Finanzen

Contrarian Thinking: Wie falsche Narrative unsere Wahrnehmung verzerren – und was das für Anleger bedeutet

In einer Welt voller Empörung, Filterblasen und ideologischer Schlagzeilen lohnt sich ein zweiter Blick. Wer immer nur der öffentlichen Meinung folgt, riskiert, Chancen zu verpassen – vor allem an der Börse. Doch wie trennt man Moral von Marktlogik?
09.11.2025 13:30
Lesezeit: 3 min
Contrarian Thinking: Wie falsche Narrative unsere Wahrnehmung verzerren – und was das für Anleger bedeutet
Wer dem Mainstream folgt, verpasst Chancen bei der Geldanlage (Foto: iStockphoto.com/anyaberkut). Foto: anyaberkut

Geldanlage und Contrarian Thinking

Immer, wenn ich in den Medien, besonders den Social Media, eine empörte Skandal-Nachricht lese, frage ich mich: Welches Interesse steht dahinter? Ist es erkennbar und transparent, kann ich die Nachricht in das breite Spektrum der möglichen Meinungen einordnen. Ist die Antwort nicht klar, kommt die Info sofort in meinen geistigen Trashbin und verschmutzt mein Gehirn nicht.

Es ist ja leider so, dass alle öffentlichen Äußerungen über die Realität interessengelenkt und ideologisch gefärbt sind. Statt einer möglichst objektiven (ganz möglich ist das ja nie) Berichterstattung, erleben wir meist Haltungs-Journalismus. Alles ist Kommentar. Jeder will uns beeinflussen. Das ist ja auch schön, wenn wir in unseren Vorurteilen nicht gestört werden wollen, sondern bestätigt. Dann liest sich das natürlich viel angenehmer als eine kontroverse Meinung, die unangenehm aufstößt. Aber bei Investments sollte man doch ein bisschen aufpassen. Da geht es immerhin ums Geld.

Für Deutschland arbeite ich mit einem „Moral-Bias-Indicator“: immer, wenn die deutschen Medien, die deutsche öffentliche Meinung und Politik irgendetwas ganz schlecht und schlimm finden, dann sollte man sich das doch noch mal näher anschauen, vielleicht steckt sogar ein gutes Geschäftsmodell dahinter? Man muss ja sowieso unterscheiden zwischen dem Staatsbürger und dem Investor. Zwei unterschiedliche Blickwinkel.

Wenn Empörung zum Investment-Signal wird

Nehmen wir zum Beispiel mal Shale Gas (Fracking), das ist in Deutschland sehr negativ besetzt. Ja kann ich verstehen, da stehen natürlich bestimmte Weltanschauungen dahinter. In den USA hat das Fracking aber mit dazu beigetragen, dass die USA unabhängiger vom arabischen Öl, teilweise sogar zum Energie-Netto-Exporteur geworden sind (Flüssiggas nach Deutschland, Absichtserklärung der EU bis 2028 750 Mrd. USD an Energie von den USA abzunehmen). Das hat geopolitische Auswirkungen und bot Investmentmöglichkeiten, z.B. 2014-2016 High-Yield Anleihen an Shale-Gas-Explorateure.

Oder Elon Musk. Am 23. Mai 2023 sagte er: „GPUs at this point are considerably harder to get than drugs.” Witzig … aber auch ein klares Kaufsignal für die Nvidia-Aktie – es sei denn natürlich, man wäre aus moralisch ideologischen Gründen ein Musk-hater und verpasst die Chance.

Die Macht der Narrative – und was sie kosten kann

Ein weiteres Beispiel: die Palantir-Aktie. Ganz, ganz böse, macht ganz schlimme Sachen mit künstlicher Intelligenz, vermutlich Rasterfahndung für Regierungen und Polizei. Möglicherweise sogar auch Einsatz in kriegerischen Konflikten. Peter Thiel, Mit-Gründer, nach einhelliger deutscher Auffassung ein scary Typ. Ja, ich verstehe natürlich die negative Sicht, aber blind folgen muss man dem Narrativ ohne Überprüfung nicht. Peter Thiel hat neulich der New York Times ein Interview gegeben und was man in Deutschland davon erfahren hat, war, dass er vom Antichrist geredet hat. Wenn man sich das Interview mal tatsächlich angehört hat, war es zwar teilweise ein bisschen weird, aber nicht komplett verrückt, sondern streckenweise sehr philosophisch. Und die Firma Palantir hat einen gigantischen Aufstieg an der Börse vollzogen. Wer also dem moralisch getränkten deutschen Mainstream gefolgt ist, hat auch hier Investment-Chancen vergeben.

Obama trat in Berlin an der Gold-Else auf und die Deutschen liebten ihn, zu Tränen gerührt, ich auch! Seine Reden waren wunderbar! Wir mochten auch Hillary Clinton und Joe Biden. Aber immer dann, wenn die deutsche Öffentlichkeit einen ausländischen Politiker besonders gut findet, sollte man genauer hinschauen. Als der sympathische, aber schon etwas senile Joe Biden gewählt war, fragten wir uns in der Atlantik Brücke: Die Autokraten dieser Welt könnten das als Signal der Schwäche des Westens werten, wer wird als erster aus dem Loch kommen und einen Angriffskrieg beginnen? Am 24. Feb. 2022 wussten wir dann, wer.

Sympathie ist kein Investment-Ratgeber

Und umgekehrt natürlich Donald Trump, der wurde ja einhellig von der deutschen Presse und der Öffentlichkeit niedergeschrieben („rapist, verurteilter Straftäter“), er ist ja auch schrecklich, aber: er ist ein Disruptor, und die Deutschen lieben die Disruption nicht. Donald Trump, der Kriegstreiber, wird gesagt, Donald Trump wird die Welt in den nächsten Weltkrieg stürzen. Möglich, aber ist es wahrscheinlich? Wenn das die westliche Meinung über ihn ist, sollte man sich das noch mal genauer anschauen.

Ich möchte zu Bedenken geben, dass starke Führer-Persönlichkeiten, die durch politische Macht zu Geld gekommen sind (zum Beispiel Putin), ein viel lockereres Verhältnis zum Krieg haben als Politiker, die mit unternehmerischem Erfolg an die politische Macht gekommen sind. Die sind sehr viel sensibler für den Zustand der Wirtschaft und die Börsenkurse. Und ihre ganzen Buddies und Freunde und Kabinette auch. Keep that in mind. Man schädigt sich ja nicht gerne finanziell selbst durch einen kostspieligen Krieg. Insofern stimmt vielleicht das Gegenteil.

Das Prinzip des Contrarian Thinking

Das ist letztlich das Versprechen des Contrarian Thinking, dabei sind wir uns darüber im Klaren: der Mainstream hat nicht immer unrecht und der Contrarian Thinker ist keineswegs immer im Recht. Aber man sollte sich die Mühe machen, auch mal das Gegenteil zu denken. Auch wenn man dann kurz aus seiner Bubble oder Comfort Zone herausmuss. Und darauf kann man dann Investment-Entscheidungen aufbauen.

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Prof. Dr. Ulrich Seibert

                                                      ***

Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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