Unternehmen

Die Zukunft der Chefetage: Warum mittleres Management an Bedeutung verliert

Das mittlere Management verliert in vielen Unternehmen an Bedeutung. Wirtschaftliche Unsicherheit, neue Technologien und veränderte Erwartungen beschleunigen diesen Wandel. Bleibt diese Führungsebene künftig bestehen oder wird sie durch neue Modelle ersetzt?
09.11.2025 11:00
Lesezeit: 3 min
Die Zukunft der Chefetage: Warum mittleres Management an Bedeutung verliert
Viele Unternehmen bauen mittlere Führungsebenen ab, doch gezielte Strategien können ihre Rolle stärken (Foto: dpa) Foto: jacoblund

Der Rückgang des mittleren Managements

In global agierenden Unternehmen nimmt die Zahl der Führungskräfte im mittleren Segment kontinuierlich ab. Besonders ausgeprägt ist der Trend in den Vereinigten Staaten, wo seit 2022 ein Rückgang von drei Prozent verzeichnet wurde. Auch europäische Firmen zeigen ähnliche Entwicklungen, wie das Wirtschaftsmagazin The Economist berichtet. Laut Wall Street Journal könnten die Zahlen in einzelnen Fällen sogar doppelt so hoch liegen.

Börsennotierte Unternehmen erwähnen in ihren aktuellen Berichten deutlich häufiger den Abbau von Managementebenen. Daten von Revelio Labs zeigen, dass die Stellenausschreibungen für mittlere Führungskräfte Ende 2024 rund 42 Prozent unter dem Höchststand von April 2022 lagen.

Beispiele großer Unternehmen

Im August meldete Google die Entlassung von 35 Prozent der Manager, die Teams mit weniger als drei Mitarbeitenden führten. Im September folgte Fiverr mit ähnlichen Maßnahmen. Amazon baut entsprechende Positionen bereits seit einem Jahr ab, auch in profitablen Bereichen wie Cloud-Diensten. UPS und Citigroup meldeten bereits im Vorjahr Kürzungen in der Führungsebene.

Auch europäische Unternehmen außerhalb der Technologiebranche sind betroffen. Dazu zählen die Schweizer Bank UBS, der französische Chemiekonzern Air Liquide und der britische Konsumgüterhersteller Reckitt Benckiser.

Ursachen für den Rückgang

Unternehmen nennen vor allem das volatile wirtschaftliche Umfeld, das zu Kostensenkungen und Investitionszurückhaltung führt. Handelsunsicherheiten, etwa durch frühere Maßnahmen der US-Regierung, wirken bis heute nach.

Ein weiterer Treiber war das rasche Wachstum der Belegschaften während der Pandemie. Neue Mitarbeitende benötigten Schulungen, wodurch erfahrene Kräfte vermehrt in Führungsrollen aufstiegen. McKinsey betont, dass der Fachkräftemangel in vielen Branchen zu beschleunigten Beförderungen führte.

Zwischen 2019 und 2024 zählten laut US-Arbeitsbehörde fünf der zehn am schnellsten wachsenden Berufe zu Managementpositionen.

Welche Rolle Künstlichen Intelligenz dabei spielt

Entgegen vieler Erwartungen ist künstliche Intelligenz bislang nicht der Hauptgrund für den Rückgang mittlerer Führungsebenen. Analysen von Live Data Technologies und US-Census-Daten zeigen keine statistisch signifikante Verbindung, mit Ausnahme des IT-Sektors.

Dennoch könnten KI-Tools künftig administrative Aufgaben übernehmen, die derzeit rund ein Viertel der Arbeitszeit von Managern beanspruchen. Gartner prognostiziert, dass in den nächsten zwei Jahren etwa jedes fünfte Unternehmen KI nutzen könnte, um Strukturen zu verschlanken und Führungspositionen zu reduzieren.

Laut Harvard Business School spielen mittlere Manager eine zentrale Rolle bei der Einführung von KI. Sie fördern interne Schulungen, steigern die freiwillige Teilnahme der Mitarbeitenden um bis zu 59 Prozent und stärken die Unternehmenskultur. Ein zu schneller Abbau könnte daher den Erfolg von Investitionen in Weiterbildung und Technologie gefährden.

Führungskräfte im Wandel der Anforderungen

Eine Gartner-Umfrage unter 1.403 HR-Direktoren zeigt, dass die Entwicklung von Führungskräften auch im Jahr 2025 oberste Priorität bleibt. Drei Viertel der Befragten berichten von überlasteten Managern, fast 70 Prozent halten diese für Change-Prozesse nicht ausreichend vorbereitet.

Klassische Trainingsformate verlieren an Wirkung, während Peer-Learning und Netzwerkbildung bessere Ergebnisse liefern. Viele Unternehmen orientieren ihre Personalplanung weiterhin primär an Mitarbeiterzahlen statt an Kompetenzbedarf.

Warum Führungsrollen an Attraktivität verlieren

Mittlere Führungskräfte stehen traditionell unter hohem Druck. Mitarbeitende empfinden den Aufstieg oft als Belastung, Vorgesetzte machen sie für Misserfolge verantwortlich. Gartner berichtet, dass heutige Manager fast dreimal so viele Mitarbeitende betreuen wie im Jahr 2017.

Immer mehr Unternehmen bieten alternative Karrierepfade an, bei denen Fachkräfte ohne Personalverantwortung gleichwertig verdienen. Dieser freiwillige Rückzug aus Führungsrollen, auch als freiwillige Entmachtung bezeichnet, gewinnt an Bedeutung.

Generationenwechsel und Kulturwandel

Jüngere Generationen beschleunigen den Wandel. Sie legen mehr Wert auf Flexibilität und psychologische Sicherheit als auf formale Hierarchie. Der Verzicht auf Führungsverantwortung ist jedoch kein rein generationsspezifisches Phänomen, sondern Ausdruck eines breiteren kulturellen Wandels.

Millennials und Angehörige der Generation X bevorzugen zunehmend fachliche Rollen mit hoher Vergütung und geringer administrativer Belastung. Erfahrene Fachkräfte sehen sich eher als Mentoren, denn als klassische Führungskräfte.

Slowenien als Gegenmodell

In großen slowenischen Unternehmen bleibt das mittlere Management stabil.

  • Krka optimiert Prozesse, reduziert aber keine Führungsebenen und investiert in Schulung und Mentoring.

  • Novartis verzeichnet ein Wachstum von fast 19 Prozent im mittleren Management. KI dient hier als Unterstützung, nicht als Ersatz.

  • Petrol hält Managementzahlen konstant und setzt auf Digitalisierung zur Effizienzsteigerung.

  • NLB achtet beim KI-Einsatz auf ethische Grundsätze und evaluiert Reorganisationen regelmäßig.

  • Telekom Slovenije stärkt Managerrollen durch gezielte Förderung von Zusammenarbeit.

  • Zavarovalnica Triglav strafft Strukturen, behält mittlere Führungsebene bei und setzt auf Mentoring.

  • Pozavarovalnica Sava plant eine schrittweise Anpassung der Rollen ohne Positionsabbau.

  • Salus nutzt KI zur Prozessoptimierung, ohne Führungsebenen zu verringern.

Strategien für den Erhalt einer gefährdeten Führungsebene

Der Rückgang mittlerer Führungsebenen zeigt sich weltweit, doch er ist nicht zwangsläufig. Unternehmen, die gezielt auf Weiterbildung, digitale Prozesse und den sinnvollen Einsatz von künstlicher Intelligenz setzen, können diese Rollen erhalten und sogar stärken.

Für Deutschland bedeutet das, dass strategische Technologieanwendung, kombiniert mit Kompetenzentwicklung und Mentoring, den mittleren Managementbereich stabilisieren und gleichzeitig Effizienz sowie Innovationskraft fördern kann.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien im Fokus, während die Wall Street im Minus bleibt
23.10.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Warum Technologiewerte und Rohstoffe die Anleger derzeit in Atem halten.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Erfolgreich mit Bio-Erdnüssen: Zwei Bauern sparen mit KI 90 Prozent der Arbeitskosten
23.10.2026

Trockenheit wird für Europas Landwirtschaft zum immer größeren Problem. Zwei Brüder aus Österreich reagieren darauf mit einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
23.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Größter Verkauf russischen Goldes seit der Finanzkrise 1998: Weitere Tonnen verschwinden aus den Tresoren
23.10.2026

Die neuesten Daten der russischen Zentralbank zeigen, dass die Verkäufe aus den Goldreserven seit Jahresbeginn bereits 62 Tonnen erreicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum Frankreich weniger Schulden hat als die USA, dafür aber härter bestraft wird
23.10.2026

Die neuesten Eurostat-Daten für das zweite Quartal zeigen, dass die französische Staatsverschuldung im Verhältnis zur...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr: Wehrdienst-Fragebogen ignoriert? Dann droht ein Bußgeld
23.10.2026

Seit Januar werden in Deutschland junge Menschen ab 18 von der Bundeswehr zu ihrer Bereitschaft eines möglichen Wehrdiensts angeschrieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DWN-Podcast Folge 48: Die Woche im Rückblick – KW 43
23.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Politik
Politik Länderfinanzausgleich: Söder will AfD- und Linke-Ländern Geld streichen
23.10.2026

Mit einer sogenannten "Extremismusklausel" will Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mögliche von der AfD oder der Linken geführten...