Politik

Bürgergeld-Sanktionen werden verschärft – was bedeutet das?

Die Bundesregierung hat beschlossen, die Vorgaben für Bürgergeld-Empfängerinnen und -Empfänger zu verschärfen. Bei der Ablehnung eines Jobangebots müssen sie bald mit erhöhten Strafen rechnen. Das Bundeskabinett hat einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg gebracht.
02.10.2024 17:34
Lesezeit: 2 min

Wer beispielsweise eine zumutbare Arbeit, Ausbildung oder Maßnahme ohne triftigen Grund ablehnt, muss künftig mit einer erheblichen Kürzung von 30 Prozent der Grundsicherung für drei Monate rechnen. Wer Termine im Jobcenter nicht wahrnimmt, muss mit einer Leistungsminderung von 30 Prozent anstelle der bisherigen 10 Prozent für einen Monat rechnen.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erklärte, dass, wer nicht mitarbeite oder durch Schwarzarbeit betrüge, "härtere Konsequenzen erwarten muss". Die Neuerungen sollen im regulären Gesetzgebungsverfahren vom Bundestag beschlossen werden und zum Jahreswechsel in Kraft treten.

Heil: "Vermittlung bleibt zentral"

Auch Bürgergeldbeziehende, die Schwarzarbeit verrichten, müssen mit einer Minderung ihrer Leistung rechnen. Die Jobcenter sind verpflichtet, Verdachtsfälle von Schwarzarbeit an die Zollverwaltung zu melden. Heils Entwurf, eine sogenannte Formulierungshilfe, zielt darauf ab, die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der geplanten Wachstumsinitiative der Koalition umzusetzen.

Das Ziel ist: "Mehr Verbindlichkeit, mehr Arbeitsmarktintegrationen und mehr Fairness im Sozialstaat", so Heils Ministerium. "Vermittlung und Qualifizierung sind zentral für das Bürgergeld, um Menschen in Arbeit zu bringen", betonte Heil. Bei den Anpassungen würden "wertvolle Hinweise aus der Praxis" berücksichtigt.

Vermögen wird nur noch für sechs Monate geschont

Durch die geplanten Maßnahmen sollen künftig Personen mit höherem Vermögen dieses grundsätzlich für ihren Lebensunterhalt einsetzen. Die Karenzzeit, in der Vermögen unberührt bleibt, soll daher von zwölf auf sechs Monate verkürzt werden.

Langzeitarbeitslose sollen zudem mit einer Anschubfinanzierung unterstützt werden, wenn sie durch die Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung den Bürgergeldbezug dauerhaft beenden.

Bis zu drei Stunden Pendeln sind zumutbar

Um nicht von vornherein einige Arbeitsangebote auszuschließen, sollen auch weiter entfernte Arbeitsstellen als zumutbar gelten. Bei einer täglichen Arbeitszeit von bis zu sechs Stunden sind 2,5 Stunden Pendelzeit grundsätzlich akzeptabel und bei mehr als sechs Stunden Arbeitszeit bis zu drei Stunden Pendelzeit. Für pflegende und erziehende Personen sollen Ausnahmen gelten.

Erprobungen bei einem anderen Arbeitgeber vor einem angestrebten Arbeitsplatzwechsel sollen besser ermöglicht werden. Für Geflüchtete wird mit dem Integrationspraktikum ein neues Förderinstrument geschaffen.

Viele Ukrainer sind noch ohne Deutschkenntnisse

Arbeitgeber können künftig einen Zuschuss beantragen, wenn sie Geflüchteten bei erschwerter Beschäftigungsaufnahme Chancen bieten und sie dann zur Teilnahme an einem Berufssprachkurs freistellen. Hintergrund sind vor allem die vielen Ukrainerinnen und Ukrainer im Bürgergeld. Mit dem "Job-Turbo" sollen die Einstellungen der Geflüchteten beschleunigt werden. Doch viele Arbeitgeber erwarten mindestens grundlegende Deutschkenntnisse von den Betroffenen.

Erst am Montag hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mitgeteilt, dass die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine mit Job in Deutschland auf 266.000 angestiegen ist. Dies entspricht einem Plus von 71.000 bis Juli im Vergleich zum Vorjahr. Bei den Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern sind es 704.000 in Beschäftigung, was ebenfalls ein Plus von 71.000 im Vergleich zum Vorjahr ausmacht.

Scholz erklärte: "Der Job-Turbo hat seit Oktober 2023 zu diesem Anstieg beigetragen." Er wertete Heils Offensive als Erfolg. Gleichzeitig könnten Regierung und weitere Akteure noch effektiver werden, mahnte der Kanzler. Laut Tabelle der Bundesagentur für Arbeit waren im vergangenen Jahr knapp 65 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer im Bürgergeldbezug.

Genehmigung auch ohne Stempel

Rechtlich soll zudem die Einstellung von Geflüchteten mit Duldung erleichtert werden: Eine Beschäftigungserlaubnis durch die oft überlastete Ausländerbehörde soll unter Umständen auch ohne Stempel als genehmigt gelten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinas Energiewende: Zehn zentrale Erfolge und Lehren für Europa
20.10.2026

China hat seine Energiewende eng mit Industriepolitik und Versorgungssicherheit verknüpft. Das Ergebnis ist widersprüchlich, aber...

DWN
Politik
Politik Sonntagsumfrage: AfD bleibt stärkste Kraft
20.10.2026

Die AfD liegt in der YouGov-Umfrage weiter vorn, während sich bei mehreren Parteien kaum etwas bewegt. Welche Verschiebungen es im...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Traditionsunternehmen Miele: Mittelständler mit Milliarden-Umsatz - Chef stirbt im Alter von 98 Jahren
20.10.2026

Als Hersteller für Haus- und Gewerbegeräte ist Miele weltweit bekannt. In Westfalen wurde das Traditionsunternehmen 1899 gegründet. Als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Rapider Stellenabbau von fast einer halben Million Arbeitsplätze
20.10.2026

Die deutsche Wirtschaft erlebt einen verschärften Strukturwandel: Die Industrie hat seit 2019 knapp eine halbe Million...

DWN
Finanzen
Finanzen Steueroasen und Briefkastenfirmen: Datenträger führt zu 398 Verdachtsfällen in Deutschland
20.10.2026

Ein Datenträger mit mehr als drei Millionen Dateien führt die Ermittler zu 398 Verdachtsfällen in Deutschland. Nun müssen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Temu und Shein werden teurer: EU kassiert ab November zusätzlich
20.10.2026

Ein paar günstige Produkte aus China bestellen und dabei kräftig sparen? Das könnte sich für deutsche Verbraucher bald weniger lohnen....

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: SanDisk und Micron führen Erholung der Chipaktien an, während Großbanken nachgeben
19.10.2026

Verfolgen Sie die entscheidenden Entwicklungen an der Wall Street und entdecken Sie, welche Sektoren die Märkte am Montag bewegten.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
19.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...