Politik

Reformen in Europa: Wie der schleppende Fortschritt den Wettbewerb gefährdet

Europa steht vor wachsenden wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen. Kann die Union unter diesen Bedingungen den Rückstand gegenüber globalen Wettbewerbern aufholen, oder müssen die Mitgliedstaaten selbst aktiv werden?
04.11.2025 16:38
Lesezeit: 2 min
Reformen in Europa: Wie der schleppende Fortschritt den Wettbewerb gefährdet
Europa muss Reformen vorantreiben, um im globalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren (Foto: dpa) Foto: Philipp von Ditfurth

Stillstand bei Europas Reformen

Vor etwas mehr als einem Jahr legte Mario Draghi in einem viel beachteten Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit Europas einen Reformplan vor. Ziel war es, die EU aus der Stagnation bei Produktivität, Innovation und Ideen zu führen. Bislang zeigt sich, dass das Reformtempo deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Der Bericht Draghis und seiner Mitarbeiter wurde im Auftrag der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erstellt. Er sollte auf die wachsenden wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen Europas reagieren.

Dazu gehören das verlangsamte Produktivitätswachstum, globale Spannungen, zunehmender internationaler Wettbewerb und das Rückfallen in Schlüsselbranchen wie sauberen Technologien, Raumfahrt und Automobilindustrie.

Langsames Umsetzungstempo

Die bisherigen Ergebnisse sind überschaubar. Von den insgesamt 383 vorgeschlagenen Reformen wurden bislang lediglich 11 Prozent vollständig umgesetzt. Weitere 20 Prozent befinden sich in teilweiser Umsetzung, während 46 Prozent noch in der Vorbereitung stehen. Dieses Tempo ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht überwältigend.

Ein kleiner Fortschritt ist erkennbar. Europäische Entscheidungsträger nehmen die Problematik der Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen ernst, ohne die eine Energiewende nicht möglich wäre. In diesem Bereich wurden 33 Prozent der von Draghis Team vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt.

In Branchen wie der Automobilindustrie, der Pharmaindustrie oder der Raumfahrt liegt die Umsetzungsquote jedoch bei null Prozent. Saubere Technologien wie Photovoltaik, Windparks oder Batteriesysteme erreichen lediglich 2,6 Prozent. Bei diesem Tempo wird es schwierig sein, die Wettbewerbsdefizite gegenüber China und den USA aufzuholen.

Strukturelle Herausforderungen der EU

Das Beispiel zeigt eine grundsätzliche Dysfunktion der EU, die zunehmend von Ökonomen, Experten und Politikern thematisiert wird. Fragmentierungen auf regulatorischer, kultureller, steuerlicher und ideologischer Ebene erschweren Reformversuche erheblich. Ein Ansatz könnte daher sein, Reformen stärker von den Mitgliedsstaaten ausgehend oder in kleineren Ländergruppen umzusetzen.

Ignacy Morawski bringt dies in einem Kommentar auf den Punkt. Die zweite Reaktionsmöglichkeit der EU auf den sich wandelnden internationalen Rahmen, Handelskonflikte und Chinas Expansion bestehe darin, die Realität anzuerkennen. Europa sei ein Zusammenschluss verschiedener Länder mit unterschiedlichen Interessen, Wirtschaftskulturen, Steuersystemen und Regulierungen.

Versuche, diese Vielfalt zu überwinden, führten meist nur zu negativen Reaktionen. Die Lösung liege darin, den Mitgliedstaaten größere Kompetenzen zu überlassen und die EU auf wenige kritische Bereiche zu konzentrieren, in denen Konsens erreichbar sei. Wenn Konsens schwer zu erzielen ist, solle dieser nur in ausgewählten Feldern angestrebt werden, möglicherweise in kleineren Ländergruppen.

Deutschlands Rolle im europäischen Reformstau

Für Deutschland bedeutet dies, dass nationale Initiativen zur Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft weiter an Bedeutung gewinnen. Während die EU insgesamt bei der Umsetzung von Reformen ins Stocken geraten ist, kann Deutschland seine Rolle als wirtschaftliches Fundament Europas nutzen. Gezielte Investitionen in Schlüsselbranchen wie saubere Technologien, Industrie und Forschung können den Anschluss an globale Wettbewerber sichern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Inflation und Deflation zugleich - Wohin steuert das Finanzsystem?

Die wirtschaftlichen Signale aus den USA, China und Europa werden widersprüchlicher. Während der Preisdruck nachlässt, verliert der...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW-Werk Dingolfing rüstet auf für den entscheidenden Kampf um die Autozukunft
14.08.2026

Tausende Roboter, 280.000 Autos im Jahr und eine neue Batteriefabrik sollen BMWs größten europäischen Produktionsstandort zukunftsfähig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Solarstrom-Produktion unter Druck: Wie sicher ist Deutschlands Stromnetz wirklich?
14.08.2026

Eine Sonnenfinsternis reicht aus, um Europas Solarstrom-Produktion binnen kurzer Zeit massiv zu drücken und die Strompreise nach oben...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo ES90 im Test: Ein guter Grund, den Deutschen Lebewohl zu sagen?
14.08.2026

Der Volvo ES90 ist kein Elektroauto für Käufer, die möglichst günstig in die Premiumklasse einsteigen wollen. Doch wer Komfort,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt ECS Energiemakler: Wenn die Stromrechnung Fragen aufwirft
14.08.2026

Strom und Gas sind für viele Unternehmen heute mehr als ein einfacher Einkaufsposten. Sie sind ein Bereich, in dem Preise, Netzentgelte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ferrari Luce: Erst verspottet, jetzt reißen sich Käufer um den Elektro-Ferrari
14.08.2026

Der Ferrari Luce provozierte Fans, verunsicherte Anleger und ließ Zweifel an Ferraris Elektrostrategie wachsen. Nun ist das Verkaufsziel...

DWN
Panorama
Panorama Konsumflaute trifft Camping-Boom: Jetzt mobile Kaffeemaschinen kaufen und bares Geld sparen!
14.08.2026

Camping boomt, Reisen bleibt beliebt – doch gleichzeitig sitzt das Geld bei vielen Verbrauchern nicht mehr so locker. Genau in diesem...

DWN
Finanzen
Finanzen Norma-Aktie mit Kurssprung: Verbindungstechnikhersteller plant weiteren Aktienrückkauf
14.08.2026

Ein neuer Aktienrückkauf treibt die Norma-Aktie auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Finanziert wird das Vorhaben aus einem...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-Aktie vor dem Mega-IPO: SpaceX könnte die Euphorie zerstören
14.08.2026

Anthropic wächst rasant und könnte mit seinem Börsengang neue Maßstäbe setzen. Doch die Milliardenbewertung steht auf einem...