Wirtschaft

ASML Energieversorgung: Der Strommangel bedroht Europas Technologievorsprung

ASML ist das Rückgrat der globalen Chipproduktion – doch der Konzern kämpft mit einem paradoxen Problem: Es fehlt an Strom. Während die Nachfrage nach KI-Technologien explodiert, stoßen selbst Hightech-Standorte wie Eindhoven an ihre infrastrukturellen Grenzen. Europas wichtigster Technologiekonzern zeigt, wie Energieengpässe die Zukunft der Digitalisierung bremsen könnten – auch in Deutschland.
26.10.2025 16:03
Lesezeit: 3 min
ASML Energieversorgung: Der Strommangel bedroht Europas Technologievorsprung
Der niederländische Chipmaschinenbauer will expandieren – doch fehlende Stromkapazitäten bremsen Europas wichtigste Technologiehoffnung im globalen Halbleiterwettlauf. (Foto: ASML)

Europas wertvollster Tech-Konzern braucht mehr Energie für das KI-Zeitalter

In Eindhoven, einer Stadt mit rund 250.000 Einwohnern im Süden der Niederlande, sitzt mit ASML der teuerste börsennotierte Konzern Europas. Das Unternehmen ist der weltweit einzige Hersteller von Lithografiemaschinen, die für die Produktion modernster Halbleiter unerlässlich sind. Ohne sie gäbe es keine Chips – und damit auch keine künstliche Intelligenz (KI), keine Rechenzentren und keine moderne Elektronik. ASMLs Bedeutung für die globale Technologieindustrie ist enorm. Wie auch andere Schlüsselakteure der Halbleiterbranche konzentriert sich das Unternehmen zunehmend auf Anwendungen im Bereich generativer KI. Seit Anfang 2023 ist die Marktkapitalisierung um etwa 50 Prozent gestiegen – weit weniger als die von Nvidia, deren Wert sich im gleichen Zeitraum um rund 860 Prozent vervielfachte. Dennoch gilt ASML als ebenso unverzichtbar für das Wachstum von KI-Rechenzentren wie der US-Konzern.

„Ohne ASML-Maschinen würde sich die Entwicklung der KI deutlich verlangsamen“, sagt Jeroen Dijsselbloem, der ehemalige niederländische Finanzminister und heutige Bürgermeister von Eindhoven. Eine einzige Lithografiemaschine kostet mehrere Dutzend Millionen Euro und erfordert dauerhaft geschultes ASML-Personal zur Wartung. Das Unternehmen verdient somit nicht nur am Verkauf der hochkomplexen Anlagen, sondern auch an Serviceleistungen. Zum Kundenkreis gehören die größten Chipproduzenten der Welt – TSMC, Samsung und Intel. Die geringe Diversifizierung ist weniger Risiko als Branchenrealität: Nur wenige Konzerne weltweit verfügen über die Technologie, um die modernsten Chips herzustellen, die für nahezu alle Industrien – von Automotive bis Rüstung – unverzichtbar sind.

Wachstum mit Hindernissen: KI-Boom trifft auf geopolitische Unsicherheit

Trotz ihrer Schlüsselrolle wächst ASML deutlich langsamer als Nvidia. Im zweiten Quartal 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 7,7 Milliarden Euro und übertraf damit zwar die Analystenerwartungen, warnte jedoch, dass 2026 kein Wachstum zu erwarten sei. Für das dritte Quartal wurden Einnahmen zwischen 7,4 und 7,9 Milliarden Euro prognostiziert – weniger, als der Markt erhofft hatte. Ein Teil der Unsicherheit resultiert aus globalen Handelskonflikten. Die protektionistische Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump erschwert den Export hochentwickelter Lithografiesysteme, insbesondere nach China. Bereits im ersten Quartal 2025 fielen die Auftragseingänge mit 3,94 Milliarden Euro deutlich geringer aus als prognostiziert (4,89 Milliarden Euro). Für 2026 rechnet ASML mit einer spürbar geringeren Nachfrage aus China. „Unsere Kunden aus dem KI-Sektor sind stark positioniert“, erklärte ASML-Chef Christophe Fouquet im Juli. „Gleichzeitig wächst die Unsicherheit durch makroökonomische und geopolitische Faktoren. Wir bereiten uns auf Wachstum vor, können es derzeit aber nicht versprechen.“ ASMLs Geschäftsmodell ist von Natur aus zyklischer als das von Nvidia. Zwischen Bestellung und Auslieferung einer Maschine liegen meist 12 bis 24 Monate, was Vorausplanung und langfristige Investitionen erfordert. Hinzu kommen Lieferengpässe bei den vielen spezialisierten Komponenten, die den Produktionszyklus zusätzlich verlängern.

Strommangel bremst Expansion: Eindhoven kämpft mit Engpässen

Der KI-Boom hat ASMLs Auftragsbuch auf 5,4 Milliarden Euro anschwellen lassen. Um die steigende Nachfrage bedienen zu können, will das Unternehmen im Norden Eindhovens eine neue Fabrik errichten. Doch paradoxerweise scheitert der Ausbau zunächst an einem grundlegenden Problem: Strommangel.

Auf dem vorgesehenen Gelände gibt es bislang keine Stromanschlüsse. Stadtverwaltung und Energieversorger hoffen, die Infrastruktur bis 2028 bereitzustellen – dann soll die erste Bauphase abgeschlossen sein. Eindhoven steht damit vor einer logistischen Mammutaufgabe. Neben der Energieversorgung fehlen Wohnungen, Verkehrsverbindungen und Fachkräfte. Rund 25.000 neue Arbeitsplätze sollen in der neuen Anlage entstehen, die in unmittelbarer Nähe des Hightech-Komplexes Brainport Industries Campus North liegt. Für die notwendige Infrastruktur sind Investitionen in Höhe von 4,1 Milliarden Euro vorgesehen – zwei Drittel davon übernimmt die niederländische Regierung, den Rest finanzieren Privatunternehmen und 21 Kommunen. Trotz dieser Zusagen betont ASML, dass das Projekt noch auf wackeligen Beinen steht. „Derzeit ist unklar, ob das Unternehmen am Standort Brainport weiter expandieren wird“, heißt es auf der Website des Konzerns. Analysten erwarten, dass ASML bei der Präsentation seiner Quartalszahlen konkrete Angaben zur Produktionsausweitung machen wird. Denn große Technologiekonzerne haben jüngst neue Großaufträge für KI-Chips angekündigt – was eine steigende Nachfrage nach ASML-Systemen signalisiert. „Die Stimmung dreht sich“, sagt Javier Correonero, Analyst bei Morningstar, gegenüber Reuters. „Das Management muss nun klare Hinweise geben, wie es die Marktentwicklung einschätzt.“

Deutsche Perspektive: Infrastruktur als Achillesferse der Technologieindustrie

Auch in Deutschland beobachten Industrieverbände und Investoren die Entwicklung mit Interesse – und wachsender Sorge. Zwar hat Deutschland keinen eigenen ASML-Konkurrenten, doch die gesamte europäische Halbleiterstrategie hängt stark von den Niederländern ab. Sollten Infrastrukturprobleme wie Strommangel oder Fachkräfteknappheit den Ausbau der Chipproduktion verzögern, hätte das auch Folgen für deutsche Zulieferer, Maschinenbauer und Energieversorger. Die Bundesregierung unterstützt daher Initiativen, die Energie- und Netzkapazitäten in Industrieclustern – etwa in Dresden oder Magdeburg – ausbauen sollen. Denn das Beispiel Eindhoven zeigt, dass technologische Führungspositionen nicht nur von Innovation abhängen, sondern zunehmend auch von stabiler Energieversorgung und funktionierender Infrastruktur.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Datenschutz in Casino-Apps und was deutsche Nutzer wirklich erwarten

Spieler schreiben an ihr Online-Casino und verlangen Auskunft darüber, welche Daten über sie gespeichert wurden. Das Casino antwortet...

DWN
Finanzen
Finanzen Börsenboom treibt Reichtum der Eliten: Ist eine Vermögenssteuer überfällig?
27.05.2026

Wer mehr als 100 Millionen Dollar besitzt, gilt als superreich. In Deutschland gehören Tausende Menschen dazu - Tendenz steigend, wie eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Direktinvestitionen. Europas neue Angst vor China-Geld
27.05.2026

China investiert so viel wie nie in Europas Schlüsselindustrien. Ausgerechnet jetzt verschärft die EU ihre Regeln für ausländische...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Agrartechnik wird elektrisch: Ex-VW-Chef Diess will E-Traktor auf den Markt bringen
27.05.2026

Früher VW-Boss, jetzt Landmaschinen-Pionier? Herbert Diess plant einen E-Traktor mit Wechsel-Akkus für Landwirte. Diese sollen schon bald...

DWN
Politik
Politik China-Politik: Zwischen Vorsicht und Fairness - Reiches Spagat
27.05.2026

Bundeswirtschaftsministerin Reiche sucht in Peking den Dialog mit China. Doch seltene Erden, fairer Wettbewerb und die Debatte über...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mini-Wachstum: Wirtschaftsweise senken erneut Prognose - Abschwung setzt sich fort
27.05.2026

Einen Aufschwung der deutschen Wirtschaft gibt es langfristig nicht: Der Sachverständigenrat erwartet nur noch ein Mini-Wachstum von 0,5...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tech-Börsengänge mit Rekordwerten lassen Experten zweifeln
27.05.2026

SpaceX, OpenAI und Anthropic könnten mit ihren Tech-Börsengängen neue Rekordbewertungen erreichen. Experten warnen jedoch vor Hype,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Einführung: Erfolg entscheidet sich im Mindset, nicht im Code
27.05.2026

Bei der Implementierung von KI denken viele zunächst an die technischen und datenschutzrechtlichen Komponenten. Doch der eigentliche...

DWN
Politik
Politik Antragsloses Kindergeld aber weniger Elterngeld? Wie die Regierung für mehr Kinder sorgen will
27.05.2026

Die Geburtenrate befindet sich parallel zur Wirtschaftskrise auf einem historischen Tiefstand. Kinder rücken plötzlich in den Fokus der...