Politik

Europa im Wandel: Populismus und Spannungen in Deutschland, England und Frankreich

Europa steht vor politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, während der Zusammenhalt innerhalb der EU zunehmend brüchig wird. Können die Mitgliedsstaaten diese Spannungen überwinden und geplante Investitionen erfolgreich umsetzen?
16.11.2025 11:00
Lesezeit: 2 min

Europas anfängliche Hoffnung auf Zusammenhalt

Im Verlauf des Jahres 2025 zeigte ich mich in weiten Teilen vorsichtig optimistisch in Bezug auf Europa. Ich ging davon aus, dass der äußere Druck durch Trump, Putin und Xi eine so starke Plattform schaffen würde, dass er als Katalysator für ein stärkeres Europa wirken könnte. In den ersten Monaten des Jahres deuteten die Zeichen tatsächlich positiv. Merz gelang es geschickt, die sogenannte Schuldenbremse Deutschlands aufzuweichen, sodass Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Energie möglich wurden.

Die Europäische Kommission präsentierte einen ambitionierten Haushaltsentwurf, der Investitionen unter anderem zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit vorsah, und die meisten europäischen Staaten signalisierten die Bereitschaft zu umfassender Aufrüstung. Die Zollkonflikte mit den USA führten zu einer gewissen Klärung, auch wenn das Ergebnis nicht optimal war. Gleichzeitig wurde die Ukraine in den Friedensverhandlungen nicht gezwungen, große Gebiete an Russland abzutreten. Bis zu diesem Zeitpunkt schien die Entwicklung zumindest teilweise stabil.

Wachsende Spaltung der europäischen Gesellschaften

In den letzten Monaten hat sich die Lage jedoch deutlich verschlechtert. Der äußere Druck, der bisher verantwortungsbewusste europäische Regierungen zusammengeführt hatte, konnte die europäischen Bevölkerungen nicht vereinen. Im Gegenteil: Historisch tiefe Spaltungen haben sich verstärkt, und populistische Parteien sowohl am rechten als auch am linken Rand gewinnen massiv an Unterstützung.

In den drei größten Volkswirtschaften Europas, Deutschland, Großbritannien und Frankreich, sind die Regierungschefs historisch unbeliebt. Nur jeder dritte Deutsche beurteilt Merz als guten Kanzler. In Großbritannien zeigen Umfragen, dass Premierminister Keir Starmer nur von 21 Prozent der Bevölkerung positiv bewertet wird, während 72 Prozent seine Leistung als schlecht einschätzen. Präsident Macron und Premierminister Lecornu stehen in Frankreich vor großen Herausforderungen bei der Erstellung des Haushalts für 2026, und es ist keineswegs sicher, dass Macron bis zum regulären Ende seiner Amtszeit 2027 im Amt bleiben kann. In allen drei Ländern verzeichnen populistische Parteien, insbesondere am rechten Rand, deutliche Zugewinne.

EU- und Ukraine-Skepsis in Mittel- und Osteuropa

In Mittel- und Osteuropa regieren mittlerweile EU- und Ukraine-skeptische Parteien in Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Auch wenn einige Länder wie Rumänien, Moldau und zuletzt die Niederlande Wahlen durchgeführt haben, die in eine andere Richtung wiesen, deutet wenig darauf hin, dass die EU zu mehr Handlungsfähigkeit findet.

Im EU-Parlament wurde kürzlich ein Versuch, Unternehmen zu entlasten und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, von einer klimafokussierten linken Mehrheit abgelehnt. Die Prioritäten innerhalb der EU sind nicht klar definiert. Wie der frühere dänische Ministerpräsident und NATO-Chef Anders Fogh Rasmussen in einem Interview beschrieb, befindet sich Europa derzeit aus Sicht der Führung „an einem sehr traurigen Punkt“. Diese Einschätzung teilt auch die dänische Wirtschaft. Führende dänische Manager, die anonym zitiert werden möchten, erklären, dass sie, müssten sie zwischen Investitionen in die USA unter Trump oder in Europa wählen, eindeutig die USA bevorzugen würden.

Unsichere Zukunft für Europas politische und wirtschaftliche Entwicklung

Europa steckt tief im Morast. Ob die politisch stark geforderte Motorik der kommenden Monate die Region weiter in die Sackgasse einer skeptischen und gespaltenen Bevölkerung zieht oder ob es gelingt, eine positive Dynamik zu erzeugen und die angekündigten Investitionen, etwa in die deutsche Wirtschaft, tatsächlich Wirkung zeigen, bleibt derzeit offen.

Für Deutschland zeigt sich daraus ein deutliches Signal: Die geplanten Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Energie sind zwar notwendig, aber ihre Wirkung hängt stark von einem stabilen politischen Umfeld in Europa ab. Ohne eine Annäherung innerhalb der EU und eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts könnte die wirtschaftliche Modernisierung Deutschlands nur begrenzte Effekte entfalten.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Vereinbarung zu Grönland mit Trump: Doch keine Zölle gegen Europäer ab 1. Februar
21.01.2026

Donald Trump nimmt seine Zolldrohung gegen Deutschland und weitere EU-Staaten überraschend zurück – zumindest vorerst. Doch der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nvidia-Chef Huang auf dem WEF in Davos: Hier könnte Europa an den USA vorbeiziehen – „einmalige Chance“
21.01.2026

Europas starke industrielle Basis verschafft dem Kontinent eine einmalige Chance, die Vorteile der Künstlichen Intelligenz (KI) gezielt zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zolldeal mit USA auf Eis: EU-Parlament reagiert auf Trump
21.01.2026

Der EU-Zolldeal gerät plötzlich ins Wanken: Das Europäische Parlament stoppt zentrale Arbeiten, nachdem neue Drohungen aus Washington...

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktienkurs springt an: Jetzt zählen die Intel-Zahlen
21.01.2026

Nach einer starken Rally erreichen die Intel-Aktien den höchsten Stand seit Jahren. Doch vor den anstehenden Quartalszahlen wächst die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BDI warnt: Deutsche Industrie zwischen Stillstand und Hoffnungsschimmer
21.01.2026

Deutschlands Industrie ringt um den Ausweg aus einer zähen Krise, während neue US-Zölle drohen und die Stimmung fragil bleibt. Auch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Weltwirtschaftsforum Davos: JP Morgan-Chef Dimon weicht Fragen zu Trumps Außenpolitik aus
21.01.2026

JP Morgan-Chef Jamie Dimon sagt, die USA hätten recht, Europa unter Druck zu setzen, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene
21.01.2026

Die Europäische Zentralbank steht vor einer Phase tiefgreifender personeller und strategischer Weichenstellungen. Welche Bedeutung kommt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercosur-Abkommen gestoppt: Europaparlament bringt Mercosur-Deal vor Gerichtshof
21.01.2026

Am Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten gibt es viel Kritik. Das Europäische Parlament lässt den Deal jetzt vom obersten...