Wirtschaft

Der ESG-Betrug: Wie Konzerne Moral simulieren

Konzerne feiern Nachhaltigkeit, während ihre Bilanzen eine andere Sprache sprechen. Zwischen Greenwashing, Sinnverlust und Bürokratie: Was ist von ESG noch übrig?
15.06.2025 16:02
Lesezeit: 3 min
Der ESG-Betrug: Wie Konzerne Moral simulieren
Geld verdienen und gleichzeitig das Klima schützen - klingt gut, ist aber gar nicht so einfach. (Foto: dpa | Frank Rumpenhorst) Foto: Frank Rumpenhorst

ESG zwischen Sinn und Schein

ESG – also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung – ist ein Begriff, der Zuversicht ebenso wie Ermüdung auslösen kann. Während die einen in ESG eine überfällige Neuausrichtung sehen, empfinden andere es als bürokratische Pflichtübung. Für manche Führungskräfte ist es ein strategisches Steuerungsinstrument, für andere ein reines Label mit PR-Funktion. Das berichtet Verslo žinios.

Derzeit herrscht ein regelrechter Lärm rund um ESG. Und Lärm – so zeigt die Erfahrung – verdeckt oft das Wesentliche. Die Folge: Unternehmen fällt es zunehmend schwer, zwischen glaubwürdiger Nachhaltigkeit und reinem Greenwashing zu unterscheiden.

Regulierung zwischen Druck und Verwirrung

Die geopolitische Lage und wirtschaftliche Unsicherheiten verschärfen die Situation. In den USA trat die Trump-Administration ESG mit offener Skepsis entgegen. Gleichzeitig will die EU-Kommission mit dem „Omnibus“-Paket die Berichtspflichten entschlacken. Für Unternehmen kann das kurzfristig entlastend wirken – langfristig jedoch wächst die Rechtsunsicherheit, da klare Leitlinien fehlen.

Dabei ist die Bedrohungslage eindeutig. Laut dem Weltwirtschaftsforum zählen vier der fünf größten globalen Risiken der kommenden Jahre zum Umweltbereich. Der Klimawandel ist Realität – und verändert wirtschaftliche Logik und Prozesse von Grund auf. Investoren erkennen ESG zunehmend als Risiko- und Reputationsfaktor mit handfester finanzieller Relevanz.

Wenn ESG zur Farce wird

Die ESG-Dynamik bringt auch Widersprüche hervor. Unternehmen, die ESG-Vorgaben besonders routiniert bedienen, tragen mitunter zur Aushöhlung des Begriffs bei. Dass ein Konzern wie Philip Morris International auf der Forbes-Liste der „Net Zero“-Leader ganz oben steht, wirft grundlegende Fragen auf – und beschädigt das Vertrauen in den gesamten ESG-Diskurs.

Dabei sind die Herausforderungen real: Klimakrise, geopolitische Spannungen, psychische Gesundheit und die Folgen von Migration verlangen konkrete Antworten. Die Reaktionen vieler Unternehmen jedoch bleiben zögerlich – oft zu spät, oft zu oberflächlich.

Der Ruf nach echtem Wandel

Nachhaltigkeit braucht Klarheit und innere Überzeugung. Wird sie nicht als Zusatz, sondern als sinnstiftendes Element unternehmerischen Handelns verstanden, wird sie zur Stärke – nicht zur Last. Sinn ist kein abstraktes Ideal, sondern ein Orientierungspunkt, wenn Regularien unübersichtlich und Märkte volatil sind. Wer Sinn stiftet, schafft auch langfristige Stabilität.

Stakeholder – seien es Kunden, Mitarbeiter oder Partner – verlangen zunehmend Beweise, nicht nur Präsentationen. Nachhaltigkeit wird zum Kriterium für Vertrauen, Loyalität und Wettbewerbsfähigkeit.

Zwischen Paris und Praxis

Die Grundlagen sind gelegt – etwa mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015. Der Weg ist steinig, aber die Richtung stimmt. Einzelne Unternehmen mögen wenig bewirken, aber kollektives Handeln kann entscheidend sein.

Ein Beispiel: Das zur Helmes Group gehörende Unternehmen TeleSoftas hat jüngst seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Kein Werbetext – sondern ein authentischer Statusbericht. Die Strategie fußt auf konkretem Handeln, nicht auf Versprechen.

Nachhaltigkeit beginnt im Unternehmen

Der Bericht enthält mehr als formale ESG-Zusagen. Psychologische Sicherheit im Team ist bei TeleSoftas nicht „Benefit“, sondern Grundbedingung. Psychische Gesundheit wird als integraler Teil des unternehmerischen Erfolgs verstanden. Nachhaltige Softwareentwicklung gilt nicht als exotisches Konzept, sondern als effizienter und ressourcenschonender Standard.

2024 erreichte der firmeneigene Wohlfühl-Index 83 Prozent – fast 10 Prozent über dem IT-Branchendurchschnitt in Europa. Die Auszeichnung mit dem Nationalen Preis für verantwortungsvolles Unternehmertum unterstreicht diesen Kurs: Der Aufbau einer Kultur, in der Offenheit, Authentizität und persönliches Wachstum gefördert werden.

Nachhaltigkeit heißt auch technologische Effizienz

Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Menschen – sondern auch Produkte, Technologien und Infrastruktur. Unter dem Leitprinzip „Sustainable-by-Design“ optimiert TeleSoftas Gebäudetechnik, Serverarchitektur und Energieverbrauch. Die Umstellung auf ARM-Prozessoren führte zu beeindruckenden Effizienzgewinnen: Bis zu 60 % weniger Energieverbrauch, 20 % mehr Leistung, 15 % geringere Kosten für Kunden.

In einem Fall entschied sich das Unternehmen, ein 15 Jahre altes System nicht zu ersetzen, sondern zu modernisieren. Ergebnis: massive Zeitersparnis, reduzierte Serverlast, geringerer ökologischer Fußabdruck.

Nachhaltigkeit als Führungsprinzip

Der Nachhaltigkeitsbericht ist keine Pflichtübung für Brüssel – sondern Ausdruck eines Anspruchs. Weniger Deklaration, mehr Substanz. Weniger Lärm, mehr Wirkung. Nachhaltigkeit ist kein PR-Wettbewerb – sondern ein stiller, aber konsequenter Veränderungsprozess.

Die Organisationen, die nicht nur reagieren, sondern initiativ handeln, prägen den Wandel. Ihre Haltung zeigt sich nicht in ESG-Tabellen – sondern in Unternehmenskultur, Beziehungen und Vertrauen. Und letztlich auch in wirtschaftlichen Ergebnissen.

Zukunftsfähigkeit durch Verantwortung

Zukunftsfähige Unternehmen werden nicht nur an ihrer Innovationskraft, sondern an ihrer Verantwortung gemessen. Nicht, weil es verlangt wird – sondern weil es keine glaubwürdige Alternative mehr gibt.

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