Politik

Tarnung 4.0: Bundeswehr rüstet sich für urbane Einsätze

Die Bundeswehr stellt ihre Kampfbekleidung auf Multitarn um. Ab 2026 soll der Multitarndruck das alte Flecktarnmuster ablösen. Die Umstellung ist Teil eines umfassenden Modernisierungspakets und soll bis Ende 2029 abgeschlossen sein.
17.08.2025 16:00
Lesezeit: 4 min
Tarnung 4.0: Bundeswehr rüstet sich für urbane Einsätze
Bundeswehr am Horn von Afrika (Foto: Bundeswehr/ Wilke).

Bundeswehr-Tarnung: Multitarndruck für urbane Einsätze kommt

Noch trägt das Gros der Bundeswehrsoldaten das aus den 1990er Jahren stammende Fünffarb-Flecktarnmuster. Doch die Tage des bisherigen Standardmusters sind gezählt: Bis spätestens 2029 soll die Truppe einheitlich mit dem sogenannten Multitarndruck ausgestattet werden, einem Tarnmuster, das bislang nur Spezialkräften vorbehalten war, teilte das Bundesverteidigungsministerium mit.

Die Entscheidung steht im Zusammenhang mit den veränderten Einsatzanforderungen der Truppe. Nach Einschätzung des Wehrwissenschaftlichen Instituts für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) biete der Multitarndruck in bebauten und gemischten Geländeformen eine zuverlässige Tarnwirkung.

Vom Spezialformat zum Standardmuster

Nach übereinstimmenden Medienberichten ist die Einführung ab 2026 vorgesehen. Zunächst soll die persönliche Ausrüstung neuer Truppenteile angepasst werden, die Vollausstattung aller Soldaten wird bis 2029 angestrebt. Die bislang auf Spezialkräfte beschränkte Nutzung des Multitarndrucks wird damit auf die gesamte Bundeswehr ausgeweitet.

Ein weiterer Beweggrund ist die bisherige Identifizierbarkeit von Spezialkräften. Da sie bislang ausschließlich mit dem neuen Muster ausgerüstet waren, ließen sie sich bei gemeinsamen Einsätzen von anderen Truppenteilen unterscheiden. „Die einheitliche Nutzung des Multitarndrucks bringt deshalb auch einen Sicherheitsgewinn“, berichtet das Fachportal hartpunkt.de unter Berufung auf Bundeswehrkreise.

„Filzlaus“ bis Multitarn: Chronologie der Tarnmuster

  • 1955: Erster Feldanzug in abgewandeltem Splittertarn M31 aus schwerem Zeltbahnstoff
  • 1959: Einführung „Kampfanzug jagdmeliert“ in gelboliv, Spitzname „Filzlaus“
  • 1960er: Feldanzug olivfarben, ab 1970er Moleskin-Stoff bis Ende 1990er
  • 1976 bis 1990: Tests mehrerer Fünffarb-Tarnmuster
  • 1991: Einführung Feldanzug 90 im Fünffarb-Flecktarn (5 FTD) als Standard
  • 1990er und 2000er: Zusätzliche Muster Dreifarb-Tarndruck (3 FTD) für trocken heiße Regionen und Fünffarb-Tarndruck Tropen für feuchtheiße Klimazonen
  • 2010 bis 2016: Entwicklung Multitarn durch WIWeB als universales Tarnmuster, zunächst für Spezialkräfte
  • 2026: Beginn der flächendeckenden Einführung des Multitarndrucks
  • 2029: Geplante Vollausstattung der gesamten Bundeswehr

Jahrelange Vorbehalte gegen neuen Tarn-Standard

Das neue Tarnmuster wurde Mitte der 2010er-Jahre vom Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) entwickelt, das innerhalb der Bundeswehr für die Erprobung und Bewertung von Ausrüstung zuständig ist. Ziel war ein universell einsetzbares System, das in unterschiedlichen Geländearten eine verlässliche Tarnwirkung entfaltet.

Die flächendeckende Einführung verzögerte sich jedoch.

Im Verteidigungsministerium gab es jahrelang Vorbehalte gegen eine Standardisierung, unter anderem wegen unterschiedlicher klimatischer und topografischer Einsatzbedingungen. Erst Ende 2022 sprachen sich die Vertreter aller Teilstreitkräfte geschlossen für eine Ausweitung des Multitarndrucks auf die gesamte Bundeswehr aus. Daraufhin gab das Ministerium seine Zurückhaltung auf und leitete die Umstellung ein.

Laut WIWeB-Analyse bietet der Multitarndruck zwar keine perfekte Tarnung für eine bestimmte Umgebung, ist aber in vielen Szenarien konstant zuverlässig: „nicht das beste Muster in möglichst vielen Einsatzumgebungen, sondern in möglichst vielen Einsatzumgebungen nicht das Schlechteste“. Angesichts zunehmend urbaner Einsatzräume gilt das Muster als anpassungsfähiger als der bisherige Flecktarn, der in bewaldeten Gebieten weiter als effektiv gilt, in Städten jedoch schlechter abschneidet.

Bundeswehr-Multitarndruck: Klimawandel, Ukraine-Krieg und die Kostenfrage

Zu den Beweggründen für die Einführung des neuen Tarndrucks zählen auch Veränderungen im vegetativen Umfeld. Eine gemeinsame Untersuchung des WIWeB und der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG) empfiehlt, künftige Uniformen in einem helleren Muster auszuführen. Hintergrund sind klimabedingte Verschiebungen in der Vegetation, etwa durch längere Trockenperioden und veränderte Farbspektren in mitteleuropäischen Landschaften.

Hinzu kommen Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion aus dem August 2023 stellte die Bundesregierung fest, dass sich die topografischen und urbanen Strukturen osteuropäischer Gefechtsfelder zunehmend mit denen Mitteleuropas decken.

Aus wirtschaftlicher Sicht bewertet das Verteidigungsministerium die Einführung des Multitarndrucks als kostenneutral bei der Herstellung einzelner Artikel, unabhängig davon, ob sie bisher im 3-FTD (dreifarbiger Flecktarn-Druck für Trockenregionen) oder im 5-FTD (fünffarbiger Flecktarn-Druck für mitteleuropäische Vegetation) gefertigt wurden. Zusätzliche Kosten entstehen jedoch durch den Austausch noch gebrauchstauglicher Bestände im alten Muster. Diese Regeneration betrifft vor allem Ausrüstung, für die nach der vollständigen Umstellung keine Einsatzverwendung mehr vorgesehen ist.

Rückendeckung von der Wehrbeauftragten

Die amtierende Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl (SPD, im Amt seit Mai 2020), sprach sich bereits im August 2023 für die Einführung des Multitarndrucks aus. Auch aktuell wirbt sie für Investitionen in eine moderne, einsatzbereite Truppe.

Bei der Übergabe ihres Wehrberichts 2024 an Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) am 11. März 2025 betonte Högl: „Es ist unbedingt notwendig, dass unsere Bundeswehr vollständig einsatzbereit ist, und dafür braucht es auch viel Geld.“ Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro sei wichtig gewesen, um besondere Investitionen nachzuholen, etwa in neue Flugzeuge und Flugabwehrsysteme. Nun müsse „weiter in modernes Material, Personal und Infrastruktur investiert werden“ – auch in zeitgemäße Ausrüstung wie den Multitarndruck. „Das ist gutes Geld, das investiert wird in Frieden und Freiheit“, so Högl in einer Meldung des Bundestages.

Gleichzeitig verwies sie auf laufende Beschaffungsprogramme wie das 2022 beschlossene Bekleidungspaket im Umfang von 2,4 Milliarden Euro. Diese Vorhaben dürften nicht durch kurzfristige Systemwechsel gefährdet werden, da die vereinbarten Lieferungen die Einsatzfähigkeit und Attraktivität der Truppe stärken.

Högl: „Ohne genügend Personal ist Verteidigungsfähigkeit nicht gesichert“

Högl verwies zudem auf Verbesserungen der Rahmenbedingungen, betonte jedoch, dass die Bundeswehr „noch immer nicht alles hat, was sie benötigt, um ihren Auftrag zu erfüllen“. Sie würdigte zugleich die Leistung der Truppe: „Die 181.174 Frauen und Männer leisten jeden Tag einen herausragenden Dienst.“

Im Wehrbericht räumt Högl der angespannten Personalsituation breiten Raum ein. „Genügend und vollständig einsatzbereites Personal ist der Schlüssel zur Verteidigungsfähigkeit“, heißt es darin. Das Ziel von 203.000 Soldaten bis 2031 sei im Berichtsjahr nicht nähergerückt. Ende 2024 lag die Personalstärke bei 181.174, das Durchschnittsalter stieg seit 2019 von 32,4 auf 34 Jahre.

Zwar traten 2024 rund 20.290 neue Soldaten ihren Dienst an (plus 8 Prozent), doch jeder Vierte verlässt die Bundeswehr innerhalb der sechsmonatigen Probezeit. Von den 2023 Eingestellten waren dies 5.100 Personen (27 Prozent). Gleichzeitig nimmt die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen zu, was Beobachter auch mit der Debatte in der Koalition um eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht in Verbindung bringen.

USA, Polen, Norwegen setzen bereits auf ähnliche Systeme

Mit der geplanten Einführung des Multitarndrucks folgt die Bundeswehr einem internationalen Trend. Mehrere NATO-Partner setzen bereits auf universell einsetzbare Tarnsysteme, die in unterschiedlichen Einsatzumgebungen eine verlässliche Wirkung zeigen.

In den USA wurde MultiCam ab 2010 zunächst bei Spezialeinheiten verwendet und später als „Operation Enduring Freedom Pattern“ (OEF-CP) in Afghanistan eingeführt. Seit 2015 ersetzt das darauf basierende Operational Camouflage Pattern (OCP) das vorherige Universal-Camouflage-Design flächendeckend und ist heute Standard für Army, Air Force und Space Force.

Polen nutzt seit 1993 das Standardmuster wzór 93 „Pantera“ (Muster 93 „Panther“) in Varianten für Wald- und Wüstengebiete. Ergänzend kommen bei Spezialkräften Multicam-ähnliche Muster oder lizenziertes Multicam zum Einsatz.

Auch Großbritannien und Norwegen setzen auf vergleichbare Systeme. Die britischen Streitkräfte etwa verwenden seit 2010 das Multi-Terrain Pattern (MTP), das in unterschiedlichen Klimazonen und Geländearten einsetzbar ist.

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