Politik

Wie man Deutschlands Industrie helfen kann: Experten fordern Europa zum Handeln auf

Die deutsche Industrie gerät unter Druck und beeinflusst die gesamte europäische Wirtschaft. Europa steht vor der Aufgabe, Maßnahmen zu ergreifen, die das industrielle Herz der Union stärken. Doch wie kann Europa Deutschland konkret unterstützen, damit Industrie und Lieferketten wieder stabil wachsen?
31.10.2025 06:01
Lesezeit: 3 min

Wie Europa Deutschland helfen kann

Die deutsche verarbeitende Industrie nähert sich den Tiefstständen der COVID-19 Zeit und das erhöht die Sorgen um die gesamte europäische Wirtschaft. Expertinnen und Experten fordern konkrete Maßnahmen.

Dazu zählen die Stärkung des Binnenmarktes, weniger Bürokratie, mehr Investitionen und die Modernisierung der Produktion. Hinzu kommt das Ziel, europäische Industrien vor chinesischer Konkurrenz zu schützen.

Vytautas Šilinskas, Geschäftsführer des Investors Forum, betont, dass Europa gemeinsam handeln müsse, wie es Mario Draghi anmahnt. Das bedeute die Integration der Energie und Kapitalmärkte sowie gemeinsame Investitionen. Zudem sei es nötig, regulatorische Fragmentierung abzubauen. Nationale Schritte seien nicht ausreichend, ohne europäische Koordination werde die Erholung langsam verlaufen.

Integration und Bürokratieabbau

Šilinskas weist darauf hin, dass die EU noch immer kein vollständig integrierter Binnenmarkt sei. Nationale Barrieren in Finanzwesen und Regulierung begrenzen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Beispielsweise stammt keine der 25 weltweit größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung aus der EU. Staaten verteidigen weiterhin eigene Interessen, statt den europäischen Gesamtnutzen in den Vordergrund zu stellen.

Deutschland müsse laut Šilinskas stärker in Automatisierung, Digitalisierung und Energieeffizienz investieren. Die Industrie solle zu einer Produktion mit hoher Wertschöpfung und modernem technologischen Niveau transformiert werden. Der Wettbewerbsverlust sei durch hohe Energiekosten, geringe Investitionen und langsame technologische Erneuerung entstanden. Auch die Bürokratie belaste die Unternehmen erheblich.

Chinas Vorsprung wächst

Berechnungen der Bank Citadele zeigen, dass die Industrieproduktion Deutschlands im November nur 3,7 Prozent über den COVID-19-Tiefständen liegen dürfte. Šilinskas fordert daher ein umfassendes Modernisierungsprogramm, finanziert aus öffentlichen und privaten Mitteln. Dies solle die Automatisierung beschleunigen, Energieverbrauch senken und die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen.

China installierte im Jahr 2023 rund 276.000 Industrieroboter. Das entspricht mehr als der Hälfte aller weltweit eingesetzten Systeme. Zudem entwickelte sich China von einem Käufer deutscher Produkte zu einem Produzenten und Exporteur. Im vergangenen Jahr produzierte China 30 Millionen Fahrzeuge und übertraf damit Europa deutlich.

Auswirkungen auf Europa

Ein Stillstand der deutschen Industrie beeinträchtigt europäische Lieferketten. Investitionen sinken und die Exportstärke der Region schwächt sich ab. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der EU. Schwächelt dieses Zentrum, wirkt sich das unmittelbar auf andere Mitgliedstaaten aus. Länder wie Litauen, deren Unternehmen Komponenten für die deutsche Produktion liefern, sind besonders betroffen.

Strukturelle Herausforderungen

Tadas Povilauskas von der SEB Bank spricht von einem strukturellen Abschwung. Seit 2020 habe Deutschland den stärksten Produktionsrückgang in der EU verzeichnet. Energieintensive Branchen verloren ein Fünftel ihrer Produktion und erholten sich trotz sinkender Preise nicht. Zudem habe das Land den Halbleiterboom verpasst. US-Zölle, etwa auf Stahl mit bis zu 50 Prozent, erschweren die Lage zusätzlich.

Die Stimmung am Kapitalmarkt verschlechtere sich erheblich. Negative Nachrichten würden verstärkt wahrgenommen. Dadurch werde es schwieriger, Investoren anzuziehen. Kurzfristig sei eine Imagewende kaum zu erreichen, da Übertreibungen in der öffentlichen Debatte die Unsicherheit verstärkten.

Energie und Industriepolitik

Aleksandras Izgorodinas von Citadele erklärt, dass Energiepreise inzwischen wieder auf das Vorkriegsniveau gefallen seien. Dennoch stagnieren Produktion und Nachfrage. Die deutsche Industrieschwäche belaste die gesamte Eurozone. Politische Reaktionen blieben bisher begrenzt und hätten wenig spürbare Wirkung entfaltet.

Izgorodinas nennt die Steuerung des Wettbewerbs mit China als zentrale Aufgabe. Nach den US-Zöllen werde China neue Exportmärkte suchen und Europa sei naheliegender Zielmarkt. Ohne Schutzmaßnahmen drohten Dumpingeffekte. Der Experte plädiert klar für die Einführung von Zöllen. Aktuelle Daten zeigten noch keinen starken Anstieg chinesischer Exporte nach Europa, doch dies könne sich rasch ändern.

Regulierung, Unterstützung und Verteidigungssektor

Povilauskas spricht sich dafür aus, nur strategische Industrien zu schützen. Zölle könnten jedoch Gegenmaßnahmen Chinas auslösen, was deutschen Exporten schade. Neben Handelspolitik sei der Abbau von Bürokratie entscheidend. Eine überregulierte Wirtschaft erschwere Investitionen und Produktion. Staatliche Unterstützung sei notwendig, um Arbeitsplätze zu erhalten und die Folgen der US-Zölle zu bewältigen.

Ein weiteres Wachstumsfeld sieht Izgorodinas im Ausbau der Verteidigungsindustrie. Dies könne auch andere Branchen wie Maschinenbau, Metallverarbeitung und Lasertechnologien stärken. Eine gesteigerte Nachfrage in diesem Bereich könne als Impuls für die gesamte industrielle Basis dienen.

Nationale Maßnahmen Deutschlands

Deutschland verfolgte 2022 und 2023 eine konservative Fiskalpolitik, trotz stark gestiegener Energiepreise. Mittlerweile wurden Maßnahmen zur Lockerung beschlossen. Für 2024 sei ein Defizit von 4,75 Prozent des BIP geplant, nach 3,25 Prozent im laufenden Jahr und 2,7 Prozent im Vorjahr.

Ein Investitionsprogramm über 500 Milliarden Euro wurde verabschiedet, das jedoch erst ab 2026 deutlich wirken dürfte. Falls die wirtschaftliche Entwicklung weiter enttäusche, könnten weitere kurzfristige Impulse notwendig werden.

Die Lage der deutschen Industrie hat weitreichende Auswirkungen auf die EU. Wettbewerbsdruck aus China, Energiefragen und strukturelle Veränderungen belasten den Standort. Deutschland hat begonnen gegenzusteuern, doch die Ergebnisse werden Zeit benötigen.

Für Deutschland und Europa bleibt entscheidend, Investitionen zu beschleunigen, Bürokratie zu reduzieren und Technologie sowie Industriepolitik strategisch auszurichten. Damit kann Deutschland seine Rolle als wirtschaftliches Fundament Europas sichern und zugleich die Widerstandsfähigkeit der gesamten EU stärken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt wegen schwacher Chip-Aktien nach
13.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street heute bewegt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
13.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Finanzen
Finanzen Rente 2026: Fast 2.000 Euro? Für die meisten ein Traum – 5 Zahlen zeigen die Realität
13.10.2026

Die Politik verweist auf ein stabiles Rentenniveau und knapp 2.000 Euro Standardrente. Doch amtliche Zahlen zeigen: Das ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...