Finanzen

SAP-Aktie: Milliarden gegen US-Dominanz

SAP-Vorstand Thomas Saueressig gibt den Ton an: Mit einer Milliardenoffensive will er Europas digitale Selbstständigkeit sichern – von Cloud bis Künstliche Intelligenz. Über 20 Milliarden Euro sollen investiert werden, um den Kontinent unabhängig von US-Giganten zu machen. Doch kann die SAP-Aktie davon profitieren – oder ist alles nur ein teures Risiko?
18.09.2025 14:07
Lesezeit: 4 min

Neue Cloud-Modelle und Milliarden für Europas digitale Souveränität beflügeln SAP-Aktie

Thomas Saueressig arbeitet bei SAP, dem weltweit führenden Anbieter von ERP-Softwarelösungen (Software, die die Kernprozesse von Unternehmen auf einer Plattform integriert) und Europas größtem IT-Unternehmen. Dort ist er Mitglied des Vorstands mit Verantwortung für Kundenservice und Lieferungen und war zuvor Informationsdirektor sowie Leiter der globalen IT-Services von SAP.

Saueressig kündigt in einem digitalen Pressebriefing massive, mehrjährige Investitionen in „digitale Souveränität“ an sowie zwei neue Angebote innerhalb der „Sovereign Cloud“-Portfolios des Konzerns. Es bestehe Handlungsbedarf jetzt – nicht erst in ein, drei oder fünf Jahren. Deshalb erklärt SAP, über die kommenden zehn Jahre mehr als 20 Milliarden Euro in die Entwicklung digitaler Eigenständigkeit zu investieren. „Souveränität und Innovation müssen Hand in Hand gehen. Europas Fähigkeit, die nächste Ära digitaler Innovation – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz – anzuführen, wird davon abhängen, wie effektiv wir KI zur Lösung branchenspezifischer Anforderungen einsetzen“, so Saueressig.

Kurz gesagt bedeutet das: Die Daten europäischer Unternehmen bleiben in Europa, die Programmierung und der Betrieb erfolgen durch SAP, und alles wird innerhalb eines integrierten Technologie-Stacks geliefert und kontrolliert.

Freiheit und volle Kontrolle

Für SAP ist digitale Eigenständigkeit in Europa kein optionaler Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit in einer Welt, die von geopolitischer Unsicherheit und zunehmenden Cyberbedrohungen geprägt ist. „Digitale Souveränität ist entscheidend für unsere Kunden und wird zunehmend zu einer Schlüsselfrage für Europas digitale Zukunft“, erklärt Saueressig, betont jedoch, dass Eigenständigkeit nicht mit Isolation verwechselt werden dürfe. „Souveränität bedeutet Kontrolle und Wahlmöglichkeiten – nicht, die Welt auszuschließen. Kunden sollen die Freiheit haben zu wählen und volle Kontrolle über ihre Daten behalten.“

Die Milliardeninvestition soll unter anderem sicherstellen, dass SAP-Kunden zwischen neuen Implementierungsmodellen wählen können, die ihnen die Kontrolle über Infrastruktur, Plattformen und Software geben – angepasst an spezifische regulatorische und operative Anforderungen. Diese neuen Geschäftsmodelle seien flexibel und ermöglichten laut SAP sichere Innovationen im Einklang mit lokalen Gesetzen, während sie gleichzeitig skalierbar bleiben.

Auf die Frage nach dem Finanzierungsvolumen erklärte SAP, dass die Investitionen der nächsten zehn Jahre aus eigenen Mitteln bestritten werden. „Es sind unsere eigenen Mittel, die in den gesamten Stack fließen: Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, Betrieb und Personal“, sagt Saueressig. Das offiziell genannte Investitionsvolumen beträgt „über 20 Milliarden Euro“ – eine Mischung aus Umschichtungen und neuen Ausgaben im Rahmen der bestehenden Finanzplanung.

Kooperation, Sicherheit und europäische Perspektive

Ein zentrales Element der neuen Strategie sind lokale 24/7-Teams für Unternehmen, die besonders sensible Geschäftsbereiche abdecken. „Wenn ein Kunde einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb aus Deutschland mit deutschem Personal erwartet, ist das teurer als ein gesamteuropäisches Setup. Souveränität hat ihren Wert – aber auch ihren Preis“, erklärt Saueressig.

SAP erweitert sein Portfolio mit zwei Modellen, die auf unterschiedliche regulatorische Anforderungen zugeschnitten sind:

  • Ein Modell eröffnet SAPs eigene Cloud-Infrastruktur auf Basis offener Technologien für Kunden, die große Tech-Konzerne nicht nutzen können oder wollen.
  • Das andere Modell installiert die Lösung beim Kunden vor Ort, während SAP Betrieb und Sicherheitsupdates übernimmt – „das gibt den Kunden innere Ruhe“, so Martin Merz, Verantwortlicher für das Portfolio.

„Cloud bedeutet kontinuierliche Innovation. Deshalb ist es entscheidend, dass wir Infrastruktur, Plattform und Software betreiben, sodass Sicherheitsmaßnahmen ohne Verzögerung ausgerollt werden“, ergänzt Saueressig. Ein Kerngedanke von SAP: Europas digitale Eigenständigkeit werde durch Software erreicht, nicht durch Beton. Damit spielt er auf die Errichtung von AI-Fabriken in den USA an. „Wir haben sehr klar kommuniziert: Es geht nicht um Beton, sondern um Code. Souveränität und Innovation sind keine Gegensätze“, so Saueressig.

Mit Blick auf zunehmende Cybergefahren und die wachsende Macht vor allem amerikanischer Tech-Giganten sei es notwendig, europäische Unternehmen stärker abzusichern. Zugleich warnt Saueressig jedoch vor einem einseitigen Narrativ, das die USA nur als Problem darstellt. „Wir brauchen einen ehrlichen und ausgewogenen Dialog. Europa kommt nicht weit, wenn es führende Technologie – auch aus den USA – nicht einbindet. Wichtig sind jedoch die richtigen Kontrollmechanismen.“

Die Idee, für jedes EU-Mitgliedsland eine separate Cloud aufzubauen, weist er zurück. „Wir sollten die Synergien einer stärker gemeinsamen europäischen Herangehensweise nutzen“, erklärt Saueressig und verweist darauf, dass Länder wie Finnland bereits heute eigenständige Dienste aus SAPs EU-Rechenzentren beziehen können.

Europas Wettlauf um KI und digitale Souveränität

Auch die EU selbst treibt den Versuch voran, unabhängig von fremder Technologie zu werden. Dazu plant sie den Bau von KI-Gigafabriken – Baubeginn spätestens Anfang 2026. Parallel dazu veröffentlichte die EU-Kommission den AI Continent Action Plan, der Europa an die Spitze der globalen KI-Entwicklung führen soll. Er umfasst:

  • den Ausbau von KI-Infrastrukturen
  • einen besseren Zugang zu hochwertigen Datensätzen
  • die Gewinnung und Weiterbildung qualifizierter Fachkräfte
  • die Integration von KI in strategische Sektoren

Die EU will für diese Strategie insgesamt 200 Milliarden Euro bereitstellen. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte Investitionen von 109 Milliarden Euro in KI an, während US-Präsident Donald Trump ganze 500 Milliarden Dollar für kritische KI-Infrastruktur veranschlagt. „Europas Fähigkeit, die nächste Ära digitaler Innovation – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz – anzuführen, wird davon abhängen, wie effektiv wir KI zur Lösung branchenspezifischer Bedürfnisse einsetzen“, betont Saueressig. Laut SAP ist deshalb jetzt der Moment für Entscheidungen gekommen. Europa könne sich „weder digital noch sicherheitspolitisch viele Jahre Zeit lassen“.

Europas letzter Trumpf im KI-Rennen: Die Milliardenoffensive der SAP-Aktie

Für Deutschland ist diese Investition von SAP von besonderer Tragweite. Als größter Standort und Heimatmarkt des Konzerns profitiert die deutsche Wirtschaft direkt von neuen Arbeitsplätzen, Forschungskapazitäten und einem stärkeren Schutz sensibler Unternehmensdaten. Gleichzeitig bietet die Stärkung der digitalen Eigenständigkeit deutschen Unternehmen die Chance, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber US-amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten abzusichern. Besonders für DAX-Konzerne und Mittelständler ist der Zugang zu souveränen Cloud-Lösungen ein entscheidender Standortfaktor.

Mit der Milliardenoffensive positioniert sich SAP als Treiber europäischer digitaler Souveränität. Die Investition stärkt nicht nur Europas Rolle im globalen Technologie- und KI-Wettlauf, sondern hat auch unmittelbare Relevanz für Deutschland. Für die SAP-Aktie bedeutet der Kurs, dass Anleger auf ein langfristig stabiles Geschäftsmodell mit geopolitischer Rückendeckung setzen können. Der Erfolg hängt jedoch davon ab, wie gut es SAP gelingt, Flexibilität, Innovation und europäische Unabhängigkeit miteinander zu verbinden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
17.03.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Straße von Hormus im Krisenmodus: Globale Lieferketten geraten unter Druck
17.03.2026

Die faktische Blockade der Straße von Hormus bringt zentrale Handelsströme ins Stocken und treibt Energie- sowie Transportkosten weltweit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entwurf zur EnWG-Reform bringt Reiche unter Druck – was das Netzpaket-Aus konkret bedeutet
17.03.2026

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Bedingungen zu versehen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Zitterpartie: EU und USA einigen sich auf neuen Zoll-Pakt
17.03.2026

Hinter den Kulissen von Brüssel und Washington wurde lange gepokert, doch jetzt steht der Kurs fest: Die EU-Parlamentspräsidentin Roberta...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lichtblick am Ende des Tunnels: Autoindustrie nimmt 2026 wieder Fahrt auf
17.03.2026

Die Schockwellen der ersten Gewinnwarnungen verrauchen langsam. Dank eines starken Schlussspurts der Audi-Gruppe zeigt das Barometer für...

DWN
Politik
Politik Sondervermögen Schulden: Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Politik
Politik Nach Iran und Venezuela: Trump erhöht massiv den Druck auf Kuba
17.03.2026

US-Präsident Donald Trump nimmt nach Teheran und Caracas nun offenbar das nächste Ziel in den Fokus: Kuba. Mit einer offen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Brennende Tanker, blockierte Routen: Wie gelangt das Golf-Öl jetzt noch zum Kunden?
17.03.2026

Die Schlagader der Weltwirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs wagen nur noch wenige Schiffe die...