Vier Jahre nach dem Einmarsch wächst der Druck auf Moskau
Am 24. Februar 2026 hat sich der russische Einmarsch in die Ukraine zum vierten Mal gejährt. Vor wenigen Tagen wurden neue Friedensgespräche bereits nach zwei Stunden ohne Ergebnis abgebrochen, greifbare Fortschritte wurden nicht erzielt.
Im Kreml wird weiterhin der Eindruck vermittelt, Russland verfüge über den längeren Atem. Die Ukraine werde wirtschaftlich und militärisch an ihre Grenzen geraten und letztlich nachgeben. Vier Jahre nach Beginn der Invasion vom 24. Februar 2022 zeigt sich jedoch, dass auch Russland unter erheblichen militärischen und ökonomischen Belastungen steht.
Selbstinszenierung als Partner und Konfrontation mit Europa
Die russische Staatspropaganda zeichnet das Bild, dass Präsident Trump Russland als möglichen Partner betrachte. Vor diesem Hintergrund stellt der Kreml den Vereinigten Staaten angeblich umfangreiche wirtschaftliche Perspektiven in Aussicht. Europa hingegen wird offen als Gegner definiert.
In einem im Dezember 2025 veröffentlichten Beitrag der Boulevardzeitung Komsomolskaja Prawda wurde Europa als liberale Hochburg bezeichnet, die zerstört werden müsse. Die Financial Times zitierte das Blatt mit der Aussage, europäische Werte wie die Rechte kleiner Staaten und Minderheiten seien im Niedergang. Nach außen demonstriert die russische Führung Selbstsicherheit, doch die strukturellen Spannungen im Land nehmen zu.
Verluste in Millionenhöhe und schwache Konjunktur
Mit dem 24.02.2026 beginnt das fünfte Kriegsjahr. Die menschlichen und wirtschaftlichen Kosten erreichen ein Ausmaß, das in Europa seit Jahrzehnten ohne Beispiel ist. Russland hat in vier Jahren rund 1,2 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste zu beklagen. Kein anderes Land hat seit dem Zweiten Weltkrieg in einem einzelnen Konflikt vergleichbare Verluste erlitten.
Im Frühjahr 2026 dürften sich die ukrainischen und russischen Verluste zusammen auf zwei Millionen Menschen summieren. Die Ukraine bleibt wirtschaftlich nur dank massiver externer Unterstützung handlungsfähig. Mittel aus dem jüngsten EU-Paket in Höhe von 90 Milliarden Euro sollen ab April 2026 in Kiew eintreffen.
Auch in Russland gerät das Narrativ einer robust wachsenden Kriegswirtschaft zunehmend ins Wanken. Im Jahr 2025 lag das Wachstum bei lediglich 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, für 2026 wird mit einer Stagnation gerechnet. Berichte über Engpässe bei verschiedenen Warengruppen sowie über deutlich gestiegene Lebensmittelpreise häufen sich und belasten vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen.
Minimale Fortschritte an der Front
Militärisch erzielen die russischen Streitkräfte weiterhin begrenzte Geländegewinne. Das Tempo bleibt jedoch äußerst gering. Laut einer Analyse der Militärexperten Seth G. Jones und Riley McCabe vom Center for Strategic and International Studies aus dem Jahr 2026 bewegen sich die russischen Offensiven mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 15 bis 70 Metern pro Tag.
Die Autoren sprechen von einem Vormarsch, der langsamer verlaufe als nahezu jede größere Offensivkampagne des vergangenen Jahrhunderts. Von einem strategischen Durchbruch ist weder auf russischer noch auf ukrainischer Seite die Rede. Die ukrainische Armee muss weiter Gelände abtreten, wenn auch in begrenztem Umfang.
Die ukrainische Rückeroberung von gut vier Quadratkilometern am Wochenende des 15. Februars verändert das Gesamtbild kaum. Jones und McCabe sehen Russland daher nicht als aufstrebende Macht, sondern als strukturell geschwächten Akteur mit begrenzten militärischen und wirtschaftlichen Reserven.
Kontroverse über realistische Friedensoptionen
Unter westlichen Experten herrscht erhebliche Uneinigkeit über den weiteren Kurs. Die am 19.02.2026 in Genf begonnenen Gespräche wurden noch am selben Tag ohne Fortschritt beendet. Präsident Selenskyj erklärte nach seiner Unterrichtung, es sei keine Einigung erzielt worden.
Offiziell hält Kiew weiterhin an dem Ziel fest, sämtliche von Russland besetzten Gebiete zurückzuerlangen, darunter rund 20 Prozent des Staatsgebiets im Osten sowie die Krim. Zugleich mehren sich Stimmen, wonach eine Waffenruhe nur erreichbar sei, wenn völkerrechtliche Ansprüche von den militärischen Realitäten vor Ort getrennt würden.
Peter Slezkine vom Stimson Center und Joshua Shifrinson von der University of Maryland sowie dem Cato Institute argumentierten im Jahr 2026 in der Zeitschrift Foreign Affairs, es liege im Interesse der Ukraine, Europas und der USA, eine neue internationale Grenze zu etablieren, die in etwa der bestehenden Frontlinie entspricht. Dies würde erhebliche territoriale Zugeständnisse seitens der Ukraine bedeuten, während Russland auf weitergehende Ambitionen verzichten müsste.
Abnutzungskrieg ohne klaren Vorteil
Michael Kofman von der Carnegie Endowment for International Peace widerspricht der Annahme, Russland verfüge über einen strategischen Zeitvorteil. Die Ukraine leide unter Erschöpfung, aber nicht unter Verzweiflung. Unabhängig von der Darstellung aus Moskau werde der Handlungsspielraum für Russland enger.
Kofman verweist auf die wachsende Diskrepanz zwischen den militärischen Mitteln und den politischen Zielen des Kremls. Präsident Putin versuche, mit begrenzten Ressourcen Ergebnisse zu erzwingen, die militärisch nur schwer abzusichern seien. Beide Seiten bewegen sich an der Grenze ihrer Belastbarkeit.
Nach Einschätzung Kofmans versucht die Ukraine im Jahr 2026, den Krieg für Russland strategisch kostspielig zu machen, indem sie mehr Soldaten ausschaltet, als monatlich rund 30.000 bis 35.000 neue Kräfte nachrücken. Gleichzeitig setzt Kiew darauf, dass der russische Finanzsektor unter dem Druck hoher Kriegskosten und bestehender Sanktionen weiter geschwächt wird.
Auch Russland verfolgt eine Strategie der Abnutzung. Massive Luftangriffe auf die ukrainische Infrastruktur sollen Wirtschaft und Zivilbevölkerung zermürben. Nach vier Jahren ist kein klarer Sieger auszumachen. Gemessen am verlorenen Territorium hat die Ukraine erhebliche Einbußen erlitten, doch sie bleibt ein souveräner Staat und hat ihre politischen sowie wirtschaftlichen Bindungen an die Europäische Union seit dem 24.02.2022 deutlich vertieft.
Langfristige Auswirkungen auf Deutschland und Europa
Für Deutschland und die Europäische Union bleibt der Krieg auch im Jahr 2026 eine zentrale sicherheits- und wirtschaftspolitische Herausforderung. Die milliardenschweren Hilfspakete, steigende Verteidigungsausgaben und die energiepolitischen Anpassungen wirken sich unmittelbar auf Haushalte, Unternehmen und Finanzmärkte aus.
Solange weder Moskau noch Kiew zu grundlegenden Zugeständnissen bereit sind, dürfte der Abnutzungskrieg weiter andauern. Für Deutschland bedeutet dies eine langfristige strategische Belastung, die sowohl die europäische Sicherheitsarchitektur als auch die fiskalischen Spielräume nachhaltig prägen wird.


