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Mit der Bahn ins Ausland: Wie offen sind Europas Gleise wirklich?

Internationale Bahnreisen boomen – doch wie grenzenlos ist Europas Schienennetz wirklich? Die Deutsche Bahn baut ihr Angebot aus, doch viele Verbindungen bleiben rar. Die Nachfrage steigt, aber die Infrastruktur hinkt hinterher. Wie zukunftsfähig ist der europäische Bahnverkehr tatsächlich?
16.06.2025 06:37
Lesezeit: 3 min
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Mit der Bahn ins Ausland: Wie offen sind Europas Gleise wirklich?
Ein ICE der Deutschen Bahn fährt in den Escherbergtunnel im Landkreis Hildesheim (Foto: dpa). Foto: Steffen Oevermann

Deutsche Bahn im Ausland: Der internationale Fernverkehr boomt

Paris, Amsterdam, Wien – bald auch London? "Der internationale Fernverkehr boomt", betont die Deutsche Bahn regelmäßig. Seit einiger Zeit erweitert der Staatskonzern zusammen mit europäischen Partnerbahnen schrittweise das grenzüberschreitende Angebot. Künftig könnte auch London als Direktziel hinzukommen. Doch wie stark ist das internationale Bahnnetz der Deutschen Bahn tatsächlich? Wo bestehen noch Lücken? Und welche Verbindungen stehen für die kommende Reisesaison schon bereit?

Direkte Bahnverbindungen zwischen europäischen Großstädten sind keineswegs Standard. Von einem vollständig vernetzten Schienensystem in Europa bleibt vieles bislang Wunschdenken der Fahrgäste.

Ex-Bahnchef: "Zugfahrten über vier Stunden sind eine Tortur"

Wie groß die Herausforderungen sind, zeigt sich allein daran, wie stark neue Strecken wie Berlin–Paris von der Bahn vermarktet werden. Seit Ende 2024 verbindet ein täglicher Zug die deutsche mit der französischen Hauptstadt – rund acht Stunden dauert die Fahrt. Sebastian Wilken, Betreiber des Blogs Zugpost zum Thema internationale Bahnreisen, lobt solche Angebote. Aber: "Das sind Leuchttürme in einem riesigen Nebelmeer." Ein Zug pro Tag zwischen Berlin und Paris könne kaum drei Flugverbindungen ersetzen. "Schön wäre eine stündliche Verbindung, auch mit Umstieg in Frankfurt."

Wilken sieht in den Direktverbindungen "auch ein bisschen ein Marketing-Gag". Umstiege seien ebenfalls attraktiv – sofern sie gut abgestimmt sind. Die Idee hinter den neuen Angeboten begrüßt er ausdrücklich: "dass die Bahn selbstbewusst sagt: Ja, es gibt Leute, die sich acht Stunden in den Zug setzen. Das war mal anders." Noch zu Beginn der 2000er sagte Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn: "Zugfahrten über vier Stunden sind eine Tortur."

Längere Bahnstrecken gewinnen an Fahrt

Bei Bahn und Fahrgästen scheint ein Umdenken eingesetzt zu haben. Die Nachfrage für neue internationale Linien steigt. Laut Bahn ist die Verbindung Berlin–Paris oft zu 90 Prozent ausgelastet. Drei Viertel der Reisenden nutzen demnach die komplette Strecke. "Acht Stunden im Zug für Paris-Berlin ist für mehr Menschen mittlerweile akzeptabel, als es vielleicht noch vor fünf oder zehn Jahren gewesen wäre", erklärte Fernverkehrsvorstand Michael Peterson gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Eine Analyse des bundeseigenen Unternehmens zeigt: Besonders bei längeren Verbindungen besteht Wachstumspotenzial. Bei Distanzen unter vier Stunden wuchs die Nachfrage zwischen 2023 und 2024 um 1,5 Prozent. Bei Fahrzeiten ab vier Stunden lag das Plus bei 5 Prozent. Deutlich zulegen konnte die Strecke Berlin–Krakau (7 Stunden) mit fast 30 Prozent, gefolgt von Hamburg–Kopenhagen (4,45 Stunden) mit 19 Prozent.

"Vier-Stunden-Mythos" laut Bahn widerlegt

"Entgegen der verbreiteten Annahme, dass Reisende für weite Strecken die Bahn eher meiden ("Vier-Stunden-Mythos"), ist genau dort das Fahrgastwachstum am größten", so die Deutsche Bahn. Von Frankfurt nach London soll die geplante Direktverbindung künftig nur fünf Stunden dauern – aktuell sind mit Umstieg mindestens sechseinhalb Stunden nötig. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" will Eurostar "in den frühen Dreißigerjahren" die Strecken Richtung Deutschland und Schweiz deutlich ausbauen. Ob das gelingt, bleibt offen. Schon 2010 kündigte der damalige Bahnchef Rüdiger Grube an, dass ICE-Züge ab Ende 2013 Frankfurt und Amsterdam direkt mit London verbinden würden.

Erst vor wenigen Wochen verkündete die Deutsche Bahn eine neue Kooperation mit Trenitalia und den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), um ab Ende 2026 Direktverbindungen von München nach Mailand und Rom anzubieten. Nach Einschätzung des Interessenverbands Allianz pro Schiene sind direkte Bahnreisen in Nachbarländer Deutschlands "in den meisten Fällen bereits heute gut mit der Bahn zu erreichen". Das gilt sowohl für Fern- als auch für Regionalverbindungen im sogenannten "kleinen Grenzverkehr", wie Andreas Geißler, Leiter Verkehrspolitik, auf Anfrage erklärte.

In acht Stunden von München an die Adria

Ein zentrales Problem beim Ausbau grenzüberschreitender Bahnlinien bleibt die Infrastruktur: Von den 57 Schienen-Grenzübergängen zwischen Deutschland und seinen Nachbarn sind lediglich 28 elektrifiziert. Besonders Richtung Osteuropa besteht erheblicher Ausbaubedarf. Wer das internationale Angebot der Deutschen Bahn betrachtet, erkennt: In Länder wie Polen, Tschechien, Österreich, Frankreich oder die Niederlande gibt es Zugverbindungen. Mangel herrscht jedoch bei Strecken darüber hinaus – etwa nach Spanien, Schweden, ins Baltikum oder nach Kroatien. Ausnahmen bilden Italien und Ungarn.

Schon heute ist es möglich, von München aus mit dem Zug nach Bozen, Verona, Venedig sowie Rimini und Ancona an der Adria zu reisen. Die Strecke München–Rimini dauert knapp acht Stunden. Nach Budapest führt der Zugweg von Hamburg über Berlin und Dresden – in gut 14 Stunden.

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