Wirtschaft

Litauen überholt Deutschland: Litauische Unternehmen übernehmen Marktanteile deutscher Betriebe

Während Deutschlands Mittelstand unter Kosten und Bürokratie zusammenbricht, füllen litauische Firmen die Lücken – schneller, günstiger, innovativer.
23.05.2025 06:03
Lesezeit: 3 min
Litauen überholt Deutschland: Litauische Unternehmen übernehmen Marktanteile deutscher Betriebe
Während Deutschlands Wirtschaft abbaut, wachsen litauische Firmen rasant. (Foto: dpa) Foto: Monika Skolimowska

Litauische Unternehmen übernehmen Marktanteile deutscher Betriebe

Der europäische Technologiesektor schrumpft bereits im dritten Jahr in Folge. Trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen zeigt sich die litauische Maschinenbau- und Technologieindustrie bemerkenswert widerstandsfähig. Während etwa die deutsche Wirtschaft – einer der wichtigsten Exportmärkte – stagniert, konnte Litauen seine Ausfuhren dorthin im vergangenen Jahr um 6,3 Prozent steigern. Laut dem Branchenverband „Orgalim“ scheint die Lage in kleineren europäischen Ländern derzeit günstiger zu sein als in den großen, industriell geprägten Volkswirtschaften Mitteleuropas.

„Was ich von unseren Mitgliedern höre: Viele litauische Klein- und Mittelbetriebe ersetzen nun insolvente deutsche Unternehmen“, erklärt Darius Lasionis, Direktor des litauischen Industrieverbands Linpra. Eine Umfrage der deutschen Förderbank KfW zeigt, dass kleine und mittlere Unternehmen stark unter steigenden Kosten leiden. Immer mehr Betriebe überschreiten ihre Belastungsgrenze und melden Insolvenz an. Löhne und Gehälter – die rund 35 Prozent der Gesamtkosten ausmachen – gelten als größter Kostenfaktor. Zugleich ist eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von 12,82 auf 15,12 Euro pro Stunde geplant.

Laut dem Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) plant rund jedes zweite Unternehmen in Deutschland in den kommenden zwölf Monaten einen Stellenabbau.

„Deutsche Kleinbetriebe geben auf, die Arbeitskräfte wandern in Großunternehmen ab. Der Wettbewerb mit asiatischen Produzenten ist für viele nicht mehr zu stemmen. So füllen unsere Firmen die entstehenden Lücken“, sagt Lasionis.

Stagnation im Westen bringt Chancen für den Osten

Mindaugas Jonuškis, Geschäftsführer des litauischen Edelstahlküchenherstellers Novameta, sieht in der wirtschaftlichen Schwäche Westeuropas eine Chance: „Wenn es den Westeuropäern gut geht, sind sie kaum bereit, neue Produkte oder Lieferanten auszuprobieren. Erst wenn es schlechter läuft, öffnen sich neue Möglichkeiten.“

2024 steigerte Novameta seinen Umsatz um rund zehn Prozent. Das Unternehmen investierte in Digitalisierung, implementierte ein ERP-System und entwickelte ein neues Modell für A-Klasse-Kühlschränke. Auch für das laufende Jahr wird ein weiteres Wachstum erwartet.

Neue Aufträge durch Strukturwandel in Deutschland

Ein konkretes Beispiel für den Strukturwandel liefert das Unternehmen Hi-Steel aus Kaunas. Nachdem ein Kunde einen Teil der Produktion aus Litauen abzog, fiel der Umsatz 2024 zunächst um 7,2 Prozent auf 20,7 Millionen Euro. Doch im Gegenzug wurde Hi-Steel als direkter Zulieferer von Audi gelistet – ein bedeutender Schritt, der zukünftige Chancen eröffnet.

„Audi war vorher schon Kunde, aber über einen Vermittler. Jetzt erhalten wir direkte Aufträge, was Prozesse vereinfacht und die Wertschöpfung im Land erhöht“, erklärt Geschäftsführer Dainius Volskis. Zwar verzeichnete das Unternehmen gegen Ende 2024 einen Nachfragerückgang in den Bereichen Automotive, Landwirtschaft und Transport, doch rechnet man mit einer Belebung im Herbst.

Der litauische Maschinenbau-Export nach Deutschland erreichte im Vorjahr fast eine Milliarde Euro. Starke Zuwächse gab es zudem in die USA, nach Polen, Großbritannien und in die Ukraine. Insgesamt stiegen die Exporte litauischer Maschinenbauprodukte 2024 um 4,4 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro.

Wachstum durch gezielte Investitionen

Das Metallbearbeitungsunternehmen Stevila in Marijampolė plant, 2024 den Umsatz um 16 Prozent auf 15 Millionen Euro zu steigern. Dafür investierte man über 1,7 Millionen Euro in neue Anlagen. Weitere Investitionen in Höhe von einer Million Euro sind für den Ausbau automatisierter Produktionskapazitäten vorgesehen. Geschäftsführer Indrė Senkutė sieht in der angespannten Marktlage auch Chancen: „In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Käufer eher bereit, neue Anbieter mit besserem Preis-Leistungs-Verhältnis auszuprobieren.“

Stevila exportiert unter anderem in die Schweiz, nach Deutschland, Österreich und in die Niederlande. Für Linpra-Chef Lasionis bleibt die Expansion in Länder außerhalb der EU ein strategisches Ziel – angesichts der Wettbewerbsprobleme innerhalb der Union.

Ambitionierte Player setzen auf Diversifikation

Ein Paradebeispiel für erfolgreiche internationale Expansion ist die Teltonika-Gruppe, einer der größten Elektronikhersteller Litauens. Das Unternehmen eröffnete Niederlassungen in Dallas, Mailand, Warschau, Tokio und Manchester – und plant nun Investitionen in die Produktion in den USA.

Der Umsatz stieg 2024 um 20 Prozent auf 352 Millionen Euro, der Gewinn legte um 18 Prozent auf 53,8 Millionen Euro zu. Auch für 2025 rechnet Präsident Marius Derenčius mit einem vergleichbaren Wachstumstempo.

Ähnliche Ambitionen verfolgt Elinta Motors, Hersteller von Antriebssystemen für Elektro-Nutzfahrzeuge. Das Unternehmen plant eine deutliche Expansion bis 2030. Laut Branchenschätzungen könnte der Markt für elektrische Nutzfahrzeuge in Europa und weltweit jährlich um 30 bis 40 Prozent wachsen.

Trotz der Insolvenz eines wichtigen Partners – der deutschen Quantron AG – sieht man bei Elinta Motors wieder optimistisch in die Zukunft. Quantron gab im April bekannt, das Insolvenzverfahren erfolgreich abgeschlossen zu haben.

Europa sucht nach Auswegen aus der Krise

Die Branchenvereinigung Orgalim mahnt an, dass regulatorische Belastungen in der EU gesenkt und Investitionen in Forschung und Entwicklung gesteigert werden müssten. Auch eine offenere Handelspolitik könne helfen, die Exportmärkte zu diversifizieren.

Zwar ist die Industrieproduktion in Europa laut den aktuellen Einkaufsmanagerindizes weiterhin rückläufig, doch sieht Orgalim erste Anzeichen für eine langsame wirtschaftliche Erholung – möglicherweise ab der zweiten Jahreshälfte 2025.

Hoffnung setzt man auf eine angekündigte Lockerung der Fiskalpolitik in Deutschland und verstärkte Rüstungsausgaben. Diese könnten langfristig auch Impulse für die Technologieindustrie liefern – wenngleich dieser Effekt nicht kurzfristig eintreten wird.

Gleichzeitig warnt Orgalim vor wachsender Unsicherheit auf den Weltmärkten, einem möglichen Anstieg der Steuern und der Gefahr protektionistischer Maßnahmen aus den USA – all das könne die zarte Erholung schnell wieder gefährden.

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