Unternehmen

Mehr Arbeit – weniger Erfolg? Warum lange Arbeitswochen schaden

Die Bundesregierung prüft längere Arbeitszeiten – theoretisch könnten Beschäftigte künftig bis zu 73,5 Stunden pro Woche arbeiten. Experten warnen: Mehr Stunden bedeuten nicht mehr Produktivität, sondern Stress, Krankheit und sinkende Effizienz
01.09.2025 06:03
Lesezeit: 3 min

Überstunden und Produktivität: Der Mythos vom Mehr-ist-mehr

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung taucht ein heikles Vorhaben auf: Die Abschaffung des klassischen Acht-Stunden-Tags zugunsten einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit. Offiziell soll dies mehr Flexibilität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bringen und wirtschaftliche Impulse setzen. Kritiker sehen darin jedoch vor allem eine massive Überlastung der Beschäftigten – getarnt als modernes Arbeitszeitmodell.

Die Hans-Böckler-Stiftung warnt eindringlich: Mit den vorgesehenen Ruhezeiten von nur 11 Stunden und einer Pause von 45 Minuten könnten Arbeitstage von über 12 Stunden und 15 Minuten entstehen – ohne echte Erholung. Hochgerechnet auf sechs Tage bedeutet das theoretisch alarmierende 73,5 Stunden pro Woche.

Überstunden auf Kosten der Gesundheit: Wann Arbeit zu viel wird

Gewerkschaften schlagen Alarm. DGB-Chefin Yasmin Fahimi warnt: „Für Beschäftigte ohne Tarifvertrag hieße das, den willkürlich angeordneten Arbeitszeitlängen schutzlos ausgeliefert zu sein.“ Die geplante Regelung droht, den Arbeitnehmerschutz auf ein Minimum zu reduzieren und extrem lange Arbeitswochen zur Option zu machen.

Ein Szenario, das nach einem Albtraum klingt: Montagmorgen 7 Uhr, Büro bis 19 Uhr, am nächsten Tag gleich weiter. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit öffnet Tür und Tor für solche Extrembelastungen, die bisher durch den Acht-Stunden-Tag gebremst wurden. Die entscheidende Frage lautet: Bringt mehr Arbeit wirklich mehr Produktivität – oder nur Stress und Gesundheitsrisiken?

„Mehr Stunden = mehr Output“ – ein Mythos

Noch immer gilt in vielen Unternehmen die Gleichung: Mehr Stunden = mehr Produktivität. Die Forschung zeigt klar das Gegenteil: Ab 50 Stunden pro Woche sinkt die Effizienz, ab 55–60 Stunden kann der Output unter das Niveau einer normalen 40-Stunden-Woche fallen. Arbeitspsychologe Prof. Dr. Jürgen Glaser von der Universität Mannheim betont: Leistungsfähigkeit, Motivation und Gesundheit nehmen ab, während Belastung, Fehlzeiten und Krankmeldungen steigen.

Studien aus Stanford und Harvard bestätigen: Überstunden schädigen Konzentration, Kreativität und Entscheidungsfähigkeit nachhaltig. Unternehmen, die regelmäßig auf Überstunden setzen, berichten von hoher Fluktuation, steigenden Krankheitsraten und sinkender Mitarbeiterzufriedenheit. Die Forschung zeigt zudem: Nicht alle Arbeitsstunden sind gleichwertig. Monotone oder hochstressige Tätigkeiten führen schneller zu Ermüdung als abwechslungsreiche, selbstbestimmte Arbeit.

Die Rolle der Arbeitsbelastung

Arbeitsrechtsexperte Guido Zander warnt: „Längere Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für Burnout, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Belastungen – gleichzeitig steigen die Kosten für Unternehmen.“

Ein Blick ins Ausland zeigt das Paradoxon: In Japan oder den USA sind extrem lange Wochen normal, doch die Produktivität pro Stunde liegt nur im Mittelfeld. „Karoshi“ – Tod durch Überarbeitung – ist in Japan ein gesellschaftlich dokumentiertes Problem.

In vielen europäischen Ländern ist die Arbeitswoche kürzer – und gleichzeitig sind Effizienz und Gesundheitsergebnisse besser. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 34,3 Stunden, in Dänemark 33,1, in Norwegen ebenfalls 34,3 und in den Niederlanden sogar nur 31,2 Stunden. Weniger arbeiten und dabei mehr erreichen – das funktioniert.

Alternative Ansätze: Weniger ist mehr

Langfristig zeigt sich ein klarer Trend: Moderat arbeitende Menschen bleiben leistungsfähiger, gesünder und stabiler in ihrer Karriere – Dauerüberarbeiter hingegen stoßen schneller an ihre Grenzen. Zahlreiche Pilotprojekte, von der Vier-Tage-Woche in Island bis zu Unternehmen in Deutschland und den USA, bestätigen diesen Effekt: Effizienz bleibt gleich oder steigt, Mitarbeiterzufriedenheit und Gesundheit nehmen zu, die Fluktuation sinkt. Besonders eindrucksvoll: Microsoft Japan steigerte die Produktivität nach der Umstellung auf eine vier-Tage-Woche um rund 40-Prozent – ein Ergebnis, das klassische Überstundenmodelle kaum erreichen.

„Unternehmen profitieren langfristig mehr von fokussierter, gut organisierter Arbeit als von ständiger Verlängerung der Arbeitszeit“, betont Glaser. Es geht nicht darum, Überstunden grundsätzlich zu verteufeln, sondern die Balance zwischen Arbeitszeit, Produktivität und Gesundheit zu wahren. Wer strategisch plant, Pausen konsequent einhält und auf Qualität statt Quantität setzt, erreicht deutlich mehr als durch bloße Stundenaddition – und schont dabei zugleich die wichtigste Ressource: Die Menschen selbst.

Mehrheit für kürzere Arbeitstage – und die Realität der Umsetzung

Die deutschen Arbeitnehmer sind eindeutig gegen lange Arbeitstage: Laut DGB-Index „Gute Arbeit“ möchten 98-Prozent weniger als zehn Stunden täglich arbeiten, 72-Prozent höchstens acht Stunden, 95-Prozent ihren Arbeitstag spätestens um 18 Uhr beenden und 81-Prozent würden eine Vier-Tage-Woche bevorzugen. Die Botschaft ist klar: Flexible Arbeitszeiten ja – Dauerstress nein. Die politische Diskussion steht damit deutlich im Widerspruch zum klaren Wunsch der Arbeitnehmer nach kürzeren, gesünderen Arbeitstagen.

Bislang schützt die Höchstarbeitszeit die Beschäftigten vor Überlastung – und das ist weit mehr als ein Formalismus, sondern ein wichtiger Schutz für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Ob die Bundesregierung die tägliche Arbeitszeit tatsächlich auf bis zu 12 Stunden und 15 Minuten oder 73,5 Stunden pro Woche anheben wird, bleibt unklar. Konkrete Gesetzesentwürfe liegen bisher nicht vor, und selbst bei einem Entwurf würde es Jahre dauern, bis er Gesetzeskraft erhielte – sofern überhaupt.

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