DeepSeek und das Dilemma der technologischen Überlegenheit
Erinnern Sie sich noch an Chinas „DeepSeek“? Anfang 2025 sorgte das Start-up für Furore: Angeblich hatte es mit einem Bruchteil der Ressourcen das Leistungsniveau von OpenAI, Gemini und anderen großen Sprachmodellen erreicht – trotz eingeschränktem Zugang zu modernsten Chips. Bei näherer Betrachtung jedoch entpuppte sich der „Durchbruch“ als überzeichnet. Wie später bekannt wurde, nutzte DeepSeek mit hoher Wahrscheinlichkeit geistiges Eigentum von OpenAI, investierte deutlich mehr Geld als behauptet und verfügte über leistungsfähige Halbleiter – darunter auch hochentwickelte Nvidia-Chips, die über Drittstaaten oder frühere Käufe beschafft wurden und rund eine Milliarde Dollar kosteten.
Einige Nutzer teilten Screenshots, in denen der chinesische Chatbot wie ChatGPT antwortete – ein Indiz für „Distillation“, also das Nachbilden eines Konkurrenzmodells. Obwohl OpenAI dies untersagt, ist diese Praxis unter Clone-Projekten weit verbreitet – in China fehlt jedoch jede juristische Handhabe, um DeepSeek zur Rechenschaft zu ziehen. Die chinesische Regierung betrachtet künstliche Intelligenz als strategische Priorität und toleriert informellen Technologietransfer.
Amerikas Verteidigungsstrategien: Sanktionen, Zölle, Subventionen
Der technologische Wettlauf zwischen den USA und China verläuft asymmetrisch: Die führende Macht muss massiv investieren, während der Verfolger häufig nur kopiert. Washington hat bislang drei Instrumente eingesetzt: Zölle, Exportbeschränkungen und Subventionen zur Reindustrialisierung.
Donald Trump favorisiert weiterhin Zölle, doch in der globalisierten Wirtschaft sind Umgehungswege allgegenwärtig. Ein Rückgang der Importe aus China während seiner ersten Amtszeit wurde fast eins zu eins durch Einfuhren aus Mexiko, Vietnam und anderen asiatischen Ländern kompensiert – vielfach aus chinesischen Fabriken oder über Reexporte. Zölle können bei einfachen Produkten wirken, bei Hightech stoßen sie an Grenzen. Zudem drohen sie mittelfristig inflationstreibend zu wirken – politisch riskant für Trump.
Joe Biden setzte auf Exportkontrollen, insbesondere bei Hochleistungschips für KI. Selbst DeepSeek räumte in lokalen Medien ein, nicht genug Spitzenchips beschaffen zu können. Doch solche Sanktionen greifen nur bei sehr komplexen Technologien – einfachere Produkte werden oft dennoch reproduziert. Lobbygruppen torpedieren zudem regelmäßig schärfere Regelungen.
Auch Subventionen zeigen gemischte Ergebnisse: Washington unterstützte massiv den Bau einer TSMC-Fabrik in Arizona. Erste Kunden wie Apple, Nvidia und Qualcomm sind gewonnen, doch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten bleibt – unklar ist etwa, ob Komponenten aus China vollständig ersetzt werden können. Intels eigenes Projekt geriet nach Führungswechsel ins Wanken.
China setzt auf Geschwindigkeit – mit Risiken
China hingegen entwickelt aggressiv weiter: Bereits 2018 kündigte die Kommunistische Partei Kampfjets der sechsten Generation an – erste Testflüge fanden Ende 2024 statt. Zum Vergleich: Das US-Programm startete 2008, benötigte zwölf Jahre für erste Flüge, und erst jetzt wurde Boeing als Hersteller des F-47 ausgewählt.
Auch im Energiesektor ist China voraus: Es hat – wie auch Russland – bereits einen kleinen modularen Reaktor (SMR) gebaut. Die USA stehen noch am Anfang. Während Experimente, Fehleranalysen und Lernkurven in der Regel Wettbewerbsvorteile schaffen, droht der Westen genau das zu verlieren, wenn China schneller testet und in den Markt eintritt.
Zudem verfügt China über die weltweit effizienteste industrielle Infrastruktur. Viele internationale Firmen entwickeln neue Produkte im eigenen Land, verfeinern sie aber in China. Über Jahre gewonnene Erfahrung ermöglicht es chinesischen Firmen, heute Autos, Elektronik, Biotechnologie und mehr komplett selbst zu fertigen.
Auch bei der Monetarisierung von Innovationen ist China inzwischen führend: Während westliche Konzerne wie Apple das Scheitern ihres milliardenteuren E-Auto-Projekts verkünden, drängen in China neue Hersteller wie Xiaomi mit staatlicher Unterstützung auf den Markt.
Deutschlands Rolle und Europas strategisches Vakuum
Für Europa – und speziell Deutschland – ist das Bild düster. Die einzige nennenswerte KI-Initiative auf Augenhöhe stammt mit „Mistral“ aus Frankreich, deren Zukunft jedoch ungewiss bleibt. Berlin versprach Milliarden für eine Intel-Fabrik in Dresden, wird wohl aber weder das Werk noch das Geld behalten.
Während die USA bereits SMRs bauen und China sie betreibt, diskutiert die EU-Kommission noch über einen Entwicklungsstart. Statt eigener Impulse verteidigt Europa Industrien wie Automobilbau und Maschinenbau – oft rückwärtsgewandt. Hohe Energiepreise, verursacht durch Abhängigkeit von russischem Gas und den Atomausstieg, gefährden Schlüsselindustrien wie Petrochemie und Metallverarbeitung.
Noch schwerer wiegt die strategische Orientierungslosigkeit: Trotz wachsender Bedrohung durch chinesischen Exportüberschuss (wie bereits bei Solarzellen oder Telekommunikation) fehlt eine klare Handelspolitik. Viele Firmen wie Volkswagen schließen europäische Werke und verlagern Produktion nach China – aus kurzfristigem Kalkül.
Dabei ist Washington – bei aller Kritik – immer noch ein verlässlicherer Partner als Peking. Der Versuch, sich wirtschaftlich zu sehr von den USA zu lösen und China anzunähern, wäre ein strategischer Fehler.
Fazit: Der Westen droht im technologischen Wettlauf den Anschluss zu verlieren
China bleibt auf dem Vormarsch: mit Tempo, Unterstützung und Produktionsmacht. Doch das bringt wirtschaftliche Risiken – etwa durch Überkapazitäten und Exportabhängigkeit. Die USA kämpfen um ihre Führungsrolle, wirken aber oft inkonsequent. Europa dagegen fehlt es an Vision, Wille und strategischer Kohärenz.
Die westlichen Demokratien sind schlecht aufgestellt, um einer leninistischen Staatswirtschaft wie Chinas standzuhalten – eine, die systematisch internationale Regeln unterläuft. Weder WTO noch UNO können Peking bändigen. Und während Brüssel und Berlin zögern, riskieren sie ihre wirtschaftliche Zukunft.
Langfristig geht es nicht nur um Technologie – sondern um geopolitische Selbstbehauptung. Wer jetzt nicht handelt, überlässt das 21. Jahrhundert anderen.