Der Westen bremst, China beschleunigt
Die USA wollen mit strikten Exportkontrollen für Hochleistungschips den chinesischen Fortschritt im Bereich Künstliche Intelligenz stoppen. Doch der Versuch läuft ins Leere. Die chinesischen Digitalriesen Tencent und Baidu zeigen, wie man geopolitische Einschränkungen nicht nur übersteht, sondern sogar zum eigenen Vorteil nutzt. Während Washington blockiert, entsteht in China ein alternatives KI-Ökosystem – pragmatisch, resilient und systematisch.
Strategien im Schatten der Sanktionen
Wie CNBC berichtet, setzen Tencent und Baidu auf einen mehrgleisigen Ansatz, um trotz westlicher Exportbarrieren wettbewerbsfähig zu bleiben: Aufbau von Lagerbeständen, Softwareoptimierung, der Einsatz kleinerer KI-Modelle sowie der Ausbau eigener Halbleitertechnologien.
Tencent-Präsident Martin Lau betont, dass sein Unternehmen über eine „solide Reserve“ an Nvidia-GPUs verfügt – also jener Grafikprozessoren, die für das Training großer KI-Modelle weltweit als Standard gelten. Doch Tencent will sich nicht nur auf Vorräte verlassen. Stattdessen setzt das Unternehmen auf optimierte Softwareprozesse und kleinere Modelle, die mit weniger Rechenleistung auskommen.
„Es geht nicht darum, mehr GPUs zu kaufen, sondern intelligenter zu arbeiten“, so Lau.
Baidu: Vertikale Integration als Schutzschild
Baidu verfolgt einen noch umfassenderen Ansatz. Mit seiner sogenannten „Full-Stack“-Infrastruktur kontrolliert das Unternehmen weite Teile der KI-Wertschöpfungskette – von der Cloud bis zum eigenen Chatbot ERNIE. Dou Shen, Präsident des KI-Cloud-Bereichs von Baidu, verweist auf die Fähigkeit, große GPU-Cluster effizient zu steuern, als strategischen Vorteil gegenüber westlichen Wettbewerbern.
Baidu entwickelt eigene Chips, setzt auf lokal verfügbare Hardware und reduziert so seine Abhängigkeit von westlichen Herstellern wie Nvidia oder AMD. In der Zwischenzeit arbeitet das Unternehmen daran, seine Kostenstruktur durch vertikale Integration besser zu kontrollieren.
Peking forciert eigene Halbleiterindustrie
Die Notwendigkeit zur Eigenständigkeit befeuert eine staatlich flankierte Technologieoffensive. China investiert massiv in eine geschlossene Halbleiterinfrastruktur – vom Rohmaterial bis zum Packaging. Zwar hinkt das Land laut Experten wie Gartner-Analyst Gaurav Gupta bei Hochleistungschips noch hinterher, doch sei der Fortschritt beachtlich. China verfolge eine „konsequente und ehrgeizige Linie“ in der Chip-Industrie, so Gupta.
Dieser technologische Aufholprozess hat auch eine geopolitische Komponente: Er demonstriert, dass westliche Sanktionen China zwar treffen – aber nicht lähmen.
Wachsende Kritik auch aus den USA
Zunehmend kommt auch aus der US-Wirtschaft Kritik an der eigenen Blockadepolitik. Nvidia-CEO Jensen Huang warnte im Mai, dass die Exportkontrollen nicht nur China treffen, sondern auch der amerikanischen Industrie schaden.
„Wir blockieren unser eigenes Wachstum“, sagte Huang. Die chinesischen Entwickler würden sich ohnehin auf Huawei und andere nationale Anbieter verlegen – die Lücke werde also bald geschlossen. Die Konsequenz: Statt Abhängigkeit zu reduzieren, verliert der Westen Marktanteile und Einfluss.
Embargo mit Nebenwirkungen
Bereits unter Präsident Joe Biden wurden 2022 erste Exportbeschränkungen für KI-Chips wie die Nvidia H100 und A100 eingeführt. Die Folge: Nvidia entwickelte mit dem H20 einen Chip speziell für den chinesischen Markt. Doch im April 2025 griff die US-Regierung erneut durch – und verhängte unter Donald Trump verschärfte Restriktionen, die nun auch diese Ersatzmodelle betreffen.
Nvidia rechnet infolgedessen mit Umsatzeinbußen von 5,5 Milliarden Dollar. Auch AMD ist betroffen: Für seine neuen MI308-KI-Beschleuniger rechnet das Unternehmen mit Verlusten von bis zu 800 Millionen Dollar.
Das KI-Rennen wird nicht durch Sanktionen entschieden – sondern durch Anpassungsfähigkeit
Die Strategie der USA, Chinas KI-Industrie durch technologische Blockaden zu bremsen, könnte sich als historischer Trugschluss erweisen. Die Gegenreaktionen chinesischer Unternehmen wie Tencent und Baidu zeigen, dass Innovation nicht durch Exportgenehmigungen aufzuhalten ist. Vielmehr zwingt die Eskalation der Technologiekonflikte Chinas Wirtschaft zu einem Strukturwandel – hin zu mehr Autonomie, Effizienz und Unabhängigkeit.
Während der Westen versucht, das Rennen mit Verboten zu gewinnen, beschleunigt China durch Kreativität und Systemintegration. Der geopolitische Versuch, technologischen Fortschritt zu kontrollieren, scheitert – weil der technologische Fortschritt längst gelernt hat, sich ihm zu entziehen.