Unternehmen

Mittelstand vor existenziellen Problemen: Keine Aufträge und schlechte Rahmenbedingungen

Wie eine aktuelle Umfrage des ifo-Instituts ergab, sehen sich 8,1 Prozent der befragten Firmen direkt in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Das ist fast jedes zwölfte Unternehmen, im Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 7,3 Prozent. Schwierige wirtschaftliche Bedingungen und internationaler Wettbewerb machen den Unternehmen zu schaffen.
21.12.2025 08:41
Aktualisiert: 26.12.2025 13:51
Lesezeit: 4 min
Mittelstand vor existenziellen Problemen: Keine Aufträge und schlechte Rahmenbedingungen
Die Zahl der Firmen, die sich in kritischem Fahrwasser befinden, steigt. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig und es fehlen Aufträge (iStock/Doucefleur). Foto: Doucefleur

Mittelstandskrise: Insbesondere im Einzelhandel sieht es trübe aus

Wie ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe aus den Ergebnissen der aktuellen Umfrage schlussfolgert, fehlen vielen deutschen Unternehmen aktuell die Aufträge, sie leiden unter schwacher Nachfrage und sehen sich einem zunehmenden internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Er geht davon aus, dass auch in den kommenden Monaten die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen weiterhin auf hohem Niveau bleibt. Über alle Branchen hinweg sehen die Unternehmen dabei die schwache Auftragslage als größtes Problem, wodurch die Liquidität erheblich eingeschränkt ist. Zusätzlich belasten gestiegene Personal- und Betriebskosten und überbordende Bürokratie, so die Analyse der Umfrage.

Ganz besonders dramatisch scheint die Lage im Einzelhandel zu sein. Hier sind 15 Prozent der Befragten in echter wirtschaftlicher Existenznot, nach eigener Einschätzung. Damit sind die diversen Einzelhandelsbranchen deutlich stärker betroffen als der Durchschnitt der deutschen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr waren es noch 13,8 Prozent der befragten Einzelhandelsunternehmen. Doch das ist nicht nur ein deutsches Problem.

Wie die Anwaltskanzlei, Weil Gotshal & Manges aus New York bereits im Oktober in ihrem firmeneigenen Index ermittelte, liegt die finanzielle Notlage in Europas Einzelhandels- und Konsumgüterbranche derzeit sogar über dem Niveau der globalen Finanzkrise von 2009. Die Bedingungen hätten sich in dem Sektor sowohl im Quartals- als auch im Jahresvergleich weiter verschlechtert, wie Bloomberg berichtete. Der jüngste Anstieg spiegele “eine schwächere Nachfrage nach nicht lebensnotwendigen Gütern, sinkende Gewinnmargen und verschärfte Kreditbedingungen” wider, ebenso wie anhaltende Unsicherheit über Zölle und Störungen in den Lieferketten, so Bloomberg weiter.

In Deutschland bleiben viele Einzelhandelsbetriebe auch kurz vor dem jetzt anstehenden und wichtigen, umsatzstarken Weihnachtsgeschäft verhalten. Das Barometer für das Geschäftsklima stieg im Oktober leicht auf minus 23,2 Punkte, von minus 23,8 Zählern im September, wie das Münchner ifo-Institut in einer Unternehmensumfrage mitteilte. „Das Geschäftsklima bei den Einzelhändlern bewegt sich auf niedrigem Niveau seitwärts“, sagte ifo-Experte Patrick Höppner. „Besonders die Erwartungen bleiben eingetrübt. Viele Händler gehen davon aus, dass die Geschäftssituation bis ins Jahr 2026 sehr herausfordernd bleiben wird.“

Auch Dienstleister haben nicht viel zu lachen

Obwohl sie bisher immer noch ganz gut dastanden, haben auch die Dienstleister mittlerweile nicht mehr viel zu lachen. Nach der ifo-Umfrage stieg auch hier die Insolvenzgefahr. Aktuell sehen sich 7,6 Prozent der Unternehmen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, letztes Jahr zur gleichen Zeit waren es noch 5,8 Prozent. Auch hier poppen die bekannten Probleme wieder auf. Aktuelle Probleme für Dienstleister in Deutschland sind vor allem der Fachkräftemangel, hohe Bürokratie und die Herausforderungen der Digitalisierung. Hinzu kommen eine allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit und hohe Kosten. Auch der Auftragsmangel ist hier natürlich ein Problem, denn es wird gespart an allen Ecken und Enden.

Industrie und Bauhauptgewerbe sehen leichte Entspannung

Ein bisschen entspannter sieht es in der Industrie und im Bauhauptgewerbe jetzt aus. In der Industrie ist der Anteil der selbst eingeschätzten Existenz-bedrohen Unternehmen von 8,6 auf 8,1 Prozent gesunken. Auch im Bauhauptgewerbe sieht man die Lage wieder etwas optimistischer. Nach 7,9 Prozent im Vorjahr sehen nun nur noch 6,3 Prozent der Unternehmen massive wirtschaftliche Probleme.

Bei den Selbstständigen und Kleinstunternehmen sieht es allerdings auch schlecht aus

Eine weitere aktuelle ifo-Studie deckt allerdings auch auf, dass es bei den Selbstständigen auch sehr mau aussieht. 19 % fürchten demnach, dass sie ihr Geschäft aufgeben müssen. Fast der Hälfte der Befragten fehlen Aufträge – der Wert für Oktober liegt in der Umfrage bei 46,6 Prozent gegenüber 43,6 Prozent im Juli. „Der wirtschaftliche Druck der Selbstständigen ist weiterhin hoch“, so ifo-Expertin Katrin Demmelhuber. Sie schätzt die Lage so ein, dass sich viele Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Lage auch mit neuen Aufträgen zurückhalten und zusätzlich als Verbraucher weniger konsumieren. Auch die Einschätzung der zukünftigen Geschäftsentwicklung fällt diesen Wirtschaftsteilnehmern schwerer als dem Durchschnitt der Wirtschaftsteilnehmer, die mit 22,6 Prozent ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht abschätzen können im Oktober 25. Rund 33,7 Prozent der befragten Selbstständigen und Kleingewerbebetreiber im Oktober 25 können aktuell ihre geschäftliche Entwicklung nicht vorhersagen. Das sind sogar außerdem noch mehr als im September 25 mit 30,4 Prozent. Diese Daten beziehen sich auf Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen mit weniger als neun Mitarbeitern, mit einem Schwerpunkt auf dem Dienstleistungssektor.

Verbände schlagen Alarm wegen der Wirtschaftspolitik

Die anhaltende Wirtschaftsflaute mobilisiert die Wirtschaftsverbände, die lautstark die aktuelle Wirtschaftspolitik kritisiert. Wie Industriepräsident Peter Leibinger bereits kritisierte, sei der angekündigte Herbst der Reformen ausgeblieben. Außerdem sei auch das Vertrauen in die Reformfähigkeit der Bundesregierung geschwunden. Industriepräsident Peter Leibinger kritisierte, dass der angekündigte Herbst der Reformen ausgeblieben sei. "Das Vertrauen in die Reformfähigkeit der Regierung ist erschüttert", so Leibinger. Auch die Industrie- und Handelskammer fordert wirksame Entlastungen statt politischer Ankündigungen. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass auch wieder im Oktober 2025 wieder mehr Unternehmen Insolvenz anmelden mussten als noch im Vorjahr.

Unternehmenspleiten nehmen in Deutschland weiter zu

Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland nimmt weiter zu. Gerade kleine und mittlere Betriebe sind mit den hohen Kosten, schwacher Nachfrage und unsicheren Perspektiven überfordert. Seit Jahresbeginn wurden 12.803 Insolvenzen registriert – ein Anstieg um 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sank die Zahl der Neugründungen um 3 Prozent auf 116.268, wie Dun & Bradstreet ermittelte. Auch hier werden als Grund die schwache Konjunktur, hohe Finanzierungs- und Energiekosten und eine sehr zurückhaltende Investitionsbereitschaft ausgemacht. Gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) leiden unter steigenden Betriebsausgaben und sinkenden Margen. In Deutschland präsentiert der Insolvenzatlas auch, aber nicht nur, besonders in Ostdeutschland alarmierende Zahlen. So ist der Anstieg der Insolvenzen in Sachsen-Anhalt um 17 Prozent gestiegen, In Thüringen und Hessen um 14 Prozent und in Brandenburg und Rheinland-Pfalz um 8 Prozent. Strukturschwächere Regionen sind insgesamt tendenziell stärker betroffen.

Bei den Insolvenzen ganz weit vorne liegt die Automobilbranche. Hier liegt der Anstieg der Insolvenzen bei 30 Prozent, mehr als in jedem anderen Wirtschaftssektor. Aber auch das Gastgewerbe mit +13 Prozent und der Anlagen- und Maschinenbau mit einem Anstieg von 12 Prozent führen die Insolvenzliste an. Hieraus wird von vielen Experten eine strukturelle Schwäche in zentralen Industriezweigen abgeleitet.

Auch bei den Neugründungen ist Ebbe abgesagt

Nicht nur die Insolvenzen steigen, auch bei den Neugründungen sieht es in Deutschland mau aus. Allein im dritten Quartal 2025 wurden drei Prozent weniger neu gegründete Unternehmen neu eingetragen als noch vor einem Jahr. „Die anhaltend hohen Insolvenzzahlen und der Rückgang bei den Neugründungen zeigen, dass die konjunkturelle Schwäche zunehmend strukturelle Züge trägt“, erklärt Stefan Kuhlmann, Commercial Director Deutschland bei Dun & Bradstreet. Seiner Analyse nach stehen viele Unternehmen aktuell vor der Herausforderung, Kosten, Investitionen und Nachfrage in Balance zu halten.

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