren sich Hinweise...

DWN
Finanzen
Finanzen Apple-Aktie reagiert auf Führungswechsel: Apple-Chef Cook geht - Hardware-Chef Ternus übernimmt
21.04.2026

Bei Apple steht ein historischer Führungswechsel bevor, der auch die Apple-Aktie bewegt: Nach 15 Jahren übergibt Apple-Chef Tim Cook das...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
21.04.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Unternehmen
Unternehmen QVC-Insolvenz: Teleshopping-Sender steht vor dem Aus - was das für Kunden heißt
21.04.2026

Die QVC-Insolvenz erschüttert die Teleshopping-Branche und stellt ein jahrzehntelang erfolgreiches Geschäftsmodell infrage. Während der...

DWN
Politik
Politik Heliumknappheit: Chipindustrie vor strukturellen Herausforderungen
21.04.2026

Ein oft übersehener Rohstoff rückt in den Mittelpunkt der globalen Wirtschaft, während geopolitische Spannungen zentrale Lieferketten...

DWN
Finanzen
Finanzen Vor dem SpaceX-IPO: Wie Anleger in SpaceX-Aktien investieren können
21.04.2026

Das SpaceX-IPO rückt näher und lenkt den Blick auf die Frage, wie Anleger schon vor dem Börsengang Zugang zu einem der begehrtesten...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Warum Investoren den Krieg ausblenden und auf Wachstum setzen
21.04.2026

Trotz geopolitischer Spannungen zeigen sich die US-Börsen überraschend robust. Anleger richten ihren Blick zunehmend auf...