Finanzen

Aktienkennzahl KGV: Kein-Gewinn-Versprechen

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gilt als einfache Kennzahl für Aktienbewertungen – doch ist sie wirklich verlässlich? Warum steigen „überteuerte“ Aktien oft stärker als vermeintlich günstige? Eine kritische Betrachtung eines scheinbar klaren Aktien-Indikators, der Anleger immer wieder in die Irre führt.
12.10.2025 13:30
Lesezeit: 4 min
Aktienkennzahl KGV: Kein-Gewinn-Versprechen
Orientierung beim Aktienhandel: KGV oder der Blick auf den inneren Wert einer Aktie? (Foto: iStockphoto.com/Pla2na) Foto: Pla2na

KGV: Bedeutung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (Price-Earnings-Ratio, P/E-Ratio), kurz KGV, ist eine Kennzahl zur Bewertung einer Aktie. Sie gibt an, das Wievielfache eines Bilanzgewinns pro Aktie (Earnings per Share nach Steuern, kurz EPS) der Börsenpreis ist; mit anderen Worten: Wie viele Jahre bräuchte ein Unternehmen – bei gleichbleibendem Gewinn –, um den aktuellen Aktienkurs durch die Gewinne pro Aktie zu „verdienen“. Gerade für Privatanleger ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis eine wichtige Orientierung für den Aktienhandel. Doch sie hat ihre Tücken!

Ich kaufe überbewertete Aktien!

Ich spreche mit einem Fonds-Manager, und er sagt zu mir: Sie investieren auch in unterbewertete Aktien?

Nein, ich investiere am liebsten in überbewerte Aktien, und die, die am massivsten überteuert erschienen, sind meine besten Renner im Depot gewesen, schon seit vielen Jahren. Er schaut mich entgeistert an.

KGV ist ein gerade von Bankern und Asset Managern gerne benutzter, anschaulicher Indikator dafür, ob eine Aktie (oder ein ganzer Markt) teuer oder niedrig bewertet ist. Es ist aber auch ein sehr simpler Indikator, simpel genug, um ihn dem Bankkunden zu erklären, zu einfach für die komplexe Realität.

Es ist leicht zu verstehen: Wenn man ein KGV von 50 hat, dann heißt das, dass der Kurs dem 50-fachen des Jahres-Gewinns entspricht, man müsste also 50 Jahre warten, bis durch den jährlichen Bilanzgewinn der jetzige Preis aufgewogen wäre – und nur ein Teil davon wird ja als Dividende ausgeschüttet. Wollte man den Kaufpreis über die Ausschüttungen reinholen, müsste man dann wohl 100 Jahre warten. Diese Rechnung ist natürlich schief, denn nach 100 Jahren wäre der heutige Gewinn vermutlich allein schon durch die Inflation einen Witz.

Egal - 50 Jahre! Das klingt schlecht. Aber werfen wir doch mal einen anderen Blick auf das KGV:

Nehmen wir an, das KGV einer Aktie ist niedriger als der Durchschnitt und ich suche nach unterbewerteten Aktien. Ist diese Aktie jetzt wirklich unterbewertet? Wenn nur ich das KGV sehen würde und niemand sonst, dann vermutlich. Aber alle sehen das KGV. Millionen sind da draußen in der weiten Welt, die den ganzen Tag überlegen, wo sie Geld machen können. Viel schlauere Leute als ich. Wenn dieses niedrige KGV ein Signal für günstige Bewertung wäre, warum kaufen sie nicht? Möglicherweise deutet das darauf hin, dass diese Aktie überbewertet ist. Vielleicht wissen die mehr als ich, sehr wahrscheinlich sogar.

Und umgekehrt: da habe ich mal Anfang der Zweitausender Amazon Aktien gekauft und sie hatten einen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 70 und dann haben meine biederen Banker dringend abgeraten: bei dem KGV, viel zu teuer! Überbewertet! Ich müsste also 70 Jahre warten, um den Kaufpreis durch den Gewinn aufzuwiegen.

Insane

Zum Glück habe ich trotzdem gekauft, vielleicht nicht so viele wie ohne diese Warnungen, aber immerhin, die Aktie ist danach noch mal um 10.000 % gestiegen. Bis heute. Sie war damals also auf lange Sicht unterbewertet, obwohl sie nach dem KGV massiv überbewertet schien.

Und dann haben wir solche Aktien wie NVIDIA (Sept. 2025: KGV 50), aber noch viel extremer. Nehmen wir mal Palantir, das hat zurzeit ein KGV von nahe 600. Oder ähnlich der Drohnenhersteller Kratos Defense. Das ist absurd. Insane. Völlig verrückt. Ich denke, ich muss sofort aussteigen. Zum Glück habe ich die Aktien schon vor einigen Jahren gekauft. Da waren sie auch schon völlig überteuert gemessen am KGV und sind dann doch noch mal um über 1000 % gestiegen. Und sie steigen immer weiter. Jedenfalls, während ich das schreibe, vielleicht ist das am Tag der Veröffentlichung schon wieder anders. Alle sehen doch, dass dieses KGV völlig absurd hoch ist. Warum kaufen sie dann trotzdem weiter? Ist die Aktie vielleicht in Wahrheit unterbewertet?

Aktienhandel: Die Story

Dies führt zu dem Ergebnis, das KGV von Einzelaktien nur noch als eines von vielen Merkmalen aus dem Augenwinkel zu betrachten. Sicherlich ist es bedeutsamer als der isolierte Preis der Aktie. Manche meinen ja, eine Aktie, die nur 1 Euro kostet, sei billig, und eine die 500 Euro kostet teuer.

Viel wichtiger bei einer Aktie scheint mir die Story zu sein. Stimmt die Story? Hat die Aktie ein Geschäftsfeld, das in die Zukunft weist? Die Dot.Com-Blase um die Zweitausender Jahre ist da kein Gegenargument: diese Aktien bestanden vielfach überhaupt nur aus Fantasie und Rausch, die Geschäftsmodelle hat kaum einer verstanden, und sie waren oft auch gar nicht verständlich.

Bitcoin: KGV?

Und dann möchte ich mal den Vergleich ziehen zu Gold oder noch viel besser zu Bitcoin. Wie ist denn das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Bitcoin? Unendlich! Man dürfte als Krypto-Investor sogar froh und zuversichtlich sein: Massive Gewinnwarnungen, die bei Aktien sehr unschön für die Kurse sind, sind bei Bitcoin überhaupt nicht zu erwarten, da gibt’s ja keine Gewinne, also auch keine Gewinneinbrüche, selbst in schweren Konjunkturkrisen nicht, das erleichtert das Leben. Und bei Gold ist es ja ähnlich.

Warren Buffett: Das Orakel von Omaha und das KGV

Die Moral von der Geschichte ist doch: diese Bewertungs-Parameter sind entweder auf den jetzigen Moment bezogen und sagen nichts über die Zukunft oder sind auf die Zukunft bezogen und enthalten deshalb vage menschliche und höchst fehlerhafte Prognosen. „The valuation of a business is not reducible to any formula where you can actually put in the variables perfectly", plauderte Waren Buffett auf der Hauptversammlung in Omaha. Der US-Starinvestor ist also der Meinung, dass sich die Bewertung eines Unternehmens nicht auf eine Formel reduzieren ließe, in die Variablen perfekt einsetzen könne.

Nutzen Sie das KGV zur ersten Orientierung beim Aktienhandel. Entwickeln Sie dann aber lieber einen Instinkt dafür, wo die großen Stories liegen.

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Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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