Wirtschaft

Handelsstreit trifft große Volkswirtschaften: Zölle belasten Deutschland, China und die USA

Der globale Handelskrieg belastet die größten Volkswirtschaften und sorgt für wachsende Unsicherheit bei Industrie und Konsum. Kann Deutschland trotz dieser Turbulenzen seine wirtschaftliche Stabilität wieder erlangen?
29.11.2025 05:50
Lesezeit: 4 min

Zölle: Ein kriegerischer Zollkonflikt ohne Gewinner

Der Handelskrieg hat die drei größten Volkswirtschaften der Welt in den vergangenen neun Monaten unterschiedlich getroffen, doch das Ergebnis fällt für alle negativ aus. China, Deutschland und wahrscheinlich auch die USA selbst könnten von einem Gerichtsurteil gegen Donald Trump profitieren.

Der von Trump initiierte Zollkonflikt befindet sich gegen Jahresende in einer Art Waffenstillstand. Mit der Europäischen Union laufen Verhandlungen über Bedingungen, die im Durchschnitt Zölle von 15 Prozent für Europa bedeuten, während sich die Spannungen mit China leicht entspannt haben, unter anderem durch den Deal „Metalle für mich, Chips für dich“. Dennoch ist eine neue Normalität noch weit entfernt.

Alle großen Volkswirtschaften, ob Nettoexporteur wie China und Deutschland oder Defizitland wie die USA, sehen sich mit großer Unsicherheit konfrontiert. Industrieunternehmen und Arbeitnehmer blicken besorgt auf ihre heimische Wirtschaft. Auch Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Welthandelsorganisation warnen vor einem Rückgang des internationalen Handelsvolumens, der direkt auf die Zölle zurückzuführen ist.

Die USA sind die einzige westliche Industrienation, die für das kommende Jahr ein akzeptables Wachstum von 2 Prozent erwartet. Dieses Wachstum wird jedoch mit einem hohen Haushaltsdefizit erkauft, sodass die Amerikaner am Ende des Jahrzehnts mit Blick auf die Staatsverschuldung mit Italien und Griechenland vergleichbar sein könnten. Für China ist die Lage trotz eines Wirtschaftswachstums von fast 5 Prozent noch deutlich schwieriger.

Chinas Exportprobleme und die globale Produktionskette

Seit Beginn des Jahrhunderts basierte das globale Wirtschaftswachstum im Wesentlichen darauf, dass Europa Hochtechnologie-Maschinen an China lieferte. Mit deren Hilfe produzierte China Waren für die USA, die Amerikaner kauften diese Produkte dann mit weltweit geliehenem Geld. Fällt ein Teil dieser Kette aus, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Genau dies ist durch Trumps Zölle geschehen.

Deutschland, dessen Exportmaschine zusätzlich durch billige russische Energie unterstützt wurde, spürt die Auswirkungen stark. Vier Jahre wirtschaftlicher Rückgang zwingen die stark mittelständisch geprägte Industriewirtschaft, selbst Lösungen für ein Defizit zu suchen, das den Deutschen sonst fremd ist. Die von der Mitte-rechts-Koalition geführte Bundesregierung beschloss diese Woche, das Kreditvolumen um acht Milliarden Euro zu erhöhen.

Bundeskanzler Friedrich Merz plant einen Investitionsboom, der Mittel freisetzt, die auch für wachsende Sozialausgaben verwendet werden. Aktuelle Wirtschaftsvorhersagen zeigen jedoch, dass der Export in die USA um mehr als sieben Prozent zurückgegangen ist, im August sogar um 23 Prozent. Gleichzeitig produziert China selbst immer mehr Maschinen, die zuvor auf deutsches Know-how angewiesen waren.

Chinas schwacher Binnenkonsum

Trotz tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen bleibt der Binnenkonsum in China schwach. Wie die vorsichtigen Deutschen neigen auch die Chinesen nur eingeschränkt zum Konsum oder zu Investitionen. Ein geplatzter Immobilienmarkt hat viele Haushaltsreserven aufgezehrt: Wohnungen sind im Durchschnitt 20 Prozent weniger wert als vor vier Jahren, in peripheren Städten noch deutlich mehr.

In einem Land ohne nennenswertes soziales Sicherheitsnetz ist der Konsum zusätzlich gesunken. Auch das Wachstum von Unternehmensdarlehen liegt bei weniger als einem Fünftel des Vorjahreswertes. Der Konsum, der in den USA etwa 70 Prozent des BIP ausmacht, liegt in China inzwischen unter 40 Prozent des BIP. Analysen von Bloomberg zeigen, dass die Verkaufszahlen westlicher Großunternehmen wie Apple oder Volkswagen stark zurückgegangen sind. Chinesische Autohersteller geraten aufgrund von Überproduktion und Handelshemmnissen in einen Preiskampf. Zusammen mit der allgemeinen wirtschaftlichen Abschwächung hält dies China bereits länger in Deflation. Verbraucher erhöhen ihre Sparquote auf 110 Prozent des BIP, den höchsten Wert der Geschichte.

US-Wirtschaft zwischen Aktienboom und Unsicherheit

Die US-Wirtschaft profitiert trotz hoher Inflation von einem starken Aktienmarkt, den Trump nutzt, um die historische Stärke der Wirtschaft zu betonen. Aktueller Verkaufsdruck zeigt jedoch, dass vor allem Chipproduzenten und Unternehmen im Umfeld des KI-Booms die Gewinne des letzten Monats wieder verloren haben. Oracle, nach dem Nvidia-Deal im September um 30 Prozent gestiegen, liegt wieder auf Vorkursniveau.

Nach mehreren Verlusten bei lokalen Wahlen konzentriert sich Trump auf die Konsumenten, die trotz seiner Einschätzung wirtschaftlicher Unsicherheit steigende Preise spüren. Die Regierung hat Handelsabkommen mit mehreren mittelamerikanischen Ländern angekündigt, die Bananen und Kaffee liefern.

Die Inflation liegt bei drei Prozent, ein Punkt über dem Ziel der Federal Reserve. Laut Regierung sollten sinkende Zölle auch die Preise senken, auch wenn dieser Zusammenhang während des Zollkriegs nie anerkannt wurde. Es ist unklar, wie sich die US-Wirtschaft genau entwickelt, da im Oktober viele Daten nicht erhoben wurden. Der September-Bericht zum Arbeitsmarkt zeigte eine deutlich verlangsamte Stellenzunahme. Neuere private Bewertungen lassen keine signifikante Inflation erkennen, obwohl die Tendenz weiterhin nach oben zeigt.

Politische Unsicherheit könnte Handel neu ordnen

Die US-Handelspolitik steht vor der Möglichkeit, dass der Oberste Gerichtshof vor Jahresende entscheidet, dass die als Notfall verhängten Zölle möglicherweise gar nicht rechtmäßig waren. Dies könnte zu Rückzahlungen von Milliardenbeträgen an Unternehmen führen und bereits geschlossene Deals mit Partnern wie der EU infrage stellen.

Forscher des CEPR-Thinktanks gehen hingegen davon aus, dass ein Gerichtsurteil Trump politisch zugutekommen könnte. Sollte ihre Einschätzung stimmen, müsste Washington rund 270 Milliarden Dollar an Zöllen zurückerstatten, etwa ein Prozent des BIP. Dean Baker vom CEPR betont, dass das reale Lohnwachstum praktisch null sei, die Arbeitslosigkeit steige und die Aktienmarktblase rund um künstliche Intelligenz die größte Unbekannte darstelle. Ein Gerichtsurteil könnte daher einen wirtschaftlichen Impuls geben, auch wenn es nicht ausreicht, um eine geplatzte Blase vollständig auszugleichen.

Lehren für Deutschland aus dem Handelskonflikt

Für Deutschland zeigt sich, dass die Abhängigkeit von Exporten und die enge Verflechtung mit China und den USA sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Die Industrie ist auf stabile Handelsbeziehungen angewiesen, während Unsicherheit in globalen Lieferketten Investitionen und Planungssicherheit erschwert.

Gleichzeitig verdeutlicht die Situation die Notwendigkeit, die Binnenwirtschaft zu stärken, Investitionen in Zukunftstechnologien zu erhöhen und politische Strategien auf eine global volatile Handelswelt auszurichten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street schließt uneinheitlich, während Tech-Rallye den S&P 500 auf ein Rekordhoch treibt
15.04.2026

Ein spannender Handelstag voller Kontraste hält Anleger in Atem und sorgt für überraschende Wendungen.

DWN
Politik
Politik Nach Corona-Bonus nun die Entlastungsprämie für Beamte: Öffentlicher Dienst besteht auf 1000-Euro-Krisenbonus
15.04.2026

Die Koalition plädiert für eine steuer- und abgabenfreie Prämie vom Arbeitgeber - damit ist auch der Bund in der Pflicht. Über 5...

DWN
Politik
Politik „Strategische Partnerschaft“ mit der Ukraine: Deutschland vereinbart Rüstungsdeals mit Selenskyj
15.04.2026

Die finanzielle und militärische Hilfe für die Ukraine nimmt federführend durch Deutschland und Großbritannien an Fahrt auf. Nachdem...

DWN
Technologie
Technologie Novo Nordisk-Aktie: KI von OpenAI soll Pharmaentwicklung beschleunigen
15.04.2026

Novo Nordisk treibt den Einsatz von KI in der Pharmaindustrie voran und setzt dabei auf eine Kooperation mit OpenAI. Kann künstliche...

DWN
Politik
Politik Deutschlands Photovoltaik-Ausbau: Wie Solarstrom Europas Energiemarkt stabilisiert
15.04.2026

Deutschlands Photovoltaik-Ausbau gewinnt in einem angespannten geopolitischen Umfeld strategisch an Bedeutung für den europäischen...

DWN
Politik
Politik YouGov-Umfrage: AfD klar stärkste Kraft - Union stürzt auf schlechtesten Wert seit vier Jahren
15.04.2026

In einer YouGov-Umfrage kann sich die AfD deutlich von den anderen Parteien absetzen. Auch Grüne und Linke legen zu. Die einzigen, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Prognose der Deutschen Bank: US-Dollar verliert an Stärke
15.04.2026

Die Deutsche Bank sieht eine veränderte Ausgangslage an den Devisenmärkten und rät Marktteilnehmern zu einer Neuausrichtung ihrer...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzspritze vom Bund: Eine Milliarde Euro für Länder und Kommunen
15.04.2026

Der Bund greift hoch verschuldeten Kommunen unter die Arme. Doch nicht nur sie werden entlastet - sondern auch die reichsten Bundesländer.