Wirtschaft

Party der Öl-Industrie? 1.700 Lobbyisten auf Klimagipfel

Worum es Baku beim Klimagipfel geht - darüber scheint es sehr unterschiedliche Ansichten zu geben. Umweltaktivisten sehen sich mit 1700 Lobbyisten konfrontiert, die eine andere Agenda verfolgen. Die Ölstadt Baku als Standort des Treffens scheint geradezu prädestiniert für diesen Konflikt.
15.11.2024 14:26
Lesezeit: 2 min

Scharen von Lobbyisten für Öl, Gas und Kohle sorgen auf der Weltklimakonferenz für Empörung. Für den Gipfel in Aserbaidschan sind nach einer Datenanalyse mindestens 1.773 solcher Interessenvertreter ganz offiziell akkreditiert, wie die Koalition "Kick Big Polluters Out" in Baku auf Basis frei zugänglicher UN-Daten auszählte. Getragen wird das Bündnis unter anderem von Transparency International, Greenpeace und Global Witness. Luisa Neubauer von Fridays for Future äußerte sich empört: "Das ist ein Desaster!"

Der Datenanlayse zufolge verfügen die Lobbyisten über mehr Zugangspässe als alle Delegationen der zehn durch die Erderwärmung verwundbarsten Staaten zusammen. Das sind: Tschad, Salomonen, Niger, Mikronesien, Guinea-Bissau, Somalia sowie Tonga, Eritrea, Sudan und Mali.

Einfluss der Lobbyisten "wie eine giftige Schlange"

Nnimmo Bassey von "Kick Big Polluters Out" sagte: "Der Einfluss der Lobby für fossile Brennstoffe auf die Klimaverhandlungen ist wie eine giftige Schlange, die sich um die Zukunft unseres Planeten windet." Es gelte, ihre "Täuschungen aufzudecken" und entschlossen gegenzusteuern, um ihren Einfluss zu beseitigen.

Die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle setzt das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid frei, das den Planeten gefährlich aufheizt. Auf der letztjährigen Klimakonferenz in Dubai einigten sich alle 200 Staaten auf eine Abkehr von diesen fossilen Brennstoffen.

Brice Böhmer von Transparency International sagte, die Einflussnetzwerke einiger mächtiger "und meist korrupter" Gruppen reiche weit über die nun offengelegten Zahlen hinaus. So werde noch immer gut 20 Prozent der nationalen Delegationen gestattet, Angaben zu ihrer Tätigkeit zu verweigern.

Fossil-Lobby dank Trump "als Weltmacht organisiert"

Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, sagte, im ersten Jahr, wo die Erderwärmung über 1,5 Grad liege, sei die Fossil-Lobby "so stark aufgestellt wie noch nie" - und nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten jetzt auch "als Weltmacht organisiert". Neubauer von Fridays for Future wies darauf hin, dass mehr Chefs von Unternehmen der fossilen Branche in Baku seien als 90 Staats- und Regierungschefs. Baku dürfe keine Party der fossilen Industrie werden, sondern eine Party, wo das Ende der fossilen Industrie gefeiert werde. "Und das ist ein großer Unterschied."

Bei der Klimakonferenz in Dubai waren der damaligen Analyse zufolge sogar mehr als 2.450 Fossil-Lobbyisten akkreditiert - ein Rekord. Davor, in Ägypten, waren es 636. Eine Erklärung könnte auch die schwankende Teilnehmerzahl sein: In diesem Jahr liegt sie in Baku den Angaben zufolge mit gut 52.000 deutlich unter der von Dubai mit rund 97.000 Teilnehmern.

Lobbyisten anscheinend teils inkognito bei Konferenzen

Dank des Drucks der Zivilgesellschaft waren in Dubai erstmals alle Teilnehmer von den UN dazu verpflichtet, offenzulegen, wen sie vertreten. Dadurch wurden den Aktivisten zufolge viele Lobbyisten "entlarvt", die wahrscheinlich inkognito als Teil von Delegationen oder Wirtschaftsverbänden an früheren Konferenzen teilgenommen hätten.

Auch an Aserbaidschan als Gastgeber der UN-Klimakonferenz gab es erneut Kritik. Hintergrund ist unter anderem die Auftaktrede von Staatschef Ilham Aliyev, in der er die klimaschädlichen Energieträger Öl und Gas als "Geschenk Gottes" pries. Prominente Wissenschaftler und Umweltpolitiker wollen nun, dass die Vereinten Nationen den Auswahlprozess für die Gastgeberländer reformieren. Aserbaidschan, eine autoritär regierte Ex-Sowjetrepublik, stützt seine Exportwirtschaft zu 90 Prozent auf Öl und Gas.

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehören unter anderem Sandrine Dixson-Declève, globale Botschafterin des Club of Rome, Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sowie der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Auch sie forderten, dass die UN den Zugang für Lobbyisten beschränken sollte.

Tasneem Essop vom Climate Action Network International sagte, Öl- und Gas-Lobbyisten vergifteten schon zu lange die Klimaverhandlungen. "Wir fordern eine COP, die frei von Einmischungen großer Umweltverschmutzer ist."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Politik
Politik Elektronische Patientenakte: Hausärzte warnen vor Kassen-Zugriff auf Patientenakten
22.10.2026

Werden Patienten mit einem neuen Digitalgesetz besser vor Krankheiten geschützt - oder werden sie neuen Risiken anderer Art ausgesetzt?...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: CoreWeave und Sandisk im Tech-Ausverkauf schwer getroffen
22.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Auslöser die Wall Street in Aufruhr versetzen und was das für die Märkte bedeutet.

DWN
Technologie
Technologie Enthüllt: Diese US-Techkonzerne wollten den Stromverbrauch ihrer Rechenzentren geheim halten
22.10.2026

Google und Microsoft wollten zentrale Angaben zum Stromverbrauch ihrer irischen Rechenzentren unter Verschluss halten. Die Umweltbehörde...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hier sind die besten und schlechtesten Rentensysteme der Welt
22.10.2026

Deutschlands Rentensystem gerät zunehmend unter Druck, während Dänemark im weltweiten Renten-Ranking auf den zweiten Platz klettert....

DWN
Politik
Politik Steuereinnahmen steigen: Klingbeil sieht trotzdem keinen neuen Spielraum
22.10.2026

Die neue Steuerschätzung bringt dem Bund Milliarden an zusätzlichen Einnahmen. Für Finanzminister Lars Klingbeil bedeutet das trotzdem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rüstungsboom statt Autokrise: Mittelstand drängt in die Wehrtechnik
22.10.2026

Deutschlands Wehretat knackt die 100-Milliarden-Euro-Marke und treibt den industriellen Strukturwandel voran. Weil das klassische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft SpaceX mit Milliardengewinn: Elon Musk plant die größte Fusion aller Zeiten
22.10.2026

Elon Musk meldet einen Milliardengewinn bei SpaceX und denkt bereits über den nächsten historischen Schritt nach. Eine Fusion mit Tesla...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verbrenner-Aus in der EU: Lockerung nimmt erste Hürden im Europaparlament
22.10.2026

Das geplante Verbrenner-Aus könnte weniger strikt ausfallen als bislang vorgesehen. Im Europaparlament haben sich erste Ausschüsse für...