Zentralbanken fürchten, dass steigende Verteidigungsausgaben die Inflation anheizen. Doch ökonomische Gegenstimmen betonen: Der Rüstungsdruck könnte auch Produktivitätsschübe auslösen.
Mit dem zunehmenden geopolitischen Druck steigt weltweit die Nachfrage nach militärischer Ausrüstung. Ökonomen und Notenbanker warnen: Diese Militarisierung der Wirtschaft könnte mittelfristig den Inflationsdruck erhöhen und die Zentralbanken zwingen, die Leitzinsen dauerhaft hoch zu halten.
So erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde im März: Handelsfragmentierung und verstärkte Verteidigungsausgaben könnten in Sektoren mit knappen Produktionskapazitäten inflationstreibend wirken. Auch die US-Notenbank und die Bank of England äußerten ähnliche Bedenken – insbesondere mit Blick auf Industriegüterpreise und den angespannten Arbeitsmarkt.
Nachfrage treibt nicht nur Preise, sondern auch Kapazität
Doch diese Warnungen greifen möglicherweise zu kurz. Zwei zentrale Argumente sprechen gegen eine unmittelbare Inflationsspirale:
Erstens: Viele Industriestaaten nutzen derzeit nicht ihre gesamte Produktionskapazität. Militäraufträge könnten daher die industrielle Auslastung erhöhen, ohne zwangsläufig zu Preisschüben zu führen. Selbst in Ländern mit überdurchschnittlicher Auslastung – wie Polen – liegt das Niveau unter früheren Hochphasen, in denen deutlich höhere Inflationsraten verzeichnet wurden.
Zweitens: Unternehmen reagieren auf große öffentliche Nachfrageschübe nicht nur mit Mehrproduktion, sondern mit struktureller Modernisierung. Der Investitionsdruck zwingt sie dazu, Prozesse zu verbessern, Ressourcen effizienter zu nutzen und Innovationen schneller umzusetzen.
„Learning by Necessity“: Wie Staatsaufträge Produktivität steigern
Einen empirischen Beleg liefert der Ökonom Ethan Ilzetzki mit seiner Studie über die US-Luftfahrtindustrie. Seine Ergebnisse zeigen, dass ein Nachfrageplus von einem Prozent zu einem Produktivitätsanstieg von 0,3 bis 0,4 Prozent führen kann – insbesondere dort, wo Kapazitätsgrenzen bereits erreicht sind.
Ilzetzki nennt diesen Effekt „Learning by Necessity“: Hoher Auftragsdruck zwingt Unternehmen zur Selbstoptimierung, was langfristig Preisdämpfungseffekte erzeugt. Das Beispiel der Flugzeugindustrie zeigt, dass selbst unter Volllast sinkende Preise möglich sind – wenn Investitionen produktiv wirken.
Inflationsgefahr relativiert sich durch Innovationsimpulse
Statt also in einen defensiven Zinserhöhungskurs zu verfallen, könnte die Geldpolitik Raum für strategische Investitionen lassen – gerade wenn diese die Produktivität in Schlüsselindustrien erhöhen. In einer Phase globaler Umbrüche könnte der Rüstungssektor – trotz ethischer und politischer Debatten – ein Katalysator für technologische Modernisierung sein.