China und Russland: Gleichzeitige Angriffe ohne direkte Abstimmung?
Nach Einschätzung des dänischen Militärnachrichtendienstes könnte Russland zwei Jahre nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs in der Lage sein, ein europäisches Land anzugreifen. Doch diese Fähigkeit bedeute nicht automatisch einen entschlossenen Kurs, betont Thomas Ahrenkiel, Leiter des dänischen Auslandsgeheimdienstes Forsvarets Efterretningstjeneste.
Ahrenkiel verweist auf ein bekanntes Szenario: Russland baut seine Kriegswirtschaft mit hoher Geschwindigkeit aus. Gleichzeitig drängt Chinas Präsident Xi Jinping die Volksbefreiungsarmee dazu, innerhalb von zwei Jahren fähig zu sein, Taiwan zu überfallen. Beide Staaten könnten somit theoretisch parallel militärisch vorgehen.
Der Geheimdienstchef, der die Behörde bereits von 2010 bis 2015 leitete und seit September wieder im Amt ist, bezweifelt jedoch, dass Moskau und Peking ein abgestimmtes Vorgehen planen.
"Das beschriebene Modell ist ein Schreckensszenario mit gleichzeitigen Aktionen, die aber nicht zwingend zusammenhängen", sagte Ahrenkiel im Rahmen des Copenhagen Security Summit in Kopenhagen.
Warnungen der Nato – und eine Einordnung
Zuvor hatte der frühere Nato-Spitzenoffizier Rob Bauer in einem Interview ein düsteres Bild gezeichnet: In wenigen Jahren könnten Wladimir Putin und Xi Jinping eine gefährliche Absprache treffen und parallel Europa und Taiwan angreifen – ein Vorgehen, das im Extremfall eine weltweite Eskalation auslösen könnte. Bauer war bis Januar der ranghöchste Militär der Allianz.
Ahrenkiel ordnete diese Warnung ein. Er rät zu analytischer Vorsicht, weist aber auf relevante Entwicklungen hin. Das Fundament dafür liefert die jüngste Bedrohungsanalyse seines Dienstes. Seit 2024 hat Russland seine Rüstungsproduktion stark gesteigert und produziert inzwischen deutlich mehr Material, als es im Ukraine-Krieg verbraucht.
"Russland führt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg fort und rüstet gleichzeitig massiv auf", so Ahrenkiel. Sollte der Krieg enden oder in eine eingefrorene Situation übergehen, ohne dass Europa seine eigene Wiederaufrüstung beschleunigt, könnte Russland nach Einschätzung der dänischen Dienste zwei Jahre später ein regionales Angriffsszenario gegen ein oder mehrere Ostseestaaten durchführen.
"Russland sieht sich im Konflikt mit dem Westen und bereitet sich auf einen möglichen Krieg gegen die Nato vor. Das bedeutet nicht, dass es bereits eine Entscheidung dafür gibt. Doch die Kapazitäten dazu entstehen", heißt es in der Analyse.
Zeitlich fällt diese Entwicklung mit Xi Jinpings Vorgabe zusammen, die chinesischen Streitkräfte bis 2027 für eine Invasion Taiwans bereit zu machen. Damit ergeben sich parallele Zeithorizonte. Ob diese Gleichzeitigkeit einem koordinierten Vorgehen entspricht, hält Ahrenkiel jedoch für fraglich: Beide Staaten handelten primär auf Grundlage eigener strategischer Ziele. Zudem seien die Zeitlinien dynamisch und könnten sich rasch verschieben. Das beeinflusse auch die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Gleichlaufs.
Europas Verantwortung – und der Blick nach Deutschland
Nach Einschätzung des dänischen Nachrichtendienstes meidet Russland weiterhin jede direkte Auslösung von Artikel 5 des Nato-Vertrags. Die sogenannte Musketerregel bedeutet, dass ein Angriff auf einen Mitgliedstaat als Angriff auf das gesamte Bündnis gewertet wird. Dieses Risiko dürfte Russland davon abhalten, ein baltisches Nato-Land zu attackieren.
Dennoch sei eine entschlossene Antwort Europas entscheidend, betont Ahrenkiel. "Es geht darum, ob wir unsere sicherheitspolitische Zukunft selbst in die Hand nehmen. Europa trägt eine enorme Verantwortung dafür, wie stark wir militärisch dastehen und ob wir die Geschwindigkeit unserer Wiederaufrüstung erhöhen." Nur eine robuste Abschreckungsfähigkeit könne potenzielle Angriffe verhindern.
Was heißt das für Deutschland?
Die Bundesregierung investiert zwar durch das Sondervermögen in die Verteidigungsausgaben. Doch der Umbau der Bundeswehr, der Aufbau von Munitionsreserven und die Wiederbelebung industrieller Kapazitäten benötigen Zeit. Deutschland gilt als sicherheitspolitischer Kernstaat Europas, sodass die beschriebenen Szenarien erhebliche Relevanz für die deutsche Sicherheitsarchitektur haben.

