Wirtschaft

Abkopplung von den USA: Wann erhebt die EU Zölle gegen China?

Die USA nähern sich China taktisch an – strategisch aber bleibt das Ziel dasselbe: sich von chinesischem Import Schritt für Schritt abzukoppeln. Während Washington seinen Kurs klar vorgibt, steht die EU vor einem Grundproblem: Sie weiß nicht, was sie in der China-Frage eigentlich will.
25.05.2025 16:00
Lesezeit: 2 min
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Abkopplung von den USA: Europa im Visier Chinas

In den letzten Tagen hat sich der Ton der US-Regierung gegenüber Peking deutlich gemildert. Die zuvor angekündigten Strafzölle wurden reduziert, politische Signale der Entspannung überwiegen. Der Aktienindex S&P 500 kehrte auf das Niveau von Anfang April zurück – dem Zeitpunkt, an dem die protektionistischen Zölle angekündigt wurden. Die Finanzmärkte reagierten euphorisch.

Doch die aktuelle Entwicklung bedeutet keinen Richtungswechsel – vielmehr geht es um eine kontrollierte, planbare Umsetzung der bereits eingeschlagenen Politik: Weniger Abhängigkeit von China, vor allem bei kritischen Importgütern wie Stahl, Elektronikkomponenten und pharmazeutischen Produkten.

USA mit klarer Strategie – Europa mit strategischer Leerstelle

Das Zwischenergebnis der Verhandlungen zwischen den USA und China überrascht: Die USA reduzierten temporär einige Zölle von 145 auf 30 Prozent. Noch vor wenigen Tagen sprach Donald Trump von einer „optimalen“ Zollhöhe von 80 Prozent. Auch US-Finanzminister Scott Bessent, der als wirtschaftsfreundlicher und globalisierungsnaher Akteur gilt, stellte klar: „Weder die USA noch China wollen eine vollständige Entkopplung.“

Gleichzeitig betonte Bessent: Die USA setzen weiterhin auf strategischen Decoupling, also eine systematische Reduktion der Lieferabhängigkeit – insbesondere in sicherheitsrelevanten Schlüsselindustrien.

Das Ziel dieser Politik ist keine kurzfristige Eskalation, sondern eine langfristige Neuausrichtung globaler Lieferketten. Während 2017 noch 22 Prozent aller US-Importe aus China kamen, dürfte der Anteil 2025 auf unter 10 Prozent fallen – eine bemerkenswerte Abkopplung binnen weniger Jahre.

China richtet sich neu aus – Ziel: Europa

Chinesische Exporte, die durch den US-Markt zunehmend blockiert werden, dürften nun verstärkt in die EU umgelenkt werden. Die Europäische Union ist nach den USA der zweitgrößte Konsummarkt der Welt – und rückt damit automatisch ins Visier Pekings.

Die Frage ist: Wie reagiert Brüssel? Hier wird es kompliziert. Die EU gibt sich als Verteidigerin des freien Welthandels – was hohe Zölle auf chinesische Waren nahezu ausschließt. Gleichzeitig will man industrielle Souveränität ausbauen – und identifiziert ähnliche strategische Felder wie die USA: Halbleiter, Pharma, Batterien, kritische Rohstoffe.

Doch wie lassen sich diese widersprüchlichen Ziele vereinen?

Brüsseler Spagat zwischen Berlin und Paris

Innerhalb der EU herrscht Uneinigkeit: Deutschland als Exportnation neigt zu offeneren Märkten, Frankreich hingegen fordert stärkeren Schutz des Binnenmarktes. Ein gemeinsamer Kurs ist schwer zu erkennen – ein Machtvakuum, das China strategisch ausnutzt.

Peking dürfte gezielt auf bilaterale Vereinbarungen mit EU-Staaten setzen, die sich für Freihandel öffnen – etwa durch Investitionsversprechen, Sonderkonditionen oder Logistikprojekte. Die Schwäche des europäischen Kerns wird so zur geopolitischen Angriffsfläche.

Fazit: Europa hat keine Zeit mehr für Unentschlossenheit

Die USA machen ernst mit dem wirtschaftlichen Strategiewechsel. China bereitet seine Umorientierung vor – mit der EU als nächstem Hauptziel. Brüssel steht vor der Wahl: entweder geopolitische Zersplitterung durch nationale Alleingänge oder eine gemeinsame Industriestrategie, die Freihandel und Schutzinteressen in Einklang bringt.

Doch bislang fehlt jede klare Linie – und in einem multipolaren Welthandel ist das die gefährlichste Form der Passivität.

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