Wirtschaft

Mehr Waren in die USA, weniger Klarheit: EU und Trump streiten über Zölle

Die EU exportiert so viele Waren wie nie zuvor in die USA – doch statt Klarheit herrscht Zollchaos. Brüssel und Washington verkünden widersprüchliche Botschaften, während Unternehmen um Ausnahmen von Trumps 15-Prozent-Abgabe bangen.
Autor
avtor
19.08.2025 11:46
Lesezeit: 3 min

Rekord-Exporte treffen auf Zollchaos zwischen Brüssel und Washington

Im ersten Halbjahr exportierte die Europäische Union Waren im Wert von 1.341 Milliarden Euro in Drittländer (Nicht-EU-Mitglieder), das waren 4,4 Prozent mehr als im ersten Halbjahr des Vorjahres. Gleichzeitig importierte sie Waren im Wert von 1.261 Milliarden Euro, ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dies geht aus der heutigen Veröffentlichung von Eurostat hervor, die auch die Daten für Juni enthält. Der europäische Überschuss im Warenhandel mit Drittländern schrumpfte im ersten Halbjahr auf 80,1 Milliarden Euro, nachdem er im gleichen Zeitraum des Vorjahres noch 92,9 Milliarden Euro betragen hatte.

USA klar größter Exportmarkt für die EU

Im ersten Halbjahr waren die Vereinigten Staaten der wichtigste Absatzmarkt für europäische Waren. Die Exporte in die USA beliefen sich auf gut 305 Milliarden Euro – rund 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum (262 Milliarden Euro). Zweitwichtigster Markt war das Vereinigte Königreich: Hierhin exportierte die EU im ersten Halbjahr Waren im Wert von 175 Milliarden Euro, nach 172 Milliarden Euro im Vorjahr. Drittwichtigster Markt für die EU war die Schweiz mit 112 Milliarden Euro, fast 14 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Damit überholte die Schweiz China, das im Vorjahr auf Platz drei lag. Auf Platz vier folgte China mit 99 Milliarden Euro an EU-Exporten – knapp 12 Milliarden Euro weniger als im Vorjahr. Fünftgrößter Markt war die Türkei mit gut 58 Milliarden Euro, knapp zwei Milliarden mehr als im Vorjahr. Sechstgrößter Markt war Japan mit 33,5 Milliarden Euro, ein Zuwachs von 1,6 Milliarden. Auf Platz sieben folgte Norwegen mit 32,5 Milliarden Euro, rund 200 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum.

Juni: starker Rückgang des EU-Handelsüberschusses

Ein genauerer Blick auf Juni 2025: Die EU exportierte Waren im Wert von 214 Milliarden Euro in Drittländer – auf Vorjahresniveau. Die Importe stiegen jedoch um 6,4 Prozent auf 205,7 Milliarden Euro. Der Überschuss im Warenhandel sank im Juni drastisch: auf 8 Milliarden Euro, nach 20,3 Milliarden im Juni 2024. Nach Produktgruppen zeigt sich der stärkste Rückgang im Segment „Maschinen und Fahrzeuge“ (Überschuss 21,3 Milliarden im Juni 2024, 16,4 Milliarden im Juni 2025). Auch der Überschuss im Chemikalienhandel schrumpfte (19,1 Milliarden auf 14,3 Milliarden), ebenso bei Nahrungsmitteln und Getränken (4,5 Milliarden auf 3,1 Milliarden). In der Energiewirtschaft wies die EU sowohl 2024 als auch 2025 ein Defizit auf. Im Juni 2024 lag es bei 26,5 Milliarden Euro, im Juni 2025 bei 23,4 Milliarden Euro.

EU und USA ringen um Details zum Zollabkommen

Obwohl die USA bereits höhere Zölle auf EU-Importe eingeführt haben – meist 15 Prozent –, gilt das Abkommen weiter nur als „Rahmenhandelsabkommen“. Es muss erst endgültig bestätigt werden, sobald präzise und eindeutig festgelegt ist, was es tatsächlich bedeutet. Problematisch ist, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump Ende Juli das Abkommen zwar per Handschlag verkündeten, die nachfolgenden Pressemitteilungen beider Seiten aber inhaltlich widersprüchlich waren. Jede Seite interpretierte den Deal unterschiedlich. Beispiel: Die USA erklärten, dass für Pharmaimporte aus der EU sofort 15-Prozent-Zölle gelten sollten (bis dahin meist zollfrei). Die EU hingegen betonte, die Zölle blieben null, solange die USA ihre branchenspezifische Untersuchung zur nationalen Sicherheit nicht abgeschlossen hätten. Daher wird nun die „Gemeinsame Erklärung von EU und USA“ mit Spannung erwartet, da sie die widersprüchlichen Interpretationen beenden soll. Diese Erklärung ist rechtlich nicht bindend. Unternehmen drängen dennoch auf eine baldige Veröffentlichung, weil sie technische Details zu den Zollsätzen liefern soll – etwa für die Auto-, Pharma- oder Weinbranche – und voraussichtlich auch Ausnahmeregeln von der generellen 15-Prozent-Zollrate enthält. Gerade für die Autoindustrie ist das entscheidend: Sie beklagt, dass für sie die US-Zölle nicht auf 15 Prozent gesenkt wurden, sondern bei 27,5 Prozent verharren. Die Veröffentlichung der Erklärung verzögert sich bereits erheblich. Ursprünglich war sie für den 1. August angekündigt. Als die Einführung der höheren Zölle um eine Woche verschoben wurde, erwartete man Gleiches für die Erklärung – doch bis heute liegt sie nicht vor.

Am vergangenen Donnerstag erklärte EU-Kommissionssprecher Olof Gill, Brüssel habe „nun den US-Text mit Vorschlägen zur Annäherung an das endgültige Dokument“ erhalten. Nun seien weitere technische und politische Gespräche nötig. „Wir werden das so lange wiederholen, bis wir zum finalen Text kommen – und ich hoffe, dass wir dies bald erreichen werden“, so Gill laut ausländischen Medien.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Inflation und Konsumzurückhaltung: Wie Deal-Plattformen die Kaufkraft der Verbraucher stärken

Angesichts einer persistenten Inflation und steigender Lebenshaltungskosten sehen sich private Haushalte in Deutschland einem erheblichen...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Albina Kenda

Zum Autor:

Albina Kenda ist eine erfahrene Journalistin, die sich auf die Berichterstattung über Geldpolitik und EU-Themen für die slowenische Wirtschaftszeitung Casnik Finance spezialisiert hat. Sie arbeitet sich regelmäßig durch endlose Stapel von Berichten, Vorschlägen, Reden und Diskussionen, um so klar wie möglich darzustellen, wie internationale und insbesondere europäische Themen uns alle betreffen, auch wenn wir uns nicht dafür interessieren.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street schließt uneinheitlich, während Tech-Rallye den S&P 500 auf ein Rekordhoch treibt
15.04.2026

Ein spannender Handelstag voller Kontraste hält Anleger in Atem und sorgt für überraschende Wendungen.

DWN
Politik
Politik „Strategische Partnerschaft“ mit der Ukraine: Deutschland vereinbart Rüstungsdeals mit Selenskyj
15.04.2026

Die finanzielle und militärische Hilfe für die Ukraine nimmt federführend durch Deutschland und Großbritannien an Fahrt auf. Nachdem...

DWN
Technologie
Technologie Novo Nordisk-Aktie: KI von OpenAI soll Pharmaentwicklung beschleunigen
15.04.2026

Novo Nordisk treibt den Einsatz von KI in der Pharmaindustrie voran und setzt dabei auf eine Kooperation mit OpenAI. Kann künstliche...

DWN
Politik
Politik Deutschlands Photovoltaik-Ausbau: Wie Solarstrom Europas Energiemarkt stabilisiert
15.04.2026

Deutschlands Photovoltaik-Ausbau gewinnt in einem angespannten geopolitischen Umfeld strategisch an Bedeutung für den europäischen...

DWN
Politik
Politik YouGov-Umfrage: AfD klar stärkste Kraft - Union stürzt auf schlechtesten Wert seit vier Jahren
15.04.2026

In einer YouGov-Umfrage kann sich die AfD deutlich von den anderen Parteien absetzen. Auch Grüne und Linke legen zu. Die einzigen, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Prognose der Deutschen Bank: US-Dollar verliert an Stärke
15.04.2026

Die Deutsche Bank sieht eine veränderte Ausgangslage an den Devisenmärkten und rät Marktteilnehmern zu einer Neuausrichtung ihrer...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzspritze vom Bund: Eine Milliarde Euro für Länder und Kommunen
15.04.2026

Der Bund greift hoch verschuldeten Kommunen unter die Arme. Doch nicht nur sie werden entlastet - sondern auch die reichsten Bundesländer.

DWN
Politik
Politik Nach Corona-Bonus nun die Entlastungsprämie für Beamte: Öffentlicher Dienst besteht auf 1000-Euro-Krisenbonus
15.04.2026

Die Koalition plädiert für eine steuer- und abgabenfreie Prämie vom Arbeitgeber - damit ist auch der Bund in der Pflicht. Über 5...