Politik

Trumps Feldzug gegen die Wissenschaft wird zur Chance Deutschlands

In der US-Hauptstadt Washington marschieren heute Wissenschaftler aus ganz Amerika zum Kongress, um gegen Entlassungen und Einsparungen der Trump-Regierung und dessen Hilfe durch Furor Elon Musk zu protestieren. Den neuartigen „March on Washington“ mit erwarteten 10.000 Teilnehmern hat es so noch nie gegeben. Dass selbst Nobelpreisträger vor einem „Kahlschlag in der Wissenschaft“ warnen, auch nicht.
07.03.2025 16:42
Aktualisiert: 07.03.2025 16:42
Lesezeit: 4 min

Um radikale Sparmaßnahmen in US-Behörden und staatlichen Einrichtungen durchzusetzen, hatte Elon Musk bereits symbolisch die Kettensäge aus dem Keller geholt. Dass er mit seiner Sparverwaltung DOGE wirklich ernst machen würde, wurde anfangs noch belächelt. Inzwischen ist klar: Die Säge ist in Wirklichkeit eine Axt. Selbst Donald Trump reagiert perplex und versucht seinen Bürgern einzureden, dass es sich bestenfalls um ein winziges, scharfes Skalpell handelt, mit dem „Madman Musk“ Schnitte am Organismus vornimmt.

Colette Delawalla, Psychologiestudentin an der Emory University, kann es nicht fassen, was an den Kaderschmieden und wissenschaftlichen Institutionen Amerikas passiert und wie die Angst um sich greift. Bereits am 8. Februar rief sie zu einem nationalen Protest auf, wie sie jetzt der „New York Times“ erzählte. „Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen“, schrieb sie in einem Beitrag auf Bluesky, jener Plattform für soziale Medien, die in Konkurrenz und Gegensatz Elon Musks X steht.

Marschieren für die Wissenschaft und Vernunft

Heute Nachmittag ist nun auf der National Mall in Washington soweit. 30 weitere regionale Proteste wurden in anderen namhaften Universitätsstädten angemeldet. „Stand Up For Science“ nennt sich die Bewegung, der sich immer mehr Wissenschaftler anschließen - eine Wiederbelebung des „March for Science“ anno 2017, bei dem damals vergeblich vor der ersten Wahl Donald Trumps gewarnt worden war.

Landesweit werden nicht nur Jobs gestrichen, sondern sogar wichtige Datenbanken von Bundeseinrichtungen gelöscht oder vom Netz genommen, Budgets zur Grundlagenforschung werden gestrichen, insbesondere wenn es um kontroverse Themen wie Gesundheit, Klimawandel und Umweltschutz geht.

Mehr als 1000 Mitarbeiter wissenschaftlicher Bundesbehörden, darunter selbst im Service der US-Nationalparks, dem Center for Disease Control and Prevention und im National Institute of Health, wurden entlassen.

Aktivismus in Wissenschaftskreisen hat in den USA durchaus Vorläufer und damit Tradition. Schon in den 1960er-Jahren gründete sich so die Umweltbewegung. Was nur wenige wissen: Selbst Anti-Atomkraft-Proteste am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es schon frühzeitig. „Wenn Interessen und der Lebensunterhalt von Wissenschaftlern bedroht sind, mobilisieren sie traditionell“, sagt Scott Frickel, ein Soziologe an der Brown University, ein Experte für die Interaktion von Wissenschaft und Gesellschaft in den USA. Der Marsch der Wissenschaftler im Jahr 2017 mit schätzungsweise einer Million Menschen in Städten auf der ganzen Welt unterschied sich freilich durch den Fokus gegen eine Person, jedoch nicht gegen US-Politik generell.

Chance für Forschung in Europa

Das ändert sich derzeitig so radikal, dass nicht eben wenige Beobachter bereits einen Exodus selbst namhafter US-Koryphäen prophezeien. Aufhorchen lassen Äußerungen des Friedensnobelpreisträgers und Klimaforschers Michael Oppenheimer in einem Bericht des ARD-Magazins Monitor am Donnerstagabend. Oppenheimer Befund: „Institutionen werden zerstört und infolgedessen werden Menschen sterben“, sagt er. Man werde nicht mehr fähig sein, „Probleme frühzeitig zu erkennen und zu lösen“. Das klingt nicht nur frustriert, sondern schlicht bedrohlich.

Dass ausgerechnet Europa und vielleicht sogar Deutschland vom brachialen Vorgehen Trumps und Musks profitieren können, zeigen die Äußerungen Martin Baschs. Er kam vor 27 Jahren aus Argentinien in die USA und machte eine erfolgreiche wissenschaftlich Karriere. Er forschte zuletzt als Professor an der Case Western Reserve University in Ohio zur Gehörlosigkeit. Am Institut für Gesundheitsforschung (NIH), wo 1200 Stellen weggefallen sind, erwischte es nun auch ihn als Forschungsleiter. Am 14. Februar erhielt er die Kündigung - seine klinischen Studien mussten abgebrochen werden. „Die Patienten wurden alleingelassen“, sagt er betroffen. Viele wissenschaftliche Projekte wie seines könnten nicht mehr finanziert werden.

Für Basch selbst sind die Auswirkungen extrem. „Ich habe ein Leben hier, ein Haus, das ich nun verkaufen muss, weil ich mir nicht leisten kann, es zu behalten. Ich fühle mich in diesem Land nicht mehr willkommen“, gesteht der Wissenschaftler im Monitor-Beitrag. Basch sieht sich gedrängt, das Land zu verlassen - am liebsten Richtung Deutschland. Äußerungen des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Patrick Cramer, geben ihm Hoffnung.

Cramer will Forschern, deren Arbeit dort nicht mehr geschätzt wird, eine neue Wirkungsstätte und wissenschaftliche Heimstatt in Deutschland offerieren und sieht überraschend neue Möglichkeiten, Spitzenforschung in der Bundesrepublik anzusiedeln: „Ich denke, es ist auf jeden Fall eine große Chance für den Forschungsstandort Europa. Weil wir eben auf einmal Talente rekrutieren können, die wir unter normalen Umständen so nicht hätten gewinnen können. Aber für die Forschung insgesamt, für die Wissenschaft insgesamt auf der Welt, ist es ein ganz klarer Rückschritt, etwas, was mir ganz große Sorgen bereitet", so Cramer. Seine Analyse der Vorgänge in Amerika: Die Kräfte hinter Trump wollen „die Wissenschaft kontrollieren" und "unliebsame Forschungsfelder zurückfahren", beschreibt es der Präsident der deutschen Max-Planck-Gesellschaft. Die Kürzungen firmieren zwar zunächst nur als „Einsparungen“. Doch das „Prinzip Kettensäge“ zeigt deutlich, dass selbst lebensnotwendige Disziplinen betroffen sind: Forschungen zu Alzheimer, Diabetes, Krebs und vor allem Impfstoffen wurden um Milliarden Dollar gekürzt. Ein anderes anschauliches Beispiel betrifft die zentrale Wetterbehörde NOAA, die für ihre Hurricane-Warnungen jeden Herbst weltbekannt ist - 1.300 Wetterfrösche und Experten wurden hier entlassen.

Tom di Liberto zum Beispiel, ein Spitzenforscher, der Meeresströmungen nachgeht und untersucht. „Seitdem leben wir alle weniger sicher“, klagt Tom di Liberto. „Wir können Wetterereignisse seitdem nicht mehr zuverlässig vorhersagen.“ Die Daten könnten aber auch nicht mehr an andere Länder zur Auswertung weitergeben werden.

Agenda Project 2025

Nur warum wütet Trump? Das sogenannte Project 2025, der gleichermaßen umstrittene wie gefürchtete Maßnahmenkatalog der konservativen Heritage Foundation hat die NOAA ganz weit oben auf ihrer Streichliste, weil sie angeblich „einer der Haupttreiber der Klimawandel-Alarmindustrie ist und schädlich für den zukünftigen Wohlstand der USA“ sei. Sie müsse „aufgelöst und verkleinert werden", heißt es dort. „Es scheint, als wollten sie die Klimageschichte auslöschen und eine andere Geschichte erschaffen", so die ernüchternde Bewertung des Nobelpreisträgers Michael Oppenheimer.

Doch es geht einfach auch um die Menschen, ihre Leben, ihre Sicherheit, ihre Familie und Kinder, ihr Haus. Vor allem dafür werden heute auch in den USA Beschäftigte auf die Straßen gehen. Eine von Trumps Durchführungsverordnungen hat Protest-Organisatorin Colette Delawalla besonders schockiert. Sie verweist auf „die Streichung von Programmen zur Förderung von Vielfalt, Gleichberechtigung, Inklusion und Zugänglichkeit in der gesamten Regierung, von denen viele die Arbeit von Wissenschaftlern mit historisch unterrepräsentiertem Hintergrund unterstützten“. „Die Begriffe Frau und weiblich stehen auf dieser Liste“, sagt sie. „Das waren aber meine genauen Worte - I’m a woman, and I'm female.“

Dass die aktuellen Entwicklungen mehr sind als nur ein Strohfeuer, das durch die üblichen lauen Beschwichtigungen Trumps gelöscht werden kann, gilt in den Wissenschaftsschmieden der USA derzeit als unwahrscheinlich. „Wir setzen uns für die Wissenschaft ein, weil wir das Gefühl haben, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen“, beteuern die Organisatoren des heutigen Protests. „Der 7. März ist nicht das Endziel für uns. Es ist der Anfang.“

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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